Unsere Werkshallen und Hütten brennen. Überall bauen Industriebetriebe Arbeitsplätze ab, verlagern, schließen. Besonders betroffen: Die Auto- und Zuliefererindustrie. Über 50 000 Arbeitsplätze gingen hier allein in den letzten 12 Monaten verloren.
Viele Industrieunternehmen wollen die Beschäftigten allein für die aktuelle Krise und die Transformation bezahlen lassen – obwohl es die Manager waren, die jahrelang verpennt haben in die Zukunft zu investieren. Jetzt fällt ihnen nichts Besseres ein als Personalabbau, Verlagerungen und Schließungen.
Schuld sei die Politik – und der teure Standort Deutschland, heißt es. Dabei liegt der Anteil der Lohnkosten in der Metall- und Elektroindustrie bei gerade mal 17,7 Prozent vom Umsatz (2024). Und die Dividenden steigen und steigen: Für das Geschäftsjahr 2024 schütteten die 160 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX die Rekordsumme von 62,5 Milliarden Euro an ihre Aktionäre aus – der dritte Rekord in Folge.
So nicht! Beschäftigte und IG Metall halten dagegen und kämpfen gegen den Kahlschlag, für die Zukunft von Standorten und Arbeitsplätzen.
Seit Donnerstag letzter Woche streiken die Beschäftigten bei Jungheinrich in Lüneburg (Foto oben). Trotz Rekordgewinn will die Geschäftsführung das Werk schließen - und weigert sich, mit der IG Metall zu verhandeln. Nach Protestaktionen und Warnstreiks haben 90 Prozent der Beschäftigten in einer Urabstimmung für Streik gestimmt.
Im Juli verkündete die Geschäftsführung des Gabelstaplerbauers Jungheinrich auf der Betriebsversammlung ihre Pläne zur Schließung bis 2027. „Das kam völlig aus dem Nichts“, kritisiert Steffen Schwarz, Betriebsrat und Mitglied des Aufsichtsrats. „Wir haben sie dann aus der Betriebsversammlung rausgeschmissen.“
380 Beschäftigte sind von den Schließungsplänen in Lüneburg betroffen. Insgesamt will Jungheinrich 1000 Arbeitsplätze im Unternehmen abbauen. Nichts davon hatte sich in den letzten Monaten angedeutet. Die Geschäftsführung hatte sogar das Ziel ausgegeben, dass der Umsatz bis 2030 – in nur fünf Jahren – verdoppelt werden soll.
Was den Betriebsrat und Elektriker Steffen Schwarz besonders ärgert: Die Schließungspläne wurden ihnen von einem Manager verkündet, der erst seit zwei Jahren im Unternehmen ist. Seit Steffen Schwarz damals vor 27 Jahren als Leiharbeiter mit Hilfe des Betriebsrats fest übernommen wurde, hat Lüneburg dem Konzern immer Gewinne gebracht. Und dann das.
„Das Werk in Lüneburg schreibt schwarze Zahlen, fertigt erfolgreich Spezial- und Kleinserien – und soll trotzdem geschlossen werden – nur damit sich die Rendite in den Chefetagen um ein paar Kommastellen verbessert“, kritisiert Lennard Aldag, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Celle-Lüneburg. „Wir fordern den Abschluss eines Sozialtarifvertrag. Die Beschäftigten sind bereit, für ihre Zukunft zu kämpfen. Die Beschäftigten wollen Zukunft, keine Abwicklung. Jungheinrich spielt mit Existenzen, als wären sie bloße Zahlen in einer Excel-Tabelle. Das lassen wir nicht zu – wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz!“
Das Vorgehen des Jungheinrich-Managements ist ein Tabubruch aus Sicht von Beschäftigten und IG Metall. Firmengründer Friedrich Jungheinrich hatte vor mehr als 70 Jahren immer gesagt: „Ein Unternehmen ist kein Selbstzweck. Es hat den Menschen zu dienen.“
In den letzten Wochen haben die Beschäftigten gezeigt, dass sie kämpfen können. Unter dem Motto „Zukunft oder Widerstand“ demonstrierten sie vor der Konzernzentrale in Hamburg und in der Lüneburger Innenstadt – und machten mit zwei Warnstreiks Druck.
Nun folgt die nächste Stufe: der unbefristete Arbeitskampf. Obwohl die Beschäftigten immer wieder den Streik unterbrechen, ging seit Donnerstag kein einziger Gabelstapler raus. „Wir fahren eine On-Off-Strategie mit Wellenstreiks“, erklärt Florian Rebstock, Streikleitung der IG Metall Celle-Lüneburg. „Wir – die Beschäftigten und die IG Metall - entscheiden, wann produziert wird und wann nicht.“
Ende 2028 will Bosch das Werk Waiblingen mit 560 Beschäftigten schließen. Das verkündete die Unternehmensleitung Anfang Oktober. Dagegen protestierten am Montag rund 2000 aktuelle Beschäftigte und ehemalige Beschäftigte bei einer Demo vor dem Werk. 600 der Demonstranten waren Beschäftigte anderer Bosch-Standorte, die ihre Kolleginnen und Kollegen in Waiblingen solidarisch unterstützten.

2000 Beschäftigte demonstrierten gegen die Schließungspläne bei Bosch in Waiblingen.
Auch an anderen Standorten plant Bosch massive Einschnitte. Erneut 13 000 Stellen will die Geschäftsleitung von Bosch insgesamt bis 2030 an den deutschen Mobility-Standorten abbauen, obwohl in den letzten Jahren bereits 9000 Arbeitsplätze gestrichen worden waren. Insgesamt summiert sich der in den nächsten Jahren geplante Abbau auf 22 000 Arbeitsplätze. Damit will die Geschäftsführung eine drohende jährliche Kostenlücke von 2,5 Milliarden Euro schließen.
Konzepte für die Zukunft? Fehlanzeige. Dabei hatte Bosch mit Betriebsrat und IG Metall Regelungen zur gemeinsamen Gestaltung der Transformation abgeschlossen, unter Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2027 – gegen Zugeständnisse der Beschäftigten.
Bundesweit wehren sich die Beschäftigten bei Bosch nun mit Demonstrationen.
„Statt wie vereinbart an den Standorten über Zukunftsbilder zu verhandeln, sollen nun erneut Tausende Menschen das Unternehmen verlassen“, kritisiert der Gesamtbetriebsratsvorsitzende des Bosch-Geschäftssektors Mobility, Frank Sell. „Es steht außer Frage, dass die Situation in der deutschen und europäischen Automobil- und Zulieferindustrie sehr angespannt ist. Einen Personalabbau dieser historischen Größenordnung - ohne gleichzeitige Zusagen zur Sicherung unserer Standorte in Deutschland - lehnen wir jedoch entschieden ab!“
Als Robert Bosch vor über hundert Jahren sein Unternehmen gegründet hat, sollte es nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern auch soziale Verantwortung übernehmen und dem Gemeinwohl dienen. „Ich zahle lieber mehr Lohn als mehr Dividende“, sagte Bosch damals. Doch heute scheinen dem Bosch-Management 3,17 Milliarden Euro Ebit-Rendite im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024 nicht mehr zu genügen.
„Hinter den ‚Transformationsplänen‘ des Unternehmens verstecken sich oftmals auch knallharte Verlagerungspläne, um in „Best Cost Countries“ kostengünstiger zu entwickeln und zu produzieren“, kritisiert Adrian Hermes, Konzernbeauftragter der IG Metall und Aufsichtsratsmitglied bei Bosch.
Die IG Metall fordert nun Verhandlungen, bei denen alle Kostenpositionen und Optionen auf den Tisch kommen – und Zusagen für deutsche Standorte insbesondere bei Zukunftstechnologien unter Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.
„Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie Bosch sich aus der Verantwortung stiehlt und den Standort im Stich lässt“, betont Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg. „Jetzt heißt es zusammenstehen – wir werden gemeinsam mit den Beschäftigten den Widerstand organisieren und für den Erhalt der Arbeitsplätze und eine starke Zukunft in der Region kämpfen.“
Die Ausgliederung der Antriebssparte Division E beim Autozulieferer ZF mit bundesweit über 20.000 Beschäftigten ist vom Tisch. ZF will nun doch die elektrifizierten Antriebstechnologien aus eigener Kraft als „integralen Bestandteil“ weiterentwickeln. Das haben Gesamtbetriebsrat und IG Metall mit der Geschäftsleitung ausgehandelt.
Im Gegenzug soll bis 2027 eine halbe Milliarde Euro im hochverschuldeten ZF-Konzern eingespart werden – durch eine Absenkung der Arbeitszeit um 7 Prozent, tarifliche und betriebliche Beiträge sowie Effizienzmaßnahmen – jedoch ohne betriebsbedingte Kündigungen.
91 Prozent der IG Metall-Mitglieder der ZF-Standorte haben für das Verhandlungsergebnis zur Restrukturierung gestimmt. Fast 10.000 ZF-Beschäftigte hatten in den letzten Monaten mit bundesweiten Aktionen Druck gemacht.
„Dieses Ergebnis ist ein starkes Signal der Solidarität und des Zusammenhalts in schwierigen Zeiten“, betont Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg. „Die IG Metall-Mitglieder bei ZF haben mit ihrem Votum gezeigt, dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – für die Zukunft ihrer Arbeitsplätze, ihrer Standorte und der Transformation bei ZF.“
Das Verhandlungsergebnis zeigt, dass Transformation nicht gegen, sondern nur mit den Beschäftigten gelingen kann, meint Helene Sommer, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben und IG Metall-Unternehmensbetreuerin für ZF. „Die Kolleginnen und Kollegen haben mit ihrer Zustimmung deutlich gemacht, dass sie bereit sind, diesen Weg mitzugehen – unter der Bedingung, dass Sicherheit und Perspektiven für die Menschen im Mittelpunkt stehen. Das Unternehmen wird nun seinen Teil dazu beitragen müssen – und daran werden wir es messen!“

„Mit einem blauen Auge davongekommen“: ZF-Aktionstag in Schweinfurt, wo besonders viele Beschäftigte in der Division E arbeiten.
„Zukunft oder Widerstand“ – das war bereits vor drei Jahren das Motto der Beschäftigten beim Autozulieferer Musashi. Nun hat Lennard Aldag, erster Bevollmächtigter der IG Metall Celle-Lüneburg, dort einen weiteren Kampf zu führen. Damals, 2022, kämpften sie mit Warnstreiks gegen das Sparprogramm des Managements, das sich nicht um die Elektromobilität gekümmert hatte. Doch ihren damals erkämpften Zukunfts- und Sozialtarifvertrag, der die Beteiligung der Beschäftigten bei der Gestaltung neuer Produkte und Geschäftsprozesse beinhaltet, will das Management nun brechen: Zwei der fünf Standorte sollen ganz plattgemacht – und der Standort Lüchow, den Alldag betreut, zur Hälfte abgebaut werden.
Das lassen sich die kampferfahrenen Metallerinnen und Metaller bei Musashi nicht bieten. Aktuell laufen noch Verhandlungen um eine tarifliche Lösung. Für den Fall, dass bis Ende November keine Lösung gefunden wird, bereitet die IG Metall eine Urabstimmung für einen Streik vor.
Überall in Deutschland kämpfen Beschäftigte gemeinsam mit der IG Metall für ihre Arbeitsplätze – und für die Zukunft unserer Industrie. Und es gelingt uns auch immer wieder, Abbau und Schließungen zu verhindern – etwa beim Autozulieferer Boge im rheinland-pfälzischen Simmern: Dort erkämpften Beschäftigte und IG Metall, dass die chinesische Konzernleitung die Fertigung von Eisenbahnteilen aus China nach Deutschland verlagert – und das Werk damit gesichert ist.
Doch die IG Metall sieht auch die Politik gefordert, endlich bessere Bedingungen für die Industrie zu schaffen – und so die Deindustrialisierung zu stoppen. Etwa den schnelleren Ausbau günstiger erneuerbarer Energien, von Stromnetzen, Speichern und Wasserstoff-Elektrolyse. Immerhin hat die Bundesregierung nun endlich den günstigeren Industriestrompreis von rund 5 Cent pro Kilowattstunde ab Januar 2026 beschlossen, den die IG Metall seit mehr als drei Jahren fordert.
Außerdem muss die Politik auf die veränderten Realitäten im Welthandel reagieren. Die IG Metall fordert daher Local-Content-Regelungen mit verbindlichen Quoten, um wieder mehr Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu verwirklichen.
„Die USA und China haben sich vom fairen Wettbewerb verabschiedet“, erklärt die Erste Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, auf einer Industriekonferenz der IG Metall Ende September in Berlin. „Wir müssen dieser neuen Realität etwas entgegensetzen. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik mit Gestaltungsanspruch. Der Markt allein wird es nicht richten.“
Dabei setzt sich die IG Metall auch Seite an Seite mit den Arbeitgebern in Berlin und Brüssel ein. Mit dem Verband der Automobilindustrie (VDA) etwa hat die IG Metall eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht: „Jetzt Arbeitsplätze in der Automobilindustrie sichern“. Dort fordern sie bessere Rahmenbedingungen für die Elektromobilität und eine Flexibilisierung der CO2-Regulierungen. Das Ziel ist, dass „Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und die gute Beschäftigung am Standort Deutschland dabei gewahrt bleiben.“
In der Stahlindustrie etwa demonstrierten Metallerinnen und Metaller bei mehreren Stahlaktionstagen für bessere Rahmenbedingungen und staatliche Förderung zum Umstieg auf klimaneutrale Technologien wie grünen Wasserstoff.
Umso enttäuschender ist es, dass die Arbeitgeber dann dieses Bündnis für unsere deutsche Industrie aufkündigen – und auf Abbau und Verlagerung setzen.
„Viele Arbeitgeber haben die gemeinsame Gestaltung des Wandels hin zu klimaneutralen Industrien aufgekündigt. Immer mehr stellen sich nicht mehr den gestalterischen Herausforderungen“, kritisiert Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall. „Statt auf Innovation und damit auf Wachstum zu setzen, versuchen sie Gewinne zu optimieren – das heißt: Arbeitsplätze abbauen und verlagern.“
So nicht! Die Arbeitgeber müssen Verantwortung übernehmen und sich zum Standort Deutschland bekennen – ansonsten müssen sie mit kampfbereiten Metallerinnen und Metallern rechnen. Zukunft oder Widerstand.