1. Juli 2020
Christoph Böckmann
Thyssen-Krupp
Stahl hat eine grüne Zukunft
Die ersten Schritte hin zu einer klimaneutralen Produktion laufen. Wasserstoff statt Einblaskohle ist nun bei Thyssen-Krupp Steel die Devise. Und bald weichen auch Koks und Hochofen. Der Betriebsrat und die Beschäftigten packen den Wandel an.

Bei Thyssen-Krupp Steel fürchtet niemand  technische Herausforderungen: „Stell mir so ein Ding hin, ich bin gern bereit, das zu lernen und zu fahren“. Eine Aussage, die Tekin Nasikkol, Betriebsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp Steel immer wieder von Beschäftigten hört. Mit dem „Ding“ ist eine Wasserstoff-Direktreduktionsanlage gemeint. Sie ist die Zukunft der Stahlproduktion. 

Mit einer Direktreduktionsanlage können Stahlhersteller klimaneutral produzieren. Denn das Ding gibt nur Wasser als Nebenprodukt ab, während der Hochofen so viel CO2 rausbläst, dass die Branche zu den großen Emittenten in Deutschland zählt. Doch bislang gibt es hierzulande keine Direktreduktionsanlagen. Und die Umstellung wird teuer. Auf rund 10 Milliarden Euro schätzt Thyssen-Krupp Steel die Investitionen, um bis 2050 klimaneutral zu werden. Doch Geld ist bei den Duisburgern gerade knapp. Auch bei anderen Herstellern ist die Finanzierung ein Problem. Denn: Mit Stahl lassen sich nur noch sehr enge Margen erzielen und die Umsätze sind durch Covid-19 massiv eingebrochen.

Sollen die Hersteller Stahl klimaneutral produzieren, muss die Politik den Umbau finanziell unterstützen. Auch muss sie gewährleisten, dass die Hütten dann genügend Wasserstoff und grünen Strom bekommen. Der Branchenverband der deutschen Stahlindustrie rechnet mit einem zusätzlichen jährlichen Strombedarf von mindestens 130 Terawattstunden, insbesondere für die Deckung des Wasserstoffbedarfs. Um das zu gewährleisten, wären beispielsweise 12 000 zusätzliche Windkrafträder in Deutschland notwendig. Hinzu kommt, dass die dringend benötigte Energieinfrastruktur, wie auch entsprechende Strom- und Wasserstofftrassen, nicht vorhanden ist und zugebaut werden  muss. Ist klimaneutrale Stahlerzeugung also ein Ding der Unmöglichkeit? Tekin Nasikkol bleibt optimistisch: „Ich höre Bekenntnisse aus der Politik . Und ich bin mir sicher, dass Unterstützung kommt. Aber das muss jetzt schnell gehen.“

Die gute Nachricht für die Beschäftigten: Die Transformation hin zur klimaneutralen Produktionstechnik der Direktreduktionsanlage kostet keine Jobs. Um eine Tonne Stahl herzustellen, bedarf es des Einsatzes gleich vieler Beschäftigter wie bei der Herstellung im Hochofen. Da bei Thyssen-Krupp übergangsweise beide Routen gleichzeitig laufen werden, braucht es hier zeitweise sogar mehr Menschen. Und wie sieht es mit der Qualifizierung aus? „Da mach ich mir gar keine Sorgen“, sagt Tekin. „Wir haben eine klasse Mannschaft und 200 Jahre Erfahrung. Die Ausbilder in unseren Aus- und Weiterbildungszentren schauen sich so eine Anlage kurze Zeit an, dann können wir mit der Qualifizierung beginnen.“


Soll China das Design eines VW Golfs drei Jahre vor Markteinführung kennen?

Bis 2030 will Thyssen-Krupp Steel bereits 30 Prozent ihrer CO2-Emissionen einsparen. Bis dahin werden aber nur ein bis zwei Direktreduktionsanlagen in Duisburg stehen. So versucht das Traditionsunternehmen kurzerhand, den Hochofen auf klimaschonend zu trimmen, bevor er weichen muss. Aktuell laufen in Duisburg Versuche am Hochofen 9. Die Idee: Bis zu 20 Prozent CO2 kann der Hochofen einsparen, wenn die Metallerinnen und Metaller nicht Kohlenstaub einblasen, sondern Wasserstoff. Bislang schickten die Duisburger nur durch eine der 28 Heißwinddüsen Wasserstoff, die anderen sollen folgen. Den für das Einblasen benötigten Wasserstoff bringen Tankwagen. „Das reicht für die Versuche, aber langfristig brauchen wir ein Wasserstoff-Gasnetz“, erklärt Matthias Weinberg, Leiter des Competence Center Metallurgy, der die Versuche begleitet.

Was aber geschieht mit den Hochöfen, wenn sie niemand mehr braucht? Tekin hat eine Idee: „Recyceln. Bis zu 100 Prozent des Hochofens können wiederverwendet werden, auch beim Bau einer neuen Direktreduktionsanlage. Unser großartiger Werkstoff macht das möglich.“ Was Tekin ärgert: Nicht nur die alten Anlagen haben Rost angesetzt, sondern auch das Image der Branche. Für Tekin ist Stahl systemrelevant. Denn: „Wenn VW einen neuen Golf konstruiert, kommen die zu uns, um die Außenhaut zu planen. Wir wissen also zwei, drei Jahre bevor ein neues Modell vom Band läuft, wie es aussieht. Da braucht es Vertrauen und verlässliche Zusammenarbeit. Wenn es keine Stahlproduktion in Deutschland gäbe, müssten das die Autohersteller zum Beispiel mit China machen. Ich glaube kaum, dass sie das wollen.“

 


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