1. Juli 2019
Niedersachsen und Sachsen-Anhalt
Betrieb für Betrieb wächst die Tarifbindung Ost
Während sich viele Arbeitgeber seit knapp 30 Jahren mit allen Tricks weigern, für ihre Belegschaften anständige Tarifverträge abzuschließen, hat die IG Metall in Sachsen-Anhalt Jahr für Jahr immer mehr Betriebe in den Flächentarifvertrag gebracht. Grund: Die Belegschaften werden immer mutiger.

Am 19. Mai 2019 vermeldete die Mitteldeutsche Zeitung kurz und schmerzlos: „Stillstand bei Sosta in Könnern wegen Warnstreik“. Über 30 fest angestellte Beschäftigte würden sich „lautstark mit Trillerpfeifen“ und „leuchtend roten Warnstreikwesten“ für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Die Chefs wurden „am Morgen eiskalt erwischt“.

Tags zuvor hatte schon Radio Brocken in den Nachrichten vermerkt: „Seit heute Mittag wird beim Stahlrohr-Hersteller Sosta gestreikt.“ Die 47 Beschäftigten wollen so gut bezahlt werden „wie die Mitarbeiter in Niedersachsen. Die bekommen fast 6 Euro mehr Stundenlohn.“

Tatsächlich verdienen die Beschäftigten im Stammwerk des neuen Eigentümers Butting im niedersächsischen Knesebeck bei Gifhorn „im Schnitt rund 17 Euro die Stunde“, sagt Axel Weber, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Magdeburg-Schönebeck. Rund 170 Kilometer weiter im sachsen-anhaltinischen Könnern schuften die Beschäftigten für bis zu 11 Euro die Stunde.


 

(Foto: IG Metall)
 

„Sosta ist kein Einzelfall“, sagt Betriebsbetreuer André Voss von der IG Metall Magdeburg-Schönebeck. Butting ist ein Weltkonzern mit rund 1700 Beschäftigten, der den kleinen Ableger in Ostdeutschland seit Jahren auf Schmalkost hält und sogar damit droht, das Werk in Könnern ganz dichtzumachen. „Der Mut der Belegschaft ist bewundernswert, aber das Gefühl der Ungerechtigkeit brennt auf der Seele.“

Auch die 230 Beschäftigten des Blechverarbeiters Graepel in Seehausen bei Stendhal in Sachsen-Anhalt fühlen sich benachteiligt. „Beim Schwesternwerk am Hauptsitz in Löningen bei Oldenburg verdienen die Beschäftigten zwischen 500 und 800 Euro pro Monat mehr“, meint Betriebsbetreuer Voss.

Auch Graepel mit 700 Beschäftigten agiert weltweit. In Seehausen zogen 130 Beschäftigte schon am 9. Januar 2018 zum zweistündigen Warnstreik vors Tor. „Erstmals gab es in der Hansestadt einen Streik“, staunte die Volksstimme. Über ein Jahr später, am 9. Mai 2019, beteiligten sich am zweiten Warnstreik bereits 150 Beschäftigte.

Ob die Belegschaften von Sosta und Graepel es schaffen, die Tarifbindung durchzusetzen, steht dahin. Mutig ist der Einsatz in jedem Fall. „Der Weg von der Unzufriedenheit bis hin zur Aktion und zum Erfolg ist meistens lang“, sagt Almut Kapper-Leibe, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Halle-Dessau. Fast zwei Jahre dauerte es bei der Zeitzer Guss im tiefen Süden Sachsen-Anhalts. Betriebsbetreuer Martin Donat von der IG Metall Halle-Dessau: „Erst als wir über 100 Mitglieder
hatten, konnte am 30. September 2017 die betriebliche Tarifkommission gegründet werden.“ Im Juni 2018 starteten die Tarifverhandlungen, am 22. Februar 2019 war das Ziel erreicht: Seit 1. April 2019 arbeiten die 180 Beschäftigten nach Tarif. Das Ergebnis sieht den Eintritt in den Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalts und die Einführung von 18 Tarifverträgen vor.

Zeitzer Guss gehört zum Gießereikonzern Silbitz Group mit dem Hauptsitz im Nachbarland Thüringen, nur 20 Kilometer entfernt. Um zum Erfolg zu kommen, absolvierten auch die Beschäftigten bei Zeitzer Guss eine Vielzahl von Aktionen und standen etwa zehn mal vorm Tor.

Beim Automobilzulieferer Elring-Klinger in Thale im Ostharz dauerte es ebenfalls zwei Jahre. Betriebsbetreuer Janek Tomaschewski von der IG Metall Halberstadt: „Es gab mehrere Warnstreiks und Aktionen, bevor endlich im November 2018 ein Tarifabschluss erzielt werden konnte.“

Obwohl Thale zum Mutterkonzern der ElringKlinger-Gruppe mit weltweit über 10 000 Beschäftigten an 44 Standorten und Hauptsitz in Dettingen in Baden-Württemberg gehört und der Vorstandschef Stefan Wolf auch Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ist, wurden die Beschäftigten im Harz kurzgehalten. Der Konzern arbeite „nachhaltig für eine lebenswerte Zukunft“, heißt es im Firmenmotto ― Thale jedoch blieb jahrelang tariffrei. Der Tarifabschluss bietet nun eine Stufenlösung. Die „lebenswerte Zukunft“ wird Mitte 2022 mit vollem Tarifentgelt und tariflichen Standards erreicht.


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