1. Februar 2021
Simon Che Berberich
Pflegeversicherung
Wenn Pflege arm macht
Sieben Jahre lang hat Helmut Adler seine Frau zu Hause gepflegt. Nun bezahlt er das Pflegeheim – und wird dabei langsam arm. Der Fall des Metallers zeigt: Die Pflegeversicherung braucht eine Generalüberholung.

Jeden Tag um kurz nach 14 Uhr verlässt Helmut Adler sein Haus und geht zum Seniorenzentrum. Zehn Minuten braucht er für die Strecke, ein paar Hundert Meter den Berg hoch. Der Metaller besucht seine Frau, eine Stunde Besuchszeit gibt es pro Tag.

Marita Adler ist 74, dement, und braucht rund um die Uhr Hilfe. Seit gut drei Jahren wohnt sie im Pflegeheim. Zuvor hat ihr Mann sie zu Hause gepflegt, sieben Jahre lang. Dann ging es nicht mehr. Helmut Adler ist 78. Er sagt: „Wir sind 53 Jahre verheiratet, wir gehen diesen Weg gemeinsam bis zum Ende.“

Doch der Weg wird von Monat zu Monat schwieriger. Das liegt zuallererst am Gesundheitszustand seiner Frau, der sich kaum noch bessern wird. Es liegt aber auch am deutschen Pflegesystem. Das System führt dazu, dass die Pflege seiner Frau für den Metaller nicht nur eine emotionale Herausforderung ist. Sie fordert ihm auch finanziell extrem viel ab. Weit mehr, als er auf Dauer stemmen kann.

Adlers Frau hat Pflegegrad fünf, die höchste Stufe. Das bedeutet: Die Pflege­versicherung zahlt jeden Monat 2005 Euro. Das reicht aber bei weitem nicht, um die gesamten Pflegekosten abzudecken. Dazu kommen die Kosten der Heimunterbringung. Jeden Monat muss Helmut Adler mehr als 2700 Euro zuschießen. Weitere 100 Euro braucht er für medizinische Fußpflege, Friseur und Apotheke. Der Metaller kann das nur bezahlen, weil er seine Ersparnisse aufzehrt und extrem sparsam lebt. „Mein Auto ist 28 Jahre alt“, sagt er. „Ich war seit zehn Jahren nicht im Urlaub und aus vielen Vereinen und meiner Partei bin ich ausgetreten, um die Mitgliedsbeiträge zu sparen.“


Erschöpfte Reserven

Lange reichen seine Rücklagen nicht mehr. Dann bleibt ihm nur noch eine Wahl: zum Amt gehen und Sozialhilfe beantragen. So wie Helmut Adler geht es vielen Menschen in Deutschland. Derzeit beziehen vier Millionen Versicherte Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung. Durch die Alterung der Gesellschaft nimmt ihre Zahl immer weiter zu. Zwischen 1999 und 2017 stieg die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland um 1,4 Millionen. Nach Schätzung der Bunderegierung dürfte sie bis 2050 um weitere zwei Millionen Menschen zunehmen.

Bei den meisten Betroffenen reichen die Alterseinkünfte nicht aus, um die Kosten für Pflege und Unterkunft zu decken. 36 Prozent aller Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen sind auf staatliche Unterstützung angewiesen – obwohl sie ja eigentlich für den Pflegefall versichert sind.

Das Problem: Die Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung. Sie zahlt monatlich einen fixen Zuschuss zu den Pflegekosten, gestaffelt nach dem Grad der Pflegebedürftigkeit. Die tatsächlichen Pflegekosten liegen aber deutlich höher – und sind nur ein Teil der Gesamtkosten. Weitere Posten sind Unterkunft, Verpflegung und die sogenannten Investitionskosten, zum Beispiel für die Instandhaltung der Pflegeheime. Rechnet man alles zusammen, kommt man auf einen Betrag von durchschnittlich 2015 Euro, den Pflegebedürftige aktuell für Pflege und Unterkunft im Heim aufbringen müssen.  Die regionalen Unterschiede sind groß: In Nordrhein-Westfalen kostet die stationäre Pflege im Schnitt sogar 2405 Euro monatlich. In Sachsen-Anhalt ist sie mit 1436 Euro am günstigsten.

Die Folge: Selbst Menschen wie Helmut Adler, die 50 Jahre gearbeitet und ordentlich verdient haben, sind mit den Kosten völlig überfordert. Den gelernten Maschinenschlosser, der später auch für die IG Metall gearbeitet hat, macht das wütend: „Ich bin mit 13 Jahren in die Lehre gegangen, meine Frau und ich haben immer auf eigenen Füßen gestanden“, sagt er. „Jetzt sind wir bald auf Hilfe angewiesen.“

Die Politik hat das Problem endlich erkannt. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant eine Pflegereform. Er will den Eigenanteil an den stationären Pflegekosten auf 700 Euro im Monat begrenzen. Diesen Betrag sollen Pflege­bedürftige maximal 36 Monate lang zahlen. Außerdem ­sollen die Länder einen Zuschuss zu den Investitionskosten leisten. Die Zuschüsse für häusliche Pflege – Pflegegeld und Sachleistungen – sollen mit der Inflationsrate steigen.


Reformpläne gehen nicht weit genug

Eine solche Reform würde die Lage vieler Betroffener aber kaum lindern. Das Grundproblem bliebe bestehen: Die Pflegeversicherung ist keine Vollversicherung.

„Der von Spahn vorgeschlagene Deckel der Eigenanteile ist ein erster Schritt, aber bei Weitem nicht ausreichend“, sagt Hans-Jürgen Urban, im IG Metall-Vorstand zuständig für Sozialpolitik. „Viele Pflegebedürftige werden auch weiterhin über 2000 Euro im Monat für ihre stationäre Pflege zahlen müssen.“ Pflegebedürftigkeit bleibe so mit einem hohen Armutsrisiko verbunden.  „Die IG Metall fordert, die Pflegeversicherung zur Vollversicherung auszubauen, finanziert als Bürgerversicherung, in die alle einzahlen“, sagt Urban.

Helmut Adler trommelt deshalb für eine umfassende Pflegereform. Er hat viele Briefe geschrieben: an Jens Spahn, an Bundestagsabgeordnete, an den Landessozialminister. Beim WDR hat er eine Radiosendung zur Pflege angestoßen. Seine Forderung an die Politik: Die Pflegeversicherung soll für alle Menschen gelten. Und: „Sie soll die Kosten so weit tragen, dass auch Malocher und Angestellte sich die Pflege leisten können.“

 

Pflege: Das fordert die IG Metall

Die IG Metall setzt sich für ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem ein. Die gesetzliche Pflegeversicherung soll zu einer Bürgerversicherung werden, die alle Bürgerinnen und Bürger einbezieht – auch die, die bisher privat versichert sind. So kann gute Pflege solidarisch und nachhaltig finanziert werden. Die Pflegeversicherung muss eine Vollversicherung sein, die alle pflegebedingten Kosten übernimmt. Außerdem müssen die Länder endlich ihrem gesetzlichen Auftrag nachkommen und in die Pflegeinfrastruktur investieren, damit diese Kosten nicht auf die Pflegebedürftigen umgelegt werden.


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