2. Dezember 2019
Gesetzliche Rente
Rentenalter hoch? Diese Argumente sprechen dagegen
69, 70 oder gar 72 Jahre: Immer wieder ertönen Rufe nach einem höheren Rentenalter. Mit der Lebensrealität der Beschäftigten hat das wenig zu tun. Unsere Argumente gegen das Arbeiten ohne Ende.

Die Forderung nach einem späteren Renteneintritt kommt meist aus dem Lager der Wirtschaft oder von arbeitgebernahen Instituten. Zuletzt hat sich die Bundesbank mit einem entsprechenden Vorschlag in die Debatte eingeschaltet. Und es klingt ja auch erst einmal logisch: Die Lebenserwartung steigt, und damit eben auch das Renteneintrittsalter.

Doch tatsächlich wäre eine höhere Regelaltersgrenze für die meisten Arbeitnehmer fatal. Nicht nur für die, die körperlich hart arbeiten.

Das sind die Gründe:


Rentenalter bereits heute kaum erreichbar

Schon das aktuelle Renteneintrittsalter von 67 Jahren ist für die Mehrheit der Beschäftigten nicht erreichbar. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) geht davon aus, dass sie ihren derzeitigen Beruf nicht bis 67 ausüben kann. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Berliner Kantar-Instituts im Auftrag der IG Metall. Ein noch höheres Rentenalter würde für die meisten Menschen nur eines bedeuten: Hohe Abschläge und eine entsprechend geringe Rente.

 

Höheres Rentenalter ist unfair

Fast unerreichbar ist die 67 Jahre-Altersgrenze für Arbeiterinnen und Arbeiter. 90 Prozent von ihnen halten es laut Kantar-Umfrage für unrealistisch, dass sie ihre Tätigkeit unter den aktuellen Arbeitsbedingungen bis 67 ausüben können. Doch wer es nicht bis zur regulären Altersgrenze schafft, muss Rentenabschläge hinnehmen. Körperlich hart arbeitende Menschen werden durch ein immer höheres Rentenalter doppelt bestraft: Durch Gesundheitsschäden und gekürzte Renten.


Betriebe sind nicht vorbereitet

Selbst wenn Beschäftigte länger arbeiten könnten: Die Wirklichkeit in den Betrieben würde dem widersprechen. Nur die Hälfte (51 Prozent) der befragten Beschäftigten zwischen 50 und 64 Jahren sieht den eigenen Betrieb ausreichend vorbereitet auf älter werdende Belegschaften - zum Beispiel durch gezielte Weiterbildungsangebote. Viele Unternehmen wollen ältere Beschäftigte eher loswerden als ihnen eine altersgerechte Tätigkeit zu ermöglichen.


Arbeitslosigkeit im Alter dauert besonders lang

Rund ein Drittel aller Arbeitslosen in Deutschland ist langzeitarbeitslos. In der Altersgruppe ab 55 Jahren ist fast die Hälfte (48 Prozent) betroffen. Die Chancen sind gering, bei Arbeitslosigkeit im Alter zurück in reguläre Beschäftigung zu kommen. Dadurch werden jahrzehntelange Erwerbsbiografien buchstäblich auf den letzten Metern entwertet. Denn: Nur für die Dauer des Arbeitslosengeld I-Bezugs werden Rentenbeiträge gezahlt. Längere Arbeitslosigkeit macht sich bei der Rente massiv bemerkbar. Ein höheres Rentenalter verschärft diese Risiken.


Lücke zwischen Arbeit und Rente immer häufiger

Immer weniger ältere Erwerbstätige arbeiten bis zum Rentenbeginn, wie eine Untersuchung von Altersforschern zeigt. Demnach ist der Anteil derjenigen, die bis unmittelbar zum Renteneintritt erwerbstätig waren, zwischen 1996 und 2014 von 62,0 auf 46,6 Prozent gesunken. Zugenommen hat dagegen der Anteil der Personen, die vor dem Rentenbeginn arbeitslos waren oder in der Freistellungsphase der Altersteilzeit. Dieser Trend würde sich durch ein höheres Rentenalter weiter verschärfen. Und bei vielen, die ohnehin nicht bis zum Renteneintritt arbeiten können, würde sich der Zeitraum zwischen Ende der Erwerbsarbeit und Rentenbeginn verlängern - mit gravierenden negativen finanziellen Folgen.


Die Mehrheit sagt: nein

Die überwältigende Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt eine weitere Anhebung des Rentenalters ab. 86 Prozent der Befragten sprechen sich in der Kantar-Umfrage dagegen aus.

Was die Menschen stattdessen wollen: Realistische Altersgrenzen. Eine gesetzliche Rente, die den Lebensstandard im Alter annähernd sichert. Und eine Rentenversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen - auch Beamte, Selbstständige, Freiberufler.

Die IG Metall hat ein ausführliches Konzept vorgelegt, mit dem die gesetzliche Rente gestärkt und zukunftsfest gemacht werden kann.


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