Local Content bringt Sicherheit und Flexibilität »Oft entstehen neue Wünsche, wenn wir mit den Kunden durch den halb fertigen Zug gehen«, weiß Markus. Um jene schnell umsetzen zu können, braucht Stadler ein verlässliches Netz aus Zulieferern. In einem Stadler-Zug stecken 50 Prozent Stadler und 50 Prozent kommen von Zulieferern. »Und die sitzen zu 90 Prozent in Deutschland«, überschlägt Markus. Gegen günstigere Zulieferer aus China oder Indien wehrt sich der Metaller. »In Chefetagen schauen sie meist, an welchem Kabel und an welchem Draht sie noch ein paar Cent sparen könnten, aber das wäre am falschen Ende gespart. Wenn wir Sonderwünsche erst nach China geben, würde es Monate dauern, bis die Teile mit dem Container nach Berlin kommen.« Auch ein anderer Punkt ist Markus wichtig: »Wir haben wäh- rend der Coronakrise und als Russland die Ukraine angegriffen hat, gesehen, was es bedeutet, wenn Lieferketten brechen. Wir brauchen aber zuverlässige und schnelle Lieferungen. Die hat man, wenn der Zulieferer vor der Tür sitzt.« Local Content garantiert Qualität Ein paar aufgebockte Züge von Matthias entfernt kniet Ulf Mar- chon ganz am vorderen Ende eines Zugs. Zu seinen Füßen führen Ventile in den Boden. Sie sind beschildert mit Plaketten wie »EP-Bremse Aus«. Für den gelernten Elektriker ist die Qualität der Kabel und Stecker entscheidend. So betont er: »Die Bahn soll mindestens zehn Jahre fahren, bis sie überholt wird. Wenn wir minderwertige Produkte kaufen, kann es schneller Störungen ge- ben.« Auf den Steckern, die der 58-Jährige verbindet, prangt das Logo eines traditionsreichen Betriebs aus Nordrhein-Westfalen. Hier stimmt für Ulf die Qualität. Bei Billigprodukten hätte der Metaller, der von Rügen nach Berlin kam und sich vor Stad- ler eine Zeit lang »auf dem Bau rumschlug«, Bedenken. »Wenn e k c i n ä J n e ff e t S : o t o F Perfekter Kreislauf: Ulf baut Züge. Bezahlt werden sie mit Steuergeld. Auch Ulf zahlt Steuern. Öffentliche Vergabe ist effizient, wenn sie eine Local-Content-Regelung enthält. metall 11/12 2025 Branchen & Betriebe 17 es eine Störung gibt, müssen wir den ganzen Zug aufreißen. Das kostet viel mehr, als wir beim Material sparen würden«, sagt Ulf. Dazu gibt er zu bedenken, dass man sich auf neue Produkte auch einstellen müsse. Was das bedeutet, erklärt Betriebsrat Markus, der gerade den Kopf durch die noch nicht eingebaute Tür steckt. »Viele der Zulieferprodukte bearbeiten wir nach, da muss man sich auf neue Qualitäten einstellen. Billigprodukte müssten wir außerdem viel stärker nacharbeiten und bei manchen wäre eine Nacharbeit kaum möglich.« »Local Content ist die logische Antwort auf Zölle, Subventionen und einen unfairen Wettbewerb.« Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall s s a H o d n a L : o t o F Local Content ist wirtschaftlich und sichert Arbeitsplätze Gegenüber von Ulfs Zug läuft Uwe Riecke über das Dach eines aufgebockten FLIRT, der im MoselLux-Netz fahren wird. Er zieht mit beiden Händen ein fast armdickes, rot ummanteltes Hochspannungskabel hinter sich her, bis er es über die Zug- länge ausgerollt hat. Am Ende angekommen, kniet er sich hin und fummelt die Luftpolsterfolie von den grünen Kontakten, um das Kabel gleich anzuschließen. Der gelernte Schlosser ist seit 2012 bei Stadler. Damals haben sie die Hochspannungs - kabel noch selbst gefertigt, heute bekommen sie die geliefert. Ebenso die Bedienpulte. Auslagerung ist für viele Betriebe in der Industrie ein Thema, häufig in Billiglohnländer. Helfen gegen diesen Trend würden Local-Content-Rege- lungen: Wenn öffentliche Aufträge mit ihnen verknüpft wür- den, wäre sichergestellt, dass ein großer Teil der Produktion und damit der Steuergelder in Deutschland und Europa bleibt. Das sichert nicht nur Arbeitsplätze, es ist auch wirtschaftlich. Denn: Ulf, Uwe, Matthias, Markus, sie alle zahlen Steuern. Mit ihren Steuergeldern kaufen beispielsweise die Berliner oder Kölner Verkehrsbetriebe Züge. Kaufen sie diese im Aus- land, fallen in Deutschland Jobs und Steuereinnahmen weg und damit wieder das Geld für Züge. Schutz vor unfairem Wettbewerb Die Auftragsbücher von Stadler sind voll. Doch Betriebsrat Mar- kus sieht graue Wolken am Horizont: »Uns könnte das passieren, worunter die Kolleginnen und Kollegen leiden, die Stahl produ- zieren oder Autos bauen. Die Chinesen haben Überkapazitäten und verkaufen ihre subventionierten Produkte zu Billigpreisen nach Deutschland. Das könnte uns bei Zügen auch blühen.« Um die Industrie vor dem unfairen Wettbewerb zu schüt- zen, fordert die IG Metall Local-Content-Regeln. Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, betont: »Local Content ist die logische Antwort auf eine Welt, in der Zölle, Subventionen und unfaire Handelspraktiken längst den Alltag bestimmen. Wer es ernst meint mit den Anliegen, Resilienz zu stärken, kritische Technologien zu schützen und Abhängigkeiten zu verringern, der kommt an Local Content nicht vorbei.«