11. November 2011
Lesetipp zum Thema
„Wir dürfen nicht alles über den Haufen schmeißen“
Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Über die Folgen der Digitalisierung wird viel gerätselt. Wissenschaftler Andreas Boes hat sich auf Forschungsreise ins Silicon Valley begeben – und weiß jetzt, was wir uns vom Vorreiter radikaler Innovationen nicht abschauen sollten.

Die digitale Revolution verändert unsere Wirtschaft und die ganze Gesellschaft grundlegend. Doch wie sollen Unternehmen und Arbeitnehmervertreter mit den Herausforderungen umgehen? Zu dieser und anderen Fragen steht die IG Metall in ständigem Austausch mit Experten. Einer davon ist Zukunftsforscher Andreas Boes. Mit seinen Kollegen vom „Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München“ (ISF) war er kürzlich auf Forschungsreise im Silicon Valley. Ziel waren die Entwicklungslabs namhafter Vorreiter-Unternehmen. Die Ergebnisse wurden heute auf der Tagung „Disruptiver Wandel – Gute Arbeit in der digitalen Ökonomie neu gestalten“ beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt vorgestellt. Wir haben ihn zu seiner Reise und den gewonnen Erkenntnissen interviewt.

Was ist das Besondere am Silicon Valley?
Das Silicon Valley ist ein Biotop, das einen Katapultstart in die digitale Gesellschaft ermöglicht.

Warum ein Biotop?
Weil die Leute dort für eine gemeinsame Idee leben. Sie versuchen diese Idee konsequent umzusetzen, und sie ziehen daraus auch ihre Identität. Das Ziel all ihrer Arbeit ist eine disruptive Veränderung von Geschäftsmodellen, von Arbeits- und Organisationsformen. Und auch der Art und Weise, wie Gesellschaft funktioniert. Das alles geschieht auf Basis des Internets.

Was macht disruptive Veränderungen aus?
In Deutschland denken wir in der Regel über inkrementelle Innovationen nach. Wir überlegen, wie man etwas noch ein bisschen besser oder effizienter machen kann, also Schritt für Schritt. Disruptiv bedeutet, dass die alten Spielregeln überhaupt nicht mehr gelten. Mit der Folge, dass Player, die gestern noch oben waren, es plötzlich nicht mehr sind, weil andere sie verdrängt haben. Im Silicon Valley scheint sich jeder damit zu beschäftigen, wie sich die traditionelle Wirtschaft aus den Angeln heben lässt.

Gibt es Beispiele?
Viele. Schauen Sie sich Nokia an. Die waren früher Marktführer bei den Handys. Dann kam Apple mit seinem Smartphone. Es ging gar nicht mehr primär ums Telefonieren. Es ging darum, von überall aus ins Internet zu kommen, um Social Media, um Nachrichten und um Entertainment. Die haben den Markt in kürzester Zeit umgekrempelt.

Ist das Silicon Valley geeignet, um einen Blick in die Zukunft zu werfen?
Hierzulande wird viel über die Digitalisierung diskutiert. Dabei geht es oft um Aspekte, die dort schon umgesetzt sind oder bereits in einer empirisch sehr reifen Form gelebt werden.
Viele deutsche Automobilhersteller denken beispielsweise darüber nach, eine Cloud für neue Vertriebs- und Produktionsstrukturen zu etablieren. Wenn ich wissen will, wie das aussehen kann, dann schau ich mir am besten Salesforce an. Das ist ein Unternehmen, das in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist und aktuell SAP Konkurrenz macht. Die fahren eine konsequente Cloud-Philosophie. In einer konzeptionell sehr viel reineren Form, als wir das hier in Deutschland machen und machen können. Das liegt daran, dass Salesforce praktisch auf der grünen Wiese agieren kann. SAP hingegen hat viele Kunden, die ein bestimmtes System gewohnt sind, und diese Kunden möchten nicht von heute auf gleich alles neu machen. Salesforce dagegen kann von Anfang an auf die Cloud setzen und dieses Konzept radikal verfolgen. An solchen Unternehmen sieht man, wo die Reise hingehen könnte.

Was haben Sie an Eindrücken gewonnen? Wie wird dort gearbeitet?
Wir waren 2008 schon einmal dort. Und das erste, das mir jetzt im Vergleich aufgefallen ist, ich nenne es mal die Surfer-Mentalität, die ist weg. Früher haben die Leute morgens erst mal aus dem Fenster geschaut, die Wellen beobachtet und überlegt, ob sie das Surfbrett rausholen sollen. Es hieß, wer kreativ sein soll, der braucht Freiräume. Heute fällt auf, dass die Leute dort einen viel höheren Zeitdruck empfinden und sehr, sehr viel mehr arbeiten. Arbeitszeiten sind überhaupt nicht mehr definiert.

Wie kommt das?
Das hat viel damit zu tun, dass das Silicon Valley inzwischen global noch vernetzter ist. Deswegen macht sich jetzt die Zeitverschiebung deutlicher bemerkbar. Das war 2008 bei weitem nicht so stark. Selbst die kleinen Start-Ups haben beispielsweise eine Firma in Indien, mit denen sie kooperieren und vielleicht noch Vertriebspartner in Deutschland oder Frankreich.

Wie werden die Innovationen heute generiert?
Der Unterbau der ganzen Innovationen sind die Start-ups. Beispielsweise Google hält sich viele solcher Unternehmen. Die werden im Silicon Valley anders als hier in Deutschland mit Risikokapital regelrecht gepäppelt. Dadurch haben die Entwickler Jahre, um ihre Ideen zu verwirklichen. Sie müssen keinen Gewinn machen. Sie sind quasi freigestellt von den kapitalistischen Fallgesetzen und konzentrieren sich voll auf ihre Vision. Das erzeugt eine sehr hohe Innovationskraft. Die Leute sind wahnsinnig motiviert. Das ist ihre Idee. Die haben die Vorstellung: „Wenn das klappt, könnte ich der nächste Mark Zuckerberg werden“. Das treibt die ganze Bay Area an. Aber wenn man morgens in so ein Start-up reinkommt und die Leute sieht, denkt man, oh je, die sollten lieber noch ein, zwei Kaffee trinken.

Ist das eine nachahmenswerte Herangehensweise?
Für uns war faszinierend zu sehen: Die Leute dort lernen, sich größer zu denken. Ich finde, dieser Schuss nach dem Mond ist richtig ansteckend. Im positiven Sinn. Das ist etwas, das wir in Deutschland brauchen könnten. Man hat eine Idee und hadert nicht mit dem Klein-Klein, sondern denkt die Idee richtig groß.

Wo wir aber aufpassen sollten, ist: Zum einen speisen sich die Strategien dort aus einer blinden Technikgläubigkeit. Zum anderen arbeiten die Leute dort wie gesagt auf der grünen Wiese. Das ist etwas anderes, als ob man hier in einem großen Konzern oder einem Maschinenbauunternehmen in der schwäbischen Alb angestellt ist. Hier haben wir meist gewachsene Strukturen und Kunden mit bestimmten Erwartungen. Hier geht es oft darum, überhaupt reinzukommen in die digitale Welt.

Deswegen dürfen wir nicht alles über den Haufen schmeißen. Auch und insbesondere die sozialen Mechanismen nicht, die Sicherheitsstrukturen, die wir haben, die Mitbestimmung der Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft. Das wäre fatal. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir die dort herrschende soziale Kluft wollen.

Wie sieht die aus?
Das Silicon Valley besteht aus vier Gruppen: Da sind die Investoren und Top-Verdiener, die aus dem System am meisten rausziehen. Die zweite Gruppe sind die weißen Softwareentwickler und Vertriebsspezialisten. Die profitieren von dem Boom durchaus. Die dritte Klasse ist die Dienstbotenklasse. Das ist etwas ganz anderes als bei uns, und nicht vergleichbar mit unseren Facharbeitern. Die leben in einer eigenen Welt und sind nicht unwesentlich auf Trinkgelder angewiesen. Die meisten sprechen nur spanisch und sind gar nicht richtig in den Arbeitsmarkt integriert.

Die vierte Gruppe sind Leute, die aus der Maschine unten rausgefallen sind. Vielleicht durch irgendeinen Zufall. Leute, die obdachlos sind und auf der Straße leben. Das sind ziemlich viele. Wenn man durch San Francisco geht, dann kann einem das nicht mehr entgehen.

Welchen Weg sollten wir Ihrer Meinung nach einschlagen?
Natürlich stellt uns die digitale Transformation vor Herausforderungen, vor denen wir nicht die Augen verschließen dürfen. Wir müssen uns gegenüber neuen Möglichkeiten öffnen. Und wir müssen verstehen, dass wir uns einer grundlegend neuen Ära der Industrialisierung gegenübersehen. Aber wir brauchen uns mit unserer kulturellen Intelligenz nicht in die altmodische Ecke stellen lassen. Das ist etwas, womit wir meiner Meinung nach selbstbewusst umgehen können. Wir müssen lernen, wie wir gewachsene Industriestrukturen und eine auf Ausgleich orientierte Gesellschaft in das digitale Zeitalter hineinentwickeln.

Wie kann das gelingen?
Ein Vorteil ist, dass wir eine Gesellschaft haben, in der Beteiligung möglich ist. Und Beteiligung brauchen wir, damit wir die Veränderungen in der Arbeitswelt und der Gesellschaft auch wirklich schaffen. Ich glaube, an der Beteiligung wird sich die ganze Sache entscheiden. Man darf den Leuten nicht einfach irgendetwas vor die Füße schmeißen nach dem Motto „friss oder stirb“. Das kann nur dazu führen, dass man ständig mit Widerständen zu kämpfen hat und dass Potenziale nicht ausgeschöpft werden. Man muss auf die Menschen zugehen und die neuen Möglichkeiten gemeinsam mit ihnen herausarbeiten. Dazu müssen wir die Beteiligung noch stärker nutzen.

Das wird ohne die Gewerkschaften nicht möglich sein. Davon bin ich überzeugt. Und ich glaube auch, dass die Gewerkschaften da eine große historische Verantwortung haben. Die sie meines Erachtens aber inzwischen realisieren. Wer sollte in solch einer Breite sonst dazu beitragen, dass Beteiligung funktioniert?


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