metall 1/2 2026 Branchen & Betriebe 27 nicht.« Die Diagnose, die René erhält und über die er seitdem, weil es ihm hilft, offen spricht, ist eindeutig: Körperlich ist er gesund. Aber seine Psyche ist es nicht. René leidet an einer Depression. Er bekommt Medikamente. Die Ärzte sagen, René solle keine Zeit mehr verstreichen lassen. Er solle sich drin- gend psychologische Hilfe suchen. »Das habe ich getan. Die Therapie hat mir geholfen. Sie hat mir vieles gezeigt.« Vor allem lernt René, dass es nicht schnell gehen wird. Dass er dafür Zeit brauchen wird. »Ich habe erste und ernste Anzeichen nicht richtig angenommen.« Den Schwindel am Morgen, die bleierne Müdigkeit. Später Panikattacken mitten in der Schicht. Hüpfender Puls, pumpendes Herz. Schweiß auf der Stirn. Und am nächsten Tag eine Kopfschmerztablette und wieder zur Arbeit. Wenn es gar nicht mehr ging, ließ er sich krankschreiben. Meist ein paar Tage lang. »Und dann ging es wieder weiter.« Im Frühjahr 2021 ist das nicht mehr möglich: Nach den drei Wochen im Krankenhaus beginnt René eine Gesprächs- therapie. Insgesamt ist er eineinhalb Jahre am Stück krankge- schrieben. Es ist ein Beginn. Von nun an wird es langsam, aber stetig, besser und immer besser. »Rückblickend gesehen habe ich viel zu lange versucht durchzuhalten«, sagt René. »Das war nicht gut. Davor will ich andere bewahren.« Prävention bleibt elementar Deshalb hat sich René in die SBV wählen lassen. Deshalb hat er die Sprechstunde aufgebaut, in die Kolleginnen und Kolle- gen – es werden immer mehr – kommen und mit René ins Gespräch kommen können. »Wichtig zu betonen ist mir aber, dass dieses Angebot nicht unsere Präventionsarbeit am Stand- ort gefährdet oder dazu führt, dass wir uns nicht weiter inten- siv um eine systematische Reduzierung von Belastungen am Arbeitsplatz kümmern«, sagt René. Selbstverständlich gebe es am Standort eine Gefähr- dungsbeurteilung psychischer Belastungen. Selbstverständ- lich sei gute Präventionsarbeit elementar und die Arbeit der gesamten SBV am sogenannten TOP-Prinzip ausgerichtet, was bedeutet, dass technische und organisatorische Eingriffe mit Blick auf eine Senkung der Belastung immer Maßnahmen vorzuziehen seien, die direkt auf die Beschäftigten zielen. Und doch: »Es gibt eben auch Akutes, Beschäftigte, die auf mich zukommen, weil es ihnen dreckig geht. Für die will ich da sein«, sagt René. »Mittlerweile trauen sich immer mehr Kolle- ginnen und Kollegen, darüber zu sprechen, dass sie erschöpft sind. Das ist schön zu sehen.« Was René dann tut, wie so eine Sprechstunde konkret ab- läuft, das lässt sich nicht verallgemeinern. Das ist immer indivi- duell. »Ich bin kein Arzt. Ich helfe im Rahmen meiner Möglich- keiten. Manchen hilft es, wenn sie sprechen können und ich nur zuhöre.« Andere kommen mit konkreten Fragen: »Wie be- komme ich einen Platz in einer Tagesklinik?« »Wie beantrage ich einen Grad der Behinderung?« »Was muss ich beachten, wenn ich einen Gleichstellungsantrag stellen möchte?« Eines aber ist immer gleich: Wenn Kolleginnen und Kollegen zu René kommen und erzählen, dass sie schon seit Wochen antriebslos sind, immer müde und ausgelaugt, dass sie oft traurig sind, dass sie keine Freude mehr verspüren, dann schrillen bei ihm die Alarmglocken. »Dann sage ich: ›Warte nicht länger. Lass Dir helfen. Du musst nicht immer stark sein.‹« »Das hat er auch zu mir gesagt, als ich mit einer Depression zu René in die Sprech- stunde kam«, erzählt Claudia Fischer. Knapp zwei Jahre ist das jetzt her. Claudia, heute 46 Jahre alt, arbeitet zu dieser Zeit in der Lagernacharbeit, in einer Abteilung mit neun Kolleginnen und Kollegen. »Die Arbeit hat mir eigentlich großen Spaß gemacht«, sagt sie. »Und doch fühlte ich mich abends, wenn ich aus dem Büro kam, immer öfter völlig kraftlos, wie niedergeschlagen. Ich habe damals viel geweint.« Man braucht einen langen Atem Schließlich bekommt Claudia einen Platz in einer Tagesklinik. Dort wird es langsam besser. »Es gab einen geregelten Ablauf, es gab Sportangebote, die Patienten haben gemeinsam ge- kocht, ich hatte eine Gesprächstherapie und Gruppenstunden. Das alles hat mir gutgetan. Es hat mir geholfen.« Für immer besiegt ist die Krankheit damit nicht. »Eine Depression ist keine Erkältung, bei der man sich eine Woche ins Bett legt, Halstabletten lutscht und dann ist alles wieder gut«, sagt René. »Man braucht einen langen Atem. Das heißt übrigens auch, dass viele Betroffene Angst haben, für lange Zeit aus ihren Arbeitszusammenhängen gerissen zu wer- den und schlussendlich ihren Arbeitsplatz zu verlieren.« Auch Claudia hatte Sorgen. »Ich habe mir viel Gedanken darüber gemacht, wie es mein Vorgesetzter wohl aufnimmt, wie es meine Kolleginnen und Kollegen wohl finden, dass ich solch eine lange Zeit ausfalle.« Insgesamt zweimal ist Claudia in der Tagesklinik, immer zwischen sechs und acht Wochen. »Ich bin mit meiner Diagnose ganz offen umgegangen. Und ich habe, darüber bin ich bis heute glücklich, nur gute Erfahrun- gen gemacht«, sagt sie. »Das Team hat mein langes Fehlen sehr gut aufgenommen. Mein Vorgesetzter hat großes Ver- ständnis für meine Situation. Das hat er bis heute.« »Das ist nicht immer und nicht überall so«, weiß René. Er und sein Team sprechen deshalb nicht einzig und allein mit dem betroffenen Beschäftigten, sie suchen auch immer wieder das Gespräch mit Vorgesetzten, mit Kolleginnen und Kollegen. »Es geht darum, ein Bewusstsein für psychische Erkrankun- gen zu entwickeln. Und auch ein Verständnis dafür, dass man solche Erkrankungen nicht immer mit dem ersten Blick erkennt wie einen Beinbruch«, sagt René. »Diese Art von Krankheiten können trotzdem viel heftiger sein als ein Bein- bruch und die Heilung dauert meist viel länger als die Zeit, in der ein gebrochener Knochen zusammenwächst.« So war, so ist es auch bei Claudia. Im vergangenen Früh- jahr war sie auf Kur. Sechs Wochen Usedom. »Ich wollte erst nicht hin. René hat mich dann überzeugt«, sagt sie. Die Tage an der Ostsee waren intensiv, waren gut. »Seither geht es mir viel besser. Das soll so bleiben.«