30 Bildung metall 9/10 2025 »Dann kreieren wir passende Arbeitsplätze« UMSCHULUNG Stefan Müller ist Mitte 40, als bei ihm eine erblich bedingte Krankheit ausbricht. Er verliert das Sehvermögen nahezu vollständig. An seinem Arbeitsplatz, in der Werkstatt der Dillinger Hütte, kann er nicht bleiben. Die Schwerbehindertenvertretung am Standort sorgt dafür, dass er eine neue Tätigkeit bekommt. Und die nötige Qualifikation. Von Jan Chaberny E s fängt langsam an, irgendwann im Frühjahr 2014, langsam und schleichend. Ach je, denkt Stefan Mül- ler, jetzt ist es also so weit, jetzt brauche ich eine Brille! Kein Problem, sagt er sich. Du siehst die Dinge um Dich herum verschwommen, plötzlich unscharf. Dann gehst Du am besten mal zu Rossmann, da gibt es an den Kassen Drehgestelle mit preiswerten Lesebrillen – da holst Du Dir ein schönes Modell und dann ist wieder alles gut. Aber nichts wird wieder gut. Ein heißer Tag im Juni, Stefan sitzt am Besprechungstisch im Betriebsratsbüro auf dem Gelände der Dillinger Hütten- werke. Hier, in den Produktionshallen dieses großen Stahl - werkes, in dem 5500 Beschäftigte jährlich rund zwei Millionen Tonnen Grobbleche für die Industrie, für die Bauwirtschaft und für den Schiffsbau produzieren, hier war, lange Jahre, ganze Jahrzehnte lang, auch Stefans Arbeitsplatz: »Ich bin gelernter Schlosser, seit 1982 am Standort. Ich habe in der Werkstatt Schleifmaschinen programmiert. Ich habe die Messer geschärft, mit denen Bleche geschnitten werden. Dass ich diese Arbeit ausführe, das ist heute unvorstellbar.« Stefan ist 57 Jahre alt. Seit elf Jahren leidet er an der Leberschen Optikusatrophie (LHON), einer seltenen, erblich bedingten Krankheit der Ganglienzellen des Sehnervs. Die Krankheit, deren Verlauf bisher nicht gestoppt werden kann, schränkt das Sehvermögen massiv ein. Häufig führt sie zur völligen Blindheit. Stefan hat eine Sehkraft von zwei Prozent. Er kann Schat- ten erkennen, Umrisse, viel mehr jedoch nicht. An diesem Nachmittag im Juni sitzt er am Besprechungstisch, weil er da- von erzählen möchte, wie es bei ihm gelaufen ist. Wie hilflos, wie orientierungslos er am Anfang gewesen ist, als die Krank- heit rasch fortschritt, und er die Welt nicht mehr nur ver- schwommen und unscharf sah. Für ihn war die Welt ein Bild, in dem Teile fehlen. Er suchte Ärzte auf, hatte Termine erst in der Augenklinik in Sulzbach, später dann in München, in Tü- bingen. Aber keiner konnte ihm helfen. Niemand wusste, was mit ihm los ist. Erst nach einem halben Jahr, erst im Sommer 2014 bei einem Spezialisten in Köln, erfährt er, unter welcher Krankheit er leidet. »Der Professor kam zu mir rein und sagte, ›Herr Müller, ich weiß jetzt, was Sie haben. Sie haben LHON. Man kann es nicht operieren. Höchstwahrscheinlich werden Sie erblinden.‹« Das war ein Schock. Von diesem Schock erzählt Stefan an diesem Nachmittag. Vor allem auch davon, wie er sein Leben nach der Diagnose neu ausrichten, neu aufbauen musste. Auch seine Arbeit. Und wie er dabei von der Schwerbehindertenvertretung am Stand- ort, von Jörg Mittermüller und Lorenz Herz, begleitet wurde. »Ich wurde auf meinem Weg bestmöglich unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar.«, sagt Stefan. »Allein den Weg zu gehen, das wäre schwer gewesen. Es gibt so viel zu regeln. Es gibt so viel zu tun.« »Das stimmt«, sagt Jörg Mittermüller, der mit am Bespre- chungstisch sitzt. Wenn ein Kollege, wenn eine Kollegin einen Unfall hat oder an einer Krankheit leidet, wenn er oder sie plötzlich schwerbehindert ist, dann stehe das Leben erst mal auf dem Kopf. Dann stellten sich viele Fragen: Kann ich an meinem alten Arbeitsplatz bleiben? Was brauche ich, damit das gelingen kann? Was kann ich tun, wenn ich meine Arbeit nicht mehr ausführen kann? Wie schaffe ich es, eine neue Tätigkeit zu übernehmen? Welche Instrumente, welche Unterstützung, welche Hilfen brauche ich, damit ich nicht ins Bodenlose falle, sondern eine neue Stelle im Betrieb finden, einen neuen Job ausfüllen kann? »Auf all diese Fragen müssen wir als Schwerbehindertenvertretung eingehen. Für all diese Fragen müssen wir gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen suchen, Antworten finden.« Ein großes Netzwerk für die Beschäftigten Das ist eine echte Herausforderung. Wenn man etwas bewegen will, ist es von Vorteil, viel Erfahrung zu haben und ein großes Netzwerk – so wie Jörg Mittermüller es über die Jahre hinweg aufgebaut hat: Seit 1984 arbeitet der 62-Jährige bereits in der Dillinger Hütte. Ursprünglich hat er eine Lehre als Heizungs- bauer gemacht und in Saarbrücken studiert, später dann im Werk in der Produktion gearbeitet. Bis 2018 war Mittermüller Betriebsrat am Standort. Seitdem engagiert er sich als gewähl-