Serie Industriepolitik: Besser statt billiger und Gute Arbeit
Abwanderung von Fachkräften verhindern

Industriepolitik findet nicht nur in Brüssel oder Berlin statt. Auf regionaler Ebene gibt es viele Möglichkeiten, Industrie und industrienahe Dienstleistungen weiterzuentwickeln. Die IG Metall sucht in Netzwerken geeignete Verbündete und setzt wichtige Impulse vor Ort – im Sinne der Beschäftigten.

5. August 20145. 8. 2014


Mecklenburg-Vorpommern kennt und schätzt man in erster Linie als Ferienziel. Bei der Industrie rangiert das Bundesland jedoch unter ferner liefen. Nur zehn Prozent der Wirtschaftsleistung Mecklenburg-Vorpommerns kommen aus der Industrie. Das spiegelt sich auch bei den Löhnen wider. In Mecklenburg-Vorpommern lagen 2012 die durchschnittlichen Bruttoverdienste im verarbeitenden Gewerbe bei 26 217 Euro. Auf Bundesebene betrug der Vergleichswert über 40 000 Euro.

Gut ausgebildete Leute gehen weg

Kein Wunder, dass bei den schlechten Verdienstmöglichkeiten viele Fachkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern abwandern. Durch beharrlichen Druck der IG Metall haben Politik und Wirtschaft inzwischen erkannt, dass die „Billiglohnland-Strategie“ nicht aufgeht. Die IG Metall Rostock kämpft mit dem DGB dafür, dass Mecklenburg-Vorpommern ein Standort für Gute Arbeit wird. Ansatzpunkt ist die Vergabe öffentlicher Fördermittel.

Auf Drängen der IG Metall vereinbarte die Landesregierung, Fördermittel für zusätzliche Arbeitsplätze oder öffentliche Aufträge nur dann zu vergeben, wenn das jeweilige Unternehmen einen Mindestlohn von 8,50 Euro zahlt. Hohe Fördersätze gibt es nur, wenn eine mindestens tarifgleiche Vergütung bezahlt wird. Leiharbeitsplätze sind tabu, wenn ein Unternehmen öffentliche Förderung will.

Tarifbindung herstellen

Durch beharrlichen Einsatz ist es der IG Metall gelungen, dass in einigen Unternehmen wieder Tarifbindung herrscht. In Rostock und Schwerin gelang es, je ein größeres Maschinenbauunternehmen in den Flächentarifvertrag aufzunehmen. Bei zwei weiteren Firmen konnten Haustarifverträge abgeschlossen werden. In allen Fällen half ein deutlich spürbarer öffentlicher Druck. Das mag bescheiden wirken: Aber für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern ist das am Beginn einer Reindustrialisierungsphase ein großer Erfolg. Denn Tarifbindung ist ein wirksames Instrument der Fachkräftesicherung und ist im Interesse der Allgemeinheit.

Auch Thüringen hat mit dem Image als Niedriglohnland zu kämpfen. Rund 13 000 Beschäftigte wandern jedes Jahr aus Thüringen ab, um in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen mehr zu verdienen. Gute Arbeit, tarifliche Bindung und demografischer Wandel sind daher die Themen, die die IG Metall vor allem in den Regionen Jena-Saalfeld und Erfurt voranbringen will. Ziel ist es, qualifizierte Beschäftigte im Land zu halten und Thüringen industriepolitisch weiterzuentwickeln.

Arbeitsplätze attraktiv machen

Trotz aller Widrigkeiten hat sich Jena als bedeutender Industriestandort behaupten können. Jena hat sich zu einem Cluster der Feinmechanik, Optik- und Elektroindustrie gemausert. Den Akteuren in der Region gelang es nach der Wende schon relativ bald, die wirtschaftliche Monostruktur der VEB Carl Zeiss Jena zu überwinden. Für die Zukunft stellen sich für die Region Jena-Saalfeld neue Herausforderungen. Der demografische Wandel und die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten müssen bewältigt werden.

Immer noch verharren die Löhne und Gehälter auf weit tieferem Niveau als in den angrenzenden Bundesländern. Junge und qualifizierte Beschäftigte wandern in Industrieregionen mit besseren Arbeitsbedingungen ab. Für die IG Metall ist die Lohnpolitik ein wesentlicher Teil einer zukunftsorientierten Industriepolitik. Die Verwaltungsstelle Jena-Saalfeld setzt deshalb darauf, die tarifliche Bindung in den Unternehmen zu stärken und Gute Arbeit in den Betrieben zu verankern. Ihr geht es auch um eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung. Insgesamt müssen die Arbeitsbedingungen attraktiver werden, zum Beispiel durch Werkskitas und vernünftige Arbeitszeiten.

Problem alternde Belegschaften

Auch die Region Erfurt/Nordhausen tat sich schwer nach der Wende. Die wirtschaftlichen Strukturen waren zerschlagen, die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Jedes Unternehmen, das sich ansiedeln wollte, war willkommen. Zwar hat sich in den letzten Jahren die Anzahl der industriellen Arbeitsplätze stabilisiert. Aber die Region ist noch keineswegs gut für die Zukunft gewappnet. Denn gerade bei den neuangesiedelten Betrieben gibt es einen steigenden Bedarf nach qualifizierten Beschäftigten.

Die IG Metall konzentriert ihre ganze Kraft darauf, systematisch Betrieb für Betrieb zu erschließen, um Betriebsräte etablieren und Tarifverträge abschließen zu können. Darin sieht sie einen wichtigen Beitrag, um dem bedeutendsten Hemmnis der Region, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Bessere tarifliche Standards sollen den Anschluss an die Gehaltsentwicklung in anderen Bundesländern bringen. Stark bemerkbar macht sich der geografische Wandel. Alternde Belegschaften sind ein Hauptproblem der Region. In einzelnen Pilotunternehmen kämpft die IG Metall gezielt für Arbeitsbedingungen, die es erlauben, gesund in die Rente zu kommen. In diesen Betrieben wird über einen demografischen Interessenausgleich verhandelt. Dabei geht es etwa darum, wie man gesund durchs Arbeitsleben kommt.

Neu auf igmetall.de

Newsletter bestellen