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Alters- und alternsgerechtes Arbeiten. Foto: Audi

Alters- und alternsgerechtes Arbeiten

Das Ziel: Eine humane Arbeitswelt für alle

15.08.2012 Ι Unter ihm ein Laminatboden, hinter ihm ein Friseurstuhl. Auf dem glatten Boden kann er sich leichter drehen. Das schont die Gelenke. Auf dem hohen Stuhl kann er sich abstützen oder hinsetzen. So fertigt ein 58-jähriger Montagearbeiter Achsgetriebe für BMWs. Ein gutes Beispiel oder nur Wunschtraum für ergonomisches und alternsgerechtes arbeiten?
Rund 200 Menschen montieren täglich im BMW-Komponentenwerk Dingolfing ergonomisch und alternsgerecht 4000 Achsgetriebe. Dafür hatte der bayerische Autobauer 20 Millionen Euro in eine neue Montageanlage investiert.

Möglich machte das ein Demografie-Projekt "Heute für morgen", aus dem ein Experiment hervorging: 45 ältere Montagearbeiter simulierten an einer dafür bereit gestellten Linie das "Arbeitssystem 2017". Ob Bodenbelag, Sicherheitsschuhe, Stühle zum Hinsetzen und Abstützen wie bei den Friseuren oder größere Schriften auf den Bildschirmen: Rund 70 Maßnahmen setzte BMW um, damit über 50-Jährige gesund mit- und durchhalten und Jüngere fit bleiben.

Nach zweieinhalb Jahren konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Bei der Stückzahl hielten die Alten mit, bei der Qualität waren sie sogar besser als die Jungen. Zwar war die Simulation der Zukunft von Anfang an als befristetes Projekt geplant. Es hätte aber Symbolkraft ausstrahlen können: Ältere können genauso viel leisten wie Junge, wenn die Arbeitsplätze ergonomisch und alternsgerecht sind. Die Erkenntnisse und Ideen aus dem Zukunftsprojekt sollten in neue Anlagen und andere BMW-Standorte einfließen. Doch wenn es um betriebswirtschaftliche Kennzahlen geht, muss die Ergonomie weichen für Linien mit kürzeren Taktzeiten, die schnelle gleiche Handgriffe erfordern.

Betriebe tun sich schwer

Nicht nur in der rauen Montagearbeit sind gute und alternsgerechte Arbeitsplätze rar. Und die schöne neue Arbeitswelt noch fern. Die Betriebe tun sich schwer damit, die Arbeitsbedingungen so zu verändern, dass ein heute 20-Jähriger weitere 47 Jahre arbeiten und gesund in Rente gehen kann. Sie appellieren lieber an ihre Beschäftigten, sich gesünder zu ernähren, mehr Sport zu treiben und das Rauchen aufzugeben. Die Arbeitnehmer sollen ihr Verhalten ändern, um gesund zu bleiben. Die Firmen selbst tun aber zu wenig, damit sie alternsgerecht arbeiten können.

Zwar sind die Probleme durch die älter werdende Gesellschaft bekannt. Demografen sagen voraus, dass in vielen deutschen Unternehmen der Anteil der über 50-Jährigen 2015 mehr als die Hälfte der Belegschaft ausmachen wird. Dabei wird die Rente mit 67 die Situation noch verschärfen. Für viele Beschäftigte ist die Arbeit nicht einmal bis 65 zu schaffen. Nun werden sie gezwungen, wegen der Rentenabschläge noch länger im Betrieb zu bleiben.

Und was macht die Bundesregierung? Sie tut ebenfalls nichts und redet die Situation schön. Zahlreiche Betriebe hätten die Zeichen der Zeit erkannt, heißt es im Fortschrittsreport "Altersgerechte Arbeitswelt" des Arbeitsministeriums von 2012. Doch die von der Regierung definierten Voraussetzungen sind gar nicht gegeben. Nur acht Prozent der Betriebe suchen gezielt nach Arbeitnehmern über 50, heißt es in einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung und Unternehmensberatung Mercer. Außerdem weiß die Regierung gar nicht, wie viele alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze es gibt.

Es geht auch anders

Dass es auch anders und besser funktionieren kann, zeigen ein paar wenige gute Beispiele aus den Betrieben.

Die Firma Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) könnte sich das BMW-Demografie-Projekt als Steilvorlage genommen haben. Das Unternehmen hat eine Vielzahl von Maßnahmen für ergonomisches und alternsgerechtes Arbeiten umgesetzt. Dort können Montagearbeiter stehen und sitzen. Die Stapler sind mit orthopädischem Fahrersitz ausgestattet und die Schreib- und Werktische höhenverstellbar. An 86 Schon-Arbeitsplätzen können etwa Beschäftigte nach einer Krankheit eingesetzt werden.

Bei Hydro Aluminium in Hamburg entlasten "Opa-Tage" die Schichtarbeiter. Wer 55 Jahre alt ist und regelmäßig nachts arbeitet, darf drei Nachtschichten kappen, mit 57 sogar sechs. Der Haustarifvertrag regelt ein Schichtsystem nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen: Vorwärtswechsel, kurze Zyklen, maximal drei Nachtschichten, zwei komplett freie Wochenenden pro Monat. Außerdem können bei Hydro Aluminium statt vier nun fünf Prozent der Belegschaft in Altersteilzeit gehen.

Und in Sindelfingen produziert die älteste Belegschaft des Werkes die Mercedes-S-Klasse. Die durchschnittlich 48 Jahre alten Arbeiter clipsen Hydraulik-, Benzin- und Bremsleitungen im Stehen und auf Schulterhöhe an. Die Karossen hängen an Gestängen von der Hallendecke und lassen sich kippen, drehen, schwenken und in der Höhe verstellen. Früher mussten die Arbeiter die Leitungen über Kopf montieren.

Solche guten Beispiele will die IG Metall aufgreifen und mit den Betriebsräten Betriebsvereinbarungen erreichen, die einen demografischen Interessenausgleich regeln. Dabei vereinbaren Betriebsrat und Arbeitgeber Maßnahmen, um die Arbeit alterns- und bedarfsgerecht zu gestalten sowie flexible Möglichkeiten für den Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Das Ziel der IG Metall ist eine humane Arbeitswelt für alle Beschäftigten- und Altersgruppen.

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Links und Zusatzinformationen
Altersgerecht oder alternsgerecht?
Das "n" macht den kleinen Unterschied aus. Altersgerechte Maßnahmen sind solche, die älteren Beschäftigten helfen. Alternsgerecht heißt dagegen, Arbeitsbedingungen über die ganze Erwerbsbiografie so zu gestalten, dass die Beschäftigten gesund und motiviert die Rente erreichen. Kurzum: Alles zu tun, was Junge schützt und Alten nützt. Ein Betrieb braucht beides: alters- und alternsgerechte Arbeit.
Hans-Jürgen Urban zum Thema "Gute Arbeit - gut in Rente"
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