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Gute Arbeit 1 / 2010

Zeitschrift Gute Arbeit - Januar 2010

Psychische Erkrankungen im Betrieb

"Restrukturierung" ist für viele Arbeitnehmer ein Management-Unwort geworden, ebenso wie Globalisierungsdruck und jetzt aktuell: Konkurrenzdruck in der Krise. Was und wer nicht passt, wird passend gemacht. In diesen Prozessen kommen nicht nur die Schwächsten unter die Räder. Betriebsräte und Vertrauensleute können mit Initiativen das Betriebsklima verbessern, Einzelfallhilfen fördern und schlechte Arbeit bekämpfen.

Manfred Rüdebusch arbeitet seit Jahren daran mit, die Situation psychisch Erkrankter im Betrieb zu verbessern. Er ist langjährige Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen bei der Daimler AG in Mannheim. Die Zahlen, die er nennt, geben Aufschluss über das Dilemma ansteigender psychischer Belastungen am Arbeitsplatz und der inzwischen enorm zugenommenen psychischen Erkrankungen. Bei Daimler in Mannheim arbeiteten in den 80er Jahren bis zu zirka 15 000 Beschäftigte. Heute sind es rund 8500, die das Zwei- bis Dreifache leisten. So sieht es in vielen Branchen, Verwaltungen und Betrieben aus. "Wir haben es mit einer schleichenden, jahrelangen Entwicklung zu tun, mit Personalabbau und Arbeitsverdichtung. Das Phänomen psychischer Erkrankungen ist nicht neu, es fällt uns in den Betrieben seit den 80er Jahren auf die Füße", betont Rüdebusch. Schon damals bekannten die ersten Beschäftigten: "Der Stress macht mich kaputt, ich kann nicht mehr."

Was tun?
Wie gehen Unternehmen mit psychisch erkrankten Beschäftigten um? Wie reagieren Betriebsräte und Vertrauensleute auf Arbeitsverdichtung und psychische Fehlbelastungen am Arbeitsplatz? Ohne den Fokus auf die betriebliche Praxis zu setzen, sind die Probleme mit psychischen Krankheiten nicht zu meistern. Denn erstens werden viele Leiden durch die ausgeübte Tätigkeit negativ beeinflusst. Zweitens ist das Arbeitsumfeld immer mit betroffen, weil die Beschäftigten hier einen Großteil ihres Tages verbringen. Betriebs- und Personalräte sowie Schwerbehindertenvertretungen können durch die Mitbestimmung die Qualität der Rahmenbedingungen entscheidend beeinflussen und mit Initiativen das Betriebsklima verbessern, Einzelfallhilfen fördern und schlechte Arbeit bekämpfen.

Betriebliche Konflikte
Was einige Betroffene ablehnen und ignorieren, gehört zum Leben: Kranke und behinderte Menschen müssen sich ihrer Situation stellen und umdenken, bekräftigt Rüdebusch. Mit Krankheit oder Behinderung leben heißt oftmals auch, einen Gang runterzuschalten, die Perspektive zu ändern und Lebensziele neu zu bestimmen. Erhalt der Gesundheit vor Karriereschritten, Genesung vor Einkommenszuwachs, Abstriche, wenn Schichtarbeit oder eine Führungsposition nicht mehr machbar sind.

Manfred Rüdebusch sieht die Schwerbehindertenvertretung hier als soziale Kompetenz im Betrieb. Sie spielt eine zentrale Rolle, wenn psychische Erkrankungen bewältigt werden müssen. Zu einem betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört für Rüdebusch, dass Betriebsräte, Vertrauensleute und Arbeitnehmer sowie die Arbeitgeberseite an einem Strang ziehen und gemeinsam betriebliche Sozialpolitik gestalten. "Es gibt nach wie vor unbearbeitete Konfliktfelder: Bei einigen Betriebsräten sowie Arbeitgebern dominieren 80 Prozent Wirtschaftsthemen die Debatten, die Krise könnte das noch verschärfen", betont Rüdebusch.

Konfrontation mit Krankheiten und Erscheinungsbildern
Bei Daimler in Mannheim läuft ein intensives Schulungsprogramm mit Sozialberatung und Betriebsmedizin, an dem Betriebsräte, Vertrauensleute, Schwerbehindertenvertretungen sowie Führungskräfte teilnehmen. In den Seminaren setzen sich die Teilnehmenden und auch die Betroffenen selbst ungeschminkt mit allen Facetten der Krankheitsbilder auseinander. Dank der aktiven Betriebsräte und Vertrauensleute hat das Unternehmen inzwischen ein vorbildliches Gesundheitsmanagement aufgebaut. Manfred Rüdebusch erläutert: "Es gibt auf dem Arbeitsmarkt zu wenig Fachkräfte, wie wir sie für unseren Bereich in der Automobilproduktion benötigen. Selbst befristet eingestellte Facharbeiter müssen immer wieder nachgeschult und qualifiziert werden, damit sie den Arbeitsplatzanforderungen genügen." Deshalb seien Prävention, Gesundheitsförderung und die Koordination der medizinischen Versorgung sowie der Rehabilitations-Maßnahmen für die Daimler-Belegschaft unerlässlich.

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