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Wirtschaftskrimi bei Eliog: Statements der Beteiligten. Foto: Marem/Fotolia.de.

Wirtschaftskrimi bei Eliog

Statements der Beteiligten

30.06.2010 Ι Ein Ex-Commerzbank-Berater, ein Ex-Steuerberater und ein Ex- Staatsanwalt unter einer Decke: Sie kauften sich 2002 bei Eliog ein und sahnten groß ab, auf Kosten der Beschäftigten. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Betriebsratsmitglieder und IG Metall-Sekretär Thomas Steinhäuser schildern ihre Eindrücke vom Wirtschaftskrimi bei Eliog.

Silvia Leyh, Betriebsratsvorsitzende MKB Breitungen, Konzernbetriebsrat Eliog AG:
"Erste Zahlungsschwierigkeiten gab es schon im August 2008. Da kam der Lohn mal so ein, zwei Tage später. Im Juni 2009 waren es dann zwei Monate Rückstand. Mit der Geschäftsführung vor Ort war das nicht zu lösen, weil die Standorte vom Cash Flow über die Eliog AG abhängig waren. Im Konzernbetriebsrat stellten wir dann fest, dass die Eliog AG insgesamt betroffen war. Wir schalteten die IG Metall ein.
Der AG-Vorstand Schenk hat uns dann seine Visionen erklärt: Wir müssten Geduld haben, es liefen Verhandlungen über neue Kreditlinien und so weiter. Das hat er den Nicht-IG Metall-Mitgliedern dann auch auf einer Versammlung erklärt - und die haben das tatsächlich alles ziemlich lange geglaubt. Als dann Thomas Steinhäuser von der IG Metall den Zahlungsplan für die IG Metall-Mitglieder ausgehandelt hat, fanden das die Nicht-Mitglieder ungerecht.
Im Herbst hat sich die Stimmung dann gedreht. Die Insolvenz kam doch - und gleichzeitig wurde das ganze Ausmaß der kriminellen Geschäfte sichtbar. Da war die Stimmung gedrückt. Viele sagten auf einmal: Das haben wir ja immer schon gewusst. Und manche, die zuvor noch lange der Geschäftsleitung vertraut hatten, sagten plötzlich, der Betriebsrat habe zu lange gewartet. Aber viele andere sahen ein: Die IG Metall ist endlich mal jemand, der uns nicht über den Tisch zieht.
Natürlich war die Angst in der Belegschaft erst mal groß: Insolvenz heißt ja für viele gleich so viel wie tot, aus. Aber: In der Insolvenz kam plötzlich wieder Geld, es gab Aufträge - und endlich auch wieder Material. Im Februar waren wir aus der Kurzarbeit raus. Und wir hatten einen neuen Eigentümer, der tatsächlich investiert, einen Neubau plant und neue Maschinen anschafft. Das gab es die letzten Jahre gar nicht. Wir hatten uns schon gefragt: Was passiert mit dem Geld, das die Chefs aus Fördermitteln kassieren? Im Konzernbetriebsrat hat niemand gesehen, dass davon irgendwo etwas angekommen wäre.
Schwierig war natürlich, dass mit dem Verkauf an den neuen Eigentümer, ein Solarunternehmen aus Bayern, im Februar 32 Beschäftigte in eine Transfergesellschaft wechseln mussten. Da ist für viele eine Welt zusammengebrochen. Aber im März waren die ersten schon wieder im Betrieb. Heute läuft es wirklich gut. Aufträge, Beschäftigung - sogar die Azubis sind unbefristet übernommen worden."

Konrad Friedrich, Betriebsratsvorsitzender Eliog Kelvitherm in Römhild:
Konrad Friedrich, Betriebsratsvorsitzender Eliog Kelvitherm in Römhild. Foto: Mark Gauci."Als sich Anfang 2009 die Lohnrückstände immer mehr vergrößerten, haben wir die Geschäftsführung angesprochen, bei uns Eliog-Vorstand Axel Engels persönlich. Der hat uns nur gesagt: Es gibt keine Auskünfte. Ihr habt ja eh' keine Ahnung. Zugleich sahen wir: Die Vorstände hatten ständig neue Autos und kauften Immobilien. Viele von uns mussten ja auch bei denen zu Hause arbeiten, auf Firmenkosten versteht sich, beispielsweise an einem Kamin in Beckers Privathaus. So lange wir unser Geld bekamen, haben wir da drüber weggeschaut. Aber dann kamen die Lohnrückstände. Und wer sich beschwerte, wurde entlassen. Engels wollte sogar den kompletten Betriebsrat rauswerfen.
Wir haben dann erkannt: Allein schaffen wir das nicht. Wir brauchen Hilfe von außen. Wir haben uns an die IG Metall gewandt und geschaut, dass wir mehr IG Metall-Mitglieder bekommen. Damals hatten wir gerade drei.
Am Anfang waren die Beschäftigten wenig begeistert. Aber im August hat sich das dann geändert: Die IG Metall hängte eine Abmahnung an die Geschäftsführung wegen der ausstehenden Löhne im Betrieb aus, für die Thomas Steinhäuser Hausverbot bekam. Und es gab ja den Zahlungsplan für IG Metall-Mitglieder. Und verlässliche Informationen kamen eigentlich nur noch über die IG Metall. Und immer mehr glaubten dann, dass eine Insolvenz besser ist. Die Leute bekamen ja schon Briefe von der Krankenkasse nach Hause: 'Ihr Arbeitgeber zahlt nicht mehr.'
Viele haben in der Zeit von sich aus gekündigt: Hochqualifizierte, die wir eigentlich dringend brauchen. Daran haben wir heute noch zu knabbern, genauso wie an dem verlorenen Vertrauen bei den Kunden, dass wir gerade wieder mühsam zurückgewinnen. Wir haben immer noch viel Kurzarbeit, sind aber optimistisch. Und viele haben mittlerweile Vertrauen zur IG Metall: Wir werden nicht an den erstbesten Investor verscherbelt, der hier ankommt."

Thomas Steinhäuser, IG Metall Suhl-Sonneberg:
Thomas Steinhäuser, IG Metall Suhl-Sonneberg. Foto: Mark Gauci"Wir sind sicher: Die drei Eliog-Vorstände haben etliche Millionen beiseite geschafft. Als wir über die Insolvenzverwalter dann im Herbst Einsicht in die Akten erhielten, kam zutage, was wir schon geahnt haben: Die drei haben Fördergelder für 20 Jahre alte Maschinen abgesahnt, Kunden betrogen, ungedeckte Rechnungen für noch gar nicht ausgelieferte Aufträge an sogenannte 'Factoring'-Dienstleister weiterverkauft, längst verkaufte und nur gemietete Maschinen beliehen - und ihre Aktienpakete über österreichische Strohfirmen versilbert. Wir haben die Staatsanwaltschaft informiert und die Akten beschlagnahmen lassen.
Aber dass die Staatsanwaltschaft nun ermittelt und sogar zeitweise Untersuchungshaft verhängt hat, ist zwar gut und richtig - davon hat aber kein Beschäftigter einen Euro mehr. Viel wichtiger ist für uns, dass wir sieben der neun thüringischen Standorte tatsächlich über die verschiedenen Insolvenzverfahren retten konnten. Und dass die allermeisten Beschäftigten ihre Arbeitsplätze behalten. Das haben wir gemeinsam mit den Insolvenzverwaltern geschafft. Die Insolvenzverwalter arbeiten eng mit uns zusammen, da wir als IG Metall den Überblick über die einzelnen Standorte hinaus haben. Das gilt auch für die Abstimmung bei Verkäufen an neue Investoren.
Bei einem ersten Interessenten am Eliog-Standort MKB in Breitungen haben wir daher abgeraten: Ein Unternehmen mit elf Beschäftigten will einen Betrieb mit über 100 Beschäftigten kaufen. Die wirtschaftliche Zukunft schien uns nicht gesichert. Deshalb haben wir im Dezember nein gesagt. Im Februar kam dann ein neuer Interessent für MKB: ein Solarunternehmen aus Bayern. Die hatten ein gutes Konzept, können das wirtschaftlich stemmen und garantieren Aufträge. Wir haben alle Schritte für den Verkauf - unter anderem die Verhandlungen zum Sozialplan und die Transfergesellschaft - innerhalb von fünf Tagen im Februar hinbekommen. Da war selbst der Insolvenzverwalter erstaunt.
Auch an den anderen Standorten sieht es - bis auf zwei kleinere Standorte, bei denen nichts mehr zu machen war - ganz gut aus. Die meisten Insolvenzverwalter wollten abwickeln und schließen. Doch wir haben sie überzeugt: Habt mal Mut und probiert es mit uns weiter. Wir haben mit den Banken verhandelt und neue Kredite bekommen."

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