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Arbeitszeit am Limit. Foto: Alex Slobodkin/istochphoto.com

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Überstunden, Schichtarbeit und Leistungsverdichtung im Aufschwung

Arbeitszeit am Limit

26.07.2011 Ι Kaum sind Krise und Kurzarbeit abgeklungen, steigen die Arbeitszeiten wieder steil an: Überstunden, Schichtarbeit und Leistungsverdichtung statt neuer fester Jobs. Der Aufschwung geht auf die Knochen der Beschäftigten. Höchste Zeit, die Arbeitszeit in den Betrieben anzupacken und im Interesse der Beschäftigten zu gestalten.
Die Arbeitszeit war schon immer zentrales Thema gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen. Die Gewerkschaften wollten die Arbeitszeit zunächst vor allem aus gesundheitlichen Gründen verkürzen - ab den 1970er-Jahren auch verstärkt zur Beschäftigungssicherung. 1984 setzte die IG Metall schließlich die 35-Stunden-Woche durch.

In den letzten Jahrzehnten erlebten wir dann die Flexibilisierung, Individualisierung und Verlängerung der Arbeitszeiten. Die Arbeitszeit wurde zur Stellschraube, um Arbeitskosten zu reduzieren und Standorte und Arbeitsplätze zu sichern. Die tatsächlichen Arbeitszeiten entwickelten sich deutlich von den tariflich vereinbarten weg. In der Metall- und Elektroindustrie sind die Arbeitszeiten schon vor der Wirtschafts-und Finanzkrise deutlich gestiegen. Beschäftigte in Vollzeit arbeiteten im Jahr 2006 durchschnittlich 39,1 Stunden in der Woche - vier Stunden mehr als tarifvertraglich vereinbart.

Kürzer arbeiten sichert Jobs
In der Krise haben dann Gewerkschaften, Arbeitgeber und Staat gemeinsam Beschäftigung gesichert, über massive Arbeitszeitverkürzungen: durch den Abbau von Arbeitszeitkonten und Überstunden und durch Kurzarbeit. In der Metallindustrie etwa sank die durchschnittliche Arbeitszeit im zweiten Quartal 2009 auf 36,7 Stunden. Gesamtwirtschaftlich konnten so 1,2 Millionen Arbeitsplätze gesichert werden. Die deutsche Industrie steht heute im Vergleich zu anderen Ländern gut da. Sie kann den aktuellen Aufschwung gut bewältigen, weil sie ihre gut ausgebildeten Beschäftigten in den Betrieben gehalten hat. Die Krise hat verdeutlicht, was die IG Metall immer vertreten hat: Arbeitszeitverkürzung kann Beschäftigung sichern. Doch jetzt im Aufschwung steigen die Arbeitszeiten wieder an.



Arbeitszeit ufert aus

Im ersten Quartal 2010 lagen die Arbeitszeiten in der Metallindustrie bereits wieder bei 38,9 Stunden - und es geht weiter nach oben. Statt Beschäftigungsaufbau, der oft nur über Befristungen, Leiharbeit und Werkverträge stattfindet, gibt es immer mehr ausufernde Arbeitszeiten, Schichtarbeit und Überstunden. "Im März 2011 wurden wieder in mehr als der Hälfte der Metall- und Elektrofirmen Überstunden gefahren", stellt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall fest. Oft arbeiten Beschäftigte mehr, ohne dass die Zeiten erfasst werden. Zudem verfallen laut einer Umfrage der IG Metall Baden-Württemberg in 66 Prozent der Betriebe Arbeitszeiten, überwiegend durch Kappung auf der Basis von Betriebsvereinbarungen.

Überlange Arbeitszeiten, die Ausweitung der Schichtarbeit, Überstunden und Leistungsverdichtung führen auf Dauer zu Überforderung und Stress - und letztendlich zu massiven Gesundheitsschäden. Für die Beschäftigten ist das kaum über einen langen Zeitraum durchzuhalten, schon gar nicht bis 67 Jahre. Neben dem Schutz der Gesundheit geht es auch um die Selbst- und Mitbestimmung der Beschäftigten. Jeder Beschäftigte, hat seine individuellen Bedürfnisse und Bedingungen, die aus der Arbeit und aus dem Privatleben resultieren. Deshalb müssen wir das Thema Arbeitszeitwieder verstärkt angehen und unsere Mitbestimmungsrechte nachdem Betriebsverfassungsgesetz nutzen. Der Betriebsrat bestimmt mit über Anfang und Ende der Arbeitszeit, zeitweise Verkürzung oder Verlängerung und über Überstunden und Mehrarbeit.

Grenzen setzen
Die Arbeitgeber nutzen Mehrarbeit gerne, um flexibel zu bleiben und Auftragsschwankungen abzufedern. Doch Mehrarbeit darf keine Dauereinrichtung sein. Irgendwann muss es auch mal Neueinstellungen geben. Mehrarbeit hat Grenzen: Laut Metall-Tarifvertrag höchstens zehn Überstunden in der Woche und 20 Stunden im Monat. Und: Für Mehrarbeit sind laut Tarifvertrag Zuschläge zu zahlen. Die Entwicklung vor der Krise darf nicht wiederholt werden. Die aktuelle positive Auftragslage darf nicht zu Lasten der Beschäftigten und an ihnen vorbei gehen.

Jochen Homburg, der Ressortleiter der IG Metall für Betriebspolitik und Betriebsverfassung, hat die Forderungen der IG Metall klar formuliert: Den Produktivitätssteigerungen muss auch eine Zunahme unbefristeter Arbeitsverhältnisse folgen. Auch der "Fachkräftemangel" ist kein Argument für Arbeitszeitverlängerung. Die Arbeitgeber müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und mehr aus- und weiterbilden. Und wir brauchen Arbeitszeitkontenregelungen, die die persönlichen Belange der Beschäftigten berücksichtigen und ihre Rechte auf Selbstbestimmung stärken.

Arbeitszeitmodelle können unterschiedlich sein: mehr Pausen für die einen oder mehr freie Tage für die anderen. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, alters-, alternsund gesundheitsgerechte Arbeitszeiten für alle. Und vor allem: kein Verfall von Arbeitszeit. Das alles müssen wir in den Betrieben jetzt angehen. Dazu brauchen wir viele konkrete betrieblicheVereinbarungen. Unser Ziel: Wir wollen eine andere Kultur und eine bessere Arbeitszeitpolitik - für ein gutes Leben.

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Barbara Jentgens. Foto: Michael Schinke
Die Autorin
Barbara Jentgens ist Expertin für Arbeitszeit und berufliche Qualifizierung im Bereich Betriebspolitik des IG Metall- Vorstands. Als Autorin hat sie bereits an mehreren Büchern unter anderem zur Anwendung von Qualifizierungs-Tarifverträgen und zum betrieblichen Verbesserungsvorschlagswesen mitgearbeitet.
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