12. August 2016
Kampagne „Mein Leben – meine Zeit“: Worum es geht
Arbeitszeitpolitischer Handlungsbedarf steigt
Die Arbeitszeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt – allerdings stark geprägt von unternehmerischen Interessen, selten von den Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten. Warum es nun Zeit ist zu handeln.

Seit einigen Jahren steigt die geleistete Arbeitszeit in den Betrieben wieder an: Überstunden, Zusatzschichten, Wochenend- und Sonntagsarbeit sowie tägliche Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden sind oft wieder Arbeitsalltag.

Viele Beschäftigte identifizieren sich in hohem Maße mit ihrer Arbeit. Sie wollen ihre Aufgaben gut erledigen, auch wenn das realistisch nicht in der regulären Arbeitszeit möglich ist. Neue Formen unternehmerischer Steuerung fördern diesen Trend: Wer in Projekten oder mit Zielvereinbarungen arbeitet weiß, dass ein Auftrag am Freitagabend fertig gemacht wird, auch wenn man in der Woche bereits 40 Stunden oder länger gearbeitet hat. Genauso ist es bei der Vertrauensarbeitszeit: Wo sie besteht, wird in der Regel überdurchschnittlich lange gearbeitet und Mehrarbeit nicht erfasst. Sie verfällt meist ohne jeden Ausgleich.


Endloses Arbeiten droht neuer Standard zu werden

Und nicht wenige setzen sich am Wochenende hin, um noch schnell eine Excel-Tabelle durchzurechnen, eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen oder an der 3D-CAD-Animation zu feilen. In Zeiten von Cloud Computing ist das zu Hause oder an jedem anderem Ort jederzeit möglich. Dass diese Arbeitszeit erfasst wird, ist aber immer noch die Ausnahme. So tragen ständige Erreichbarkeit und mobiles Arbeiten dazu bei, dass Arbeit räumlich und zeitlich weiter entgrenzt wird. Endloses Arbeiten rund um die Uhr und auch am Wochenende sowie das Aufweichen der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben drohen damit der neue Standard zu werden.

Das bedeutet aber nicht, dass die betroffenen Arbeitnehmerinnen mit der Situation zufrieden sind. Im Gegenteil: Die Lücke zwischen den Wünschen der Beschäftigten und der tatsächlichen Arbeitszeit ist groß. Das hat die Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013 eindeutig gezeigt. Die Menschen wünschen sich gute Arbeit und Arbeitszeiten, die planbar sind und die sie selbst stärker beeinflussen können.


Die Fakten:

35-Stunden-Woche

Nach einem siebenwöchigen Streik in der Metall- und Elektroindustrie erfolgt im Jahr 1984 der Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Danach wurde sie schrittweise bis 1995 flächendeckend in den westlichen Bundesländern umgesetzt.

Die „Lücken“: Sowohl im Handwerk als auch in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie ist die 35-Stunden-Woche noch nicht tariflich verankert.

Ausprägung: Jeder Betrieb setzt die 35-Stunden-Woche anders um. Seit ihrer Einführung hat sich die Arbeitszeit weiterentwickelt ― vor allem geprägt von unternehmerischen Interessen, selten von den Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten.

„On-Demand-Praxis“ bei Flexibilität

In mehreren Jahrzehnten haben die Arbeitgeber die tarifliche 35-Stunden-Woche in alle Richtungen nach den betrieblichen Erfordernissen ausgedehnt. „Betriebliche Erfordernisse“ heißt für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: Maximal zeitlich flexibel sein.

Ein Beispiel: In allen Beschäftigten- und Altersgruppen sowie in allen Betriebsgrößen gibt es eine „On-Demand-Praxis“. Das bedeutet, dass Mitarbeiter ihre Arbeitszeit kurzfristig an die Anforderungen des Betriebs anpassen müssen. Jeder Dritte muss das häufig oder sogar ständig tun, wie die Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013 ergab.

Ausufernde Arbeitszeiten
64 Prozent aller Menschen mit „offizieller 35-Stunden-Woche“ machen regelmäßig Überstunden. Jeder Zehnte arbeitet sogar regelmäßig über 40 Stunden. Das gilt übrigens auch für alle anderen: Egal, wieviel Stunden vertraglich gesetzt sind, die meisten Beschäftigten arbeiten mehr.

Anders ausgedrückt: Wenn der Arbeitgeber auf Dauer die Beschäftigten deutlich länger arbeiten lässt, als im Tarifvertrag vereinbart ist, bedeutet das: Der Betrieb hat nicht genug Arbeitskräfte, und das geht eben auf die Knochen derjenigen, die die Mehrarbeit leisten müssen.

Verfall von Arbeitszeit

Jedes Jahr verfallen eine Milliarde Überstunden. (Quelle: IAB)

Seit vielen Jahren gibt es mehr Überstunden, die nicht bezahlt werden als solche, die bezahlt werden. Hier gibt es eine Umkehr: Von der aufrechten Haltung, dass Arbeit ihren Preis hat, hin zu einer ausbeuterischen Arbeit-gibt-es-auch-umsonst-Praxis. Dabei ist von einer „Dunkelziffer“ auszugehen. Denn viele Beschäftigte identifizieren sich in hohem Maße mit ihrer Arbeit – mit dem Effekt: Nicht immer schauen sie so genau hin, ob jede Überstunde auch vergütet wird. Es ist also davon auszugehen, dass die tatsächlichen Überstunden pro Jahr in Deutschland weit über einer Milliarde liegen.

Denn neue Formen unternehmerischer Steuerung fördern diesen Trend: Wer in Projekten oder mit Zielvereinbarungen arbeitet, der muss einen Auftrag am Freitagabend fertig haben, selbst wenn er in der Woche bereits 40 Stunden gearbeitet hat. Genauso ist es bei der Vertrauensarbeitszeit: Wo sie besteht, wird in der Regel überdurchschnittlich lange gearbeitet, Mehrarbeit wird nicht erfasst und verfällt meist ohne jeden Ausgleich.

Digitalisierung

Durch mobile Arbeitsgeräte wie Smartphones und Tablets wird die (geregelte) Wochenarbeitszeit noch weiter aufgeweicht und entgrenzt. Auch Maschinen und Anlagen sind aufgrund von Vernetzung mit Computern über mobile Geräte steuerbar. Das bedeutet: Die Entgrenzung von Arbeit ist nicht nur ein Thema für den klassischen Schreibtisch-Beschäftigten.

93 Prozent der Beschäftigten gaben laut einer Studie an, ihre Arbeitsbelastung habe durch das digitale mobile Arbeiten zugenommen oder sogar stark zugenommen. Jeder Fünfte von den Befragten ― und hier handelt es sich nicht etwa um Manager, sondern um normale Mitarbeiter ohne Führungsaufgaben ― guckt vor dem Schlafengehen (!) in seine beruflichen Mails. Und nicht nur das: Auch jeder Fünfte checkt die Mails am Wochenende und glaubt außerdem, sie innerhalb von zwei Stunden beantworten zu müssen. (Quelle: empirische Studie der Hochschule Pforzheim, Human Resources Competence Center, Prof. Dr. Markus-Oliver Schwaab, 449 Teilnehmer, veröffentlicht in personalmagazin 06/2014)

Was wollen die Beschäftigten?

Die Beschäftigtenbefragung im Jahr 2013 war die größte Erhebung dieser Art.

514 134 Rückmeldungen sind ein klarer Handlungsauftrag an die IG Metall. Dabei wurden die Möglichkeiten, selbst Anmerkungen zum Thema Arbeitszeit zu formulieren, massenhaft genutzt. Und auch die quantitativen Ergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache. Bei allen Beschäftigten herrscht ein hoher Problemdruck. Die Probleme und Wünsche zeigen eindeutig: Die Beschäftigten sind bereit, flexibel für ihren Betrieb zu arbeiten. Dafür wollen sie aber Gegenleistungen ― nämlich: sicherer Arbeitsplatz, Ausgleich durch Entgeltzuschläge, Planbarkeit durch rechtzeitige Ankündigung und Freizeitausgleich.

Wichtig hier: Der Freizeitausgleich ― auch kurzfristig nach Bedarf ― ist den Menschen wichtiger als ein finanzieller Ausgleich.

Nachfolgend Beispiele für die qualitativen Aussagen...

 
Mehr selbstbestimmte Arbeitszeit

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Alle Arbeitszeiten erfassen

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Mobiles Arbeiten regeln

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Bessere Schichtmodelle

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Arbeitszeit zeitweise reduzieren

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Mehr Zeitautonomie

Quelle: Beschäftigtenumfrage der IG Metall 2013

 
Schlussfolgerungen


In der Metall-Tarifrunde 2015 konnte die IG Metall den Einstieg in eine Bildungsteilzeit durchsetzen sowie bessere Regelungen zur Altersteilzeit. Auf dem Gewerkschaftstag 2015 gab es 36 Anträge zum Thema Arbeitszeit sowie einen Leitantrag des IG Metall-Vorstandes.

Fazit: Seit Jahren haben wir bei der Arbeitszeit einen steigenden Handlungsbedarf. Das ist das Kernanliegen der Kampagne der IG Metall.


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