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Tarifbindung: Belegschaften erkämpfen sich ihren Tarifvertrag

Tarifbindung: Belegschaften erkämpfen sich ihren Tarifvertrag

Mit Tarifbindung arbeitet es sich besser

22.01.2016 Ι Mit Tarif geht's gerechter zu. Hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt, achten Jobsuchende bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes auf ein Kriterium ganz besonders: Ist der Arbeitgeber tarifgebunden und bezahlt er nach Tarifvertrag? Aber auch dort, wo es noch keine Tarifverträge gibt, muss das nicht so bleiben - wie drei Beispiele zeigen.
Die Entgelte steigen in den kommenden drei Jahren schrittweise um bis zu 20 Prozent. Die Zahl der Urlaubstage erhöht sich von 24 auf 28 Tage im Jahr. Hinzu kommen Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das und verbindliche Regelungen zu Probezeiten und Zuschlägen sowie ein transparentes Entgeltsystem bringen die Tarifverträge, die die IG Metall Küste Mitte Dezember 2015 bei der Greifswalder HanseYachts AG durchgesetzt hat.

Damit kommen die 650 Mitarbeiter erstmals in der 25-jährigen Firmengeschichte des Yachtbauers in den Genuss einer Tarifbindung. "Mit den Tarifverträgen schaffen wir mehr Transparenz und Gerechtigkeit", sagt Betriebsratsvorsitzender Alexander Herbst. "Die Beschäftigten haben dadurch verlässliche Regelungen, auf deren Einhaltung wir als Betriebsrat achten werden." Vor etwa vier Jahren war HanseYachts noch ein Betrieb ohne Betriebsrat und ohne Mitbestimmung. Heute ist es ein Unternehmen mit Betriebsrat, Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat und Tarifbindung.

Bei Dexion im hessischen Laubach konnte die Belegschaft mit der IG Metall Mittelhessen ihren Tarif wieder zurückgewinnen. Nachdem der Lagersystemhersteller vor etwa zehn Jahren aus der Tarifbindung ausgeschert war, mussten die 210 Mitarbeiter erhebliche Einkommenseinbußen sowie verlängerte Arbeitszeiten hinnehmen. Danach hatte es lange in der Firma rumort. Ein Jahr lang kämpften die Beschäftigten um einen Tarifvertrag. Anfang Dezember 2015 hatten sie es geschafft: Die Arbeitszeiten sind jetzt wieder kürzer und die Arbeits- und Einkommensbedingungen werden schrittweise an das Niveau des Flächentarifvertrages der Metall- und Elektroindustrie angepasst. Zudem verpflichtete sich das Unternehmen in einem Haustarifvertrag, die Tariferhöhung in der Metall- und Elektroindustrie 2016 einschließlich eventueller Einmalzahlungen an die Beschäftigten weiterzugeben. Dieser Tariferfolg war für die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Carina Bingel nur möglich durch die Warnstreiks und den solidarischen Zusammenhalt der IG Metall-Mitglieder, "die immer mehr wurden". Damit zeigt das Beispiel Dexion, dass ein über zehnjähriger tarifloser Zustand nicht so bleiben muss und verändert werden kann.

Dienstleister holen sich ihren Tarif

Aber auch immer mehr Belegschaften von Werkvertragsdienstleistern und Kontraktlogistern kämpfen für bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen. So holten sich Anfang Dezember nach sieben Verhandlungen und einem Warnstreik die Mitarbeiter des Dienstleisters Ceva Logistics im VW-Werk Wolfsburg ihren Tarifvertrag. Hand in Hand arbeiten die rund 450 Ceva-Beschäftigten mit VW-Mitarbeitern, bringen ihnen Teile quer durch die Werkshallen, vom Presswerk an die Montagelinie, von einem Band zum anderen. Bislang hat Ceva nach dem Logistiktarif bezahlt.

Seit Januar gilt für die Logistiker ein IG Metall-Tarifvertrag, der ihnen deutlich mehr Geld und eine reduzierte Arbeitszeit um 1,5 Stunden pro Woche beschert. Danach arbeiten sie nur noch 37,5 statt 39 Stunde in der Woche und spätestens ab 2018 bekommen sie genauso viel Lohn wie die Beschäftigten der VW-Tochter Autovision: mindestens 13,55 Euro in der Stunde.

Die Beispiele zeigen, was möglich ist, wenn die Beschäftigten sich in der IG Metall organisieren und gemeinsam an einem Strang ziehen. "Bei der industriellen Kontraktlogistik haben wir große Schritte gemacht", betont der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. "Wir haben im letzten Jahr dort über 4000 Mitglieder gewonnen." Trotzdem gebe es dadurch nicht automatisch gute Arbeitsbedingungen, so Hofmann. "Die müssen wir gemeinsam mit den Beschäftigten bei den Kontraktlogistikern in Tarifverträgen durchsetzen."

Höhere Tarifbindung angestrebt

Chancen auf eine sichere Arbeit mit verlässlichen Einkommen und beruflichen Entwicklungschancen gibt es nur mit Tarifbindung. Doch sie muss in vielen Betrieben wieder oder erst noch hergestellt werden. Denn Tatsache ist, dass heute etwa nur noch jeder zweite Beschäftigte in Deutschland in einem tarifgebundenen Betrieb arbeitet. Auch im Zuständigkeitsbereich der IG Metall. Anfang der 1990er Jahre waren es noch über 70 Prozent. Danach begann der Abwärtstrend. Einer der Hauptgründe für diese Entwicklung: Unternehmen treten aus dem Arbeitgeberverband aus oder nutzen die von einigen Verbänden angebotenen Mitgliedschaften ohne Tarifbindung (OT).

Doch der Abwärtstrend ist mittlerweile gestoppt: "In den vergangenen Jahren ist es uns gelungen, die Tarifbindung zu stabilisieren", sagt Jörg Hofmann. In diesem Jahr will die IG Metall den "Turnaround" schaffen, so Hofmann, indem sie erstmals gezielt nicht tarifgebundene Betriebe in der anstehenden Metall-Tarifrunde einbezieht.

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Wozu sind Tarifverträge gut?

Tarifverträge regeln Löhne, Gehälter und Vergütungen für Auszubildende - aber auch die Zahl der Urlaubstage, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und wie lange Beschäftigte arbeiten müssen. Ohne Tarifverträge sind die Arbeitszeiten länger und der Urlaub kürzer - laut Gesetz nur 20 Arbeitstage. Meist gelten die Tarifverträge für ein Jahr oder auch länger. Wenn sie ablaufen, wird über neue verhandelt.

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