IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
Süddeutsche Zeitung: Porträt Christiane Benner; Foto: ig metall

Süddeutsche Zeitung: Porträt Christiane Benner

Kampf gegen neue, prekäre Arbeitsverhältnisse

14.12.2015 Ι Christiane Benners Laufbahn ist gekennzeichnet von einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Als Zweite Vorsitzende der IG Metall fokussiert sie auf neue, prekäre Arbeitsverhältnisse, in denen immer mehr Beschäftigte zu reinen Dienstleistern ohne Absicherung werden.

Schulsprecherin war sie, natürlich, das hätte man sich denken können. Dieses Unerschrockene im Blick, die leichte Unruhe, die sie befällt, wenn sie irgendwo Ungerechtigkeit vermutet: Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich Christiane Benner auf dem Podium einer Aula vorzustellen, von dem aus sie den Schulleiter freundlich, aber deutlich in den Senkel stellt, die gestrichene Antifa-AG, das Fehlen von Fahrradständern oder sonst irgendetwas von dem anprangert, was es womöglich in ihrer Schulzeit in den 80er-Jahren zu bemängeln gab, am Goethe- Gymnasium im hessischen Bensheim war das.

Heute ist Christiane Benner, 47, die mächtigste Frau der IG Metall. Im Oktober wurde sie zur Vizechefin gewählt, übrigens mit einem leicht besseren Ergebnis als der Vorsitzende Jörg Hofmann. In vier Jahren könnte sie es ganz nach oben schaffen. War es ein gerader Weg dorthin? Geht so. "Unerschrocken?", Benner denkt nach, aber nur Sekunden: "Das trifft es gut." Und das passt auch gut, weil man diese Eigenschaft in ihrer Position braucht, aus vielerlei Gründen. Denn natürlich darf man als Spitzengewerkschafterin keine Scheu davor haben, vor Tausenden von Leuten zu reden, die einen mögen, das ist das eine. Man darf aber auch nicht allzu viel Ehrfurcht haben vor den Alpha-Charakteren aus den Chefetagen der deutschen Industrie, die einen womöglich nicht so arg mögen, das ist das zweite. Benner sitzt auch noch in den Aufsichtsräten von Bosch und BMW. Das dritte aber braucht vielleicht eine noch größere Portion an Unerschrockenheit: als Leitfigur einer der größten Gewerkschaften der Welt dem digitalen Wandel nicht nur mutig entgegenzusehen, sondern ihn auch noch gestalten zu wollen - wie damals den Schulhof.

Die Prognosen sind schlecht: Intelligente Roboter könnten einen Großteil heutiger Arbeitsplätze überflüssig machen, heißt es, Auftragsarbeit das feste Anstellungsverhältnis ablösen. Und hinzu kommt das Umfeld: In der neuen Selfie-Welt ist sich der Einzelne zunehmend selbst der Nächste, die Pflege des Facebook- Accounts oder der Whatsapp-Gruppen sind attraktiver als das Engagement in einer Massenorganisation wie einer Partei, Bürgerinitiative oder eben einer Gewerkschaft. Wer da optimistisch bleibt, braucht womöglich eine Portion Naivität, könnte man sagen. Und wer Benner kennenlernt, in ihrer offenen, fröhlichen Art, die Antworten immer auf der idealistischen Seite, der mag ihr diese zunächst unterstellen. Redet man allerdings öfter mit ihr, offenbart sich auch die nachdenkliche Benner. Die Bücher und Aufsätze zum Thema Arbeit verschlingt, die die feministische Theorie der Philosophin Judith Butler bewundert und die in diesem Sommer einen Experten aus dem Silicon Valley in eine Festanstellung nach Frankfurt gelockt hat, damit die Denke aus der Bay-Area auch im IG-Metall-Haus am Main ankommt.

Benners Amerika-Liebe ist groß, was vermutlich nicht jeder Gewerkschafter prickelnd findet, besonders im linken Lager nicht. Sie begann, als ihr Vater die 15-jährige Christiane auf eine Dienstreise nach New York mitnahm, er war Ingenieur bei General Electric. Weil sie so gut Englisch sprach, durfte sie für ihren ersten Arbeitgeber schon mit 20 in die USA reisen. "Da habe ich gedacht: Hurra, das geht auch", erzählt sie. Reiselustig sei sie immer gewesen, war oft war mit Rucksack in der Welt unterwegs, wandere mit Begeisterung.

Amazonisierung verhindern

Während ihres Studiums verbrachte sie ein Jahr in den USA an der University of Indiana. Außerdem arbeitete sie für eine Bürgerrechtsorganisation an der Chicago South Side - dort, wo Barack Obama als Politiker groß wurde. "Ich war vor ihm da", scherzt sie. Das Thema Rassismus, Ausgrenzung ganzer Gruppen habe sie dort gut studieren können. Aber nicht nur deshalb hat sie immer einen Blick auf Amerika behalten. "Die USA sind für mich ein Seismograf", sagt sie. 34 Prozent der Beschäftigten seien schon jetzt Solo-Selbstständige, die unmittelbar von Armut bedroht sind. "Das ist ein Warnsignal." Benner hat ein Buch mit Fallbeispielen aus der ganzen Welt herausgegeben, das Cover ist grellgelb, alarmierend und optimistisch zugleich, könnte man sagen. Darin geht es um Clickworking oder Crowdworking, eine Arbeitsform, bei der die Macht fast ausschließlich bei den Firmen liegt, die Aufträge häppchenweise vergeben. Amazon mit seinem Mechanical Turk ist ein Großer auf diesem Markt.

"Amazonisierung der Arbeitswelt", nennt Benner das denn auch, es ist ihre Wortschöpfung, darauf legt sie Wert. Der Mensch liege wie ein Stück Ware im Einkaufswagen, man könne ihn beliebig rein- und rauswerfen. Aber wer solle das ändern können, wenn nicht eine Organisation wie die IG Metall? Noch wissen nicht viele Menschen, dass in den Wolken der digitalen Welt ein neuer Arbeitsmarkt rasant wächst, auf dem Arbeitnehmer bislang kaum mehr Schutz haben als Flüchtlinge in einem Boot auf dem Mittelmeer. "Manche Leute denken ja heute noch, man schreibt Crowdsourcing wie das bayerische Kraut", sagt Benner. Natürlich darf sie dann nicht die Besserwisserin geben. "Ich bin ein spontaner Mensch", beschreibt sie sich. Im Lauf der Jahre habe sie aber auch gelernt, dann und wann zu schweigen. "Manchmal ist es gut, einfach mal den Mund zu halten", sagt sie.

Reden ist das eine für eine Gewerkschafterin, handeln das andere. Die IG Metall hat den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für Clickworker zumindest begonnen. Auf der Online-Plattform faircrowdwork. org können IT-Gelegenheitsarbeiter ihre Auftraggeber bewerten und sich juristisch beraten lassen. Benner und ihr Team arbeiten daran, Firmen aus der ganzen Welt Noten zu geben. Sie sind dazu auch mit Experten aus den USA und Asien in Kontakt. Immer groß denken, noch so ein Grundsatz von Benner, die Kleinarbeit kommt ohnehin. Dazu schaut sie auch auf die Großen, Kategorie Nelson Mandela. "Von guten Reden lasse ich mich einnehmen und überzeugen", sagt sie. Einmal habe sie den damaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva über Gerechtigkeit sprechen hören, sie saß im Saal, voller Rührung.

Risiken der digitalen Arbeitswelt


Die Gerechtigkeitsfrage war es auch, die Christiane Benner in ihre Gewerkschaftskarriere zog. Bei ihrer ersten Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin habe sie "hammerharte Schlechtbehandlung" erlebt. Schnell war sie in der Jugend- und Azubi-Vertretung und prangerte an, was ihr nicht gefiel. Später dann studierte sie Soziologie in Marburg und Frankfurt am Main, ergänzt durch einen amerikanischen Bachelor in Gender Studies. Für Frauen sei die Digitalisierung eine besonders ambivalente Sache, sagt sie. In den Entwicklungsländern eröffne das Netz tolle Möglichkeiten. Frauen hätten plötzlich Zugang zu Information und Bildung, Kleinunternehmerinnen könnten ihre Produkte über das Netz vertreiben. In den entwickelten Ländern hingegen müssten Frauen aufpassen, nicht zu Arbeitsbienen der digitalen Welt zu werden.

Christiane Benner jedenfalls ist das gelungen. Kann sein, dass jemand auch in ihr mal eine Arbeitsbiene gesehen hat. Schließlich bekam sie bei der IG Metall zunächst vor allem die hoffnungslosen Fälle als Arbeitsgebiet zugeteilt: IT-Angestellte, Frauen, Migranten, Jugendliche - also all jene, die generell nicht so scharf auf Gewerkschaft sind. Strategische Gruppen heißt das in der Fachsprache. Konnte man ja nicht wissen, dass das ein paar Jahre später die Gruppen sein würden, auf die es ankommt. Dass es innerhalb der IG Metall damit auch plötzlich auf Benner ankommt.

Eine Glasdecke habe sie persönlich nie gespürt, sagt sie, trotzdem sei ihr Aufstieg anders gewesen, als ihn Männer erleben. Schon in der Firma, in der sie früher gearbeitet hat, hatte sie oft dieses Minderheitengefühl. "Man war immer so ein bisschen exotisch und allein als Frau." So richtig wohlgefühlt habe sie sich nicht in der Sonderrolle, auch dann nicht, als sie bei einer Betriebsratswahl 1990 plötzlich ganz oben auf die Liste katapultiert wurde. "Die wollten unbedingt eine Frau" - was auch wieder exotisch war. 20 Jahre später geht ihr das immer noch ähnlich. Natürlich findet sie es wichtig und richtig, dass die IG Metall jetzt mal eine Frau an der Spitze haben möchte. Frauen bräuchten weibliche Vorbilder. Aber sie sieht das wie vermutlich fast jede weibliche Führungskraft: Man wäre am liebsten nur die richtige Person an der richtigen Stelle. Stattdessen heißt es immer noch allzu oft: "Endlich haben wir auch mal eine Frau."

Text: Alexandra Borchardt

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content). 

IG Metall

Interessen erfolgreich durchsetzen.

Links und Zusatzinformationen
Buchtipp
Servicebereich