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Rote Karte für die muslimfeindlichen Thesen Thilo Sarrazins. Foto: Wolfgang Rhode / IG Metall

Rote Karte für die muslimfeindlichen Thesen Thilo Sarrazins

Bessere Schulen statt populistischer Scharfmacherei

31.08.2010 Ι Einen Platzverweis für Sarrazin fordert IG Metall-Vorstandsmitglied Wolfgang Rhode. Die Zahlengrundlagen seiner antimuslimischen Thesen sind fragwürdig, die wirklichen Hintergründe werden nicht genannt und die starke Betonung genetischer Grundlagen sind rassistisch, menschenverletzend und politisch inakzeptabel. Die IG Metall wird allen Versuchen, Beschäftigte in gute Deutsche und faule Ausländer zu spalten, entschieden entgegentreten.

"Deutschland schafft sich ab", warnt Bundesbankvorstandsmitglied Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch. Provokativ behauptet der frühere Berliner Finanzsenator, die minderbemittelten und integrationsunwilligen Muslime würden durch ihre höhere Fortpflanzungsrate die intelligenten, aber lendenschwachen Deutschen verdrängen und fordert einen Schutz des Genpools der deutschen Gesellschaft. Was ist dran an den antimuslimischen Äußerungen? Darüber sprachen wir mit dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied der IG Metall Wolfgang Rhode:

Was ist dran an Sarrazins Thesen?
Menschen mit Migrationshintergrund haben einen deutlich schlechteren Zugang zum Arbeitsmarkt, doch dafür gibt es völlig andere Gründe, die Sarrazin nicht nennt. Zum einen werden im Ausland erzielte Schul- und Berufsabschlüsse in Deutschland nur begrenzt anerkannt und zum anderen haben bei gleicher Qualifikation Zuwanderer mit arabisch oder türkisch klingenden Namen oft schlechtere Chancen einen Job zu bekommen.

Wie sieht es mit der Bildungsferne der Migranten aus?
Bei Abitur, Fachhochschulreife und Universitätsabschlüssen gibt es kaum einen Unterschied zwischen deutsch-stämmigen Bürgern und Zuwanderern. Problematisch ist die Situation in den Schulen. Über zehn Prozent der Zuwandererkinder verlassen die Schule ohne einen Abschluss, bei den türkisch-stämmigen Schülern ist es sogar jeder Fünfte. Hier müssen wir ansetzen, mit besseren Schulen, Sprachförderung und Integrationsangeboten statt mit populistischer Scharfmacherei.

Wie erklärst Du Dir die große öffentliche Aufmerksamkeit, die Sarrazin findet?
Auf der einen Seite ist das ein Medienhype. Medien greifen gerne Skandalgeschichten auf und Sarrazin bedient dieses Interesse. Auf der anderen Seite gibt es in der Bevölkerung tief sitzende Ressentiments gegenüber Migranten. Diese müssen wir ernst nehmen und durch Aufklärung und klare öffentliche Stellungnahmen bearbeiten. In der IG Metall haben wir über eine viertel Million Mitglieder mit Migrationshintergrund. Viele haben sich hochgearbeitet und den Traum vom besseren Leben erfüllt - als Kollegen, Vertrauensleute und Betriebsräte sind sie anerkannt und respektiert. Gemeinsam werden wir uns gegen alle Spaltungsversuche wehren. Das ist für uns nicht neu. Die Kampagne "Mach meinen Kumpel nicht an" mit dem Button in Form einer gelben Hand unterstützt die IG Metall seit 20 Jahren.

Was ist denn das Gefährliche an Sarrazins Behauptungen?
Sarrazin behandelt gesellschaftliche Probleme als naturwissenschaftliche biologische Themen und fällt damit hinter die Aufklärung zurück. Intelligenz ist für ihn im Wesentlichen vererbt, er spricht von einem 50 bis 80-prozentigen genetischen Anteil. Diese Annahmen sind wissenschaftlich nicht belegt. In seinen Formulierungen von einem jüdischen Genpool schließt er an die Rassentheorien der Nationalsozialisten an. Solche Ansätze sind rassistisch, menschenverletzend und politisch inakzeptabel. Er bereitet Rechtsradikalen den Boden.

Welche Konsequenzen sollten gezogen werden?
Es ist ja nicht Sarazins erste Entgleisung. Als Finanzsenator empfahl er Hartz-IV-Beziehern noch Pullover statt Heizkostenzuschüsse und vergangenes Jahr schwadronierte er von "türkischen Kopftuchmädchen". Sarrazin ist als Vorstandsmitglied der Bundesbank eine Person des öffentlichen Lebens. Daneben hat er noch ein Parteibuch der SPD. Das der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei seinen Ausschluss anstrebt kann ich nur begrüßen. Auch die Bundesbank sollte darüber nachdenken, ob dies mit dem öffentlichen Ansehen der Institution vereinbar ist. Beim letzten Mal gab es nur die gelbe Karte. Wären wir im Fußball, wäre jetzt der Platzverweis fällig. Und: Das Buch im Laden liegen lassen! Diese inakzeptablen Positionen sind ohnehin öffentlich breitgetreten, und der Rest ist wirr und stinkend langweilig.

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