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Prekäre Beschäftigung: Leiharbeit schon lange in Büros angekommen

Prekäre Beschäftigung: Leiharbeit schon lange in Büros angekommen

Hochqualifiziert und prekär

07.02.2013 Ι Fast jeder vierte Beschäftigte arbeitet in Deutschland in einem unsicheren Job. Darunter auch viele Hochqualifizierte, was oft vergessen wird. Sie sind in Leiharbeit tätig oder auf Basis von Werkverträgen angestellt. Und sie haben die gleichen Sorgen wie ihre Kollegen an den Werkbänken. Doch zum Glück gibt es Beispiele wie beim Flugzeugbauer Airbus, wie es besser funkionieren kann.
Über die Sorgen von Leihbeschäftigten weiß Rainer Brodersen zu berichten, Betriebsrat beim Flugzeugbauer Airbus. Als die Produktion bei der Tochtergesellschaft von EADS vor einigen Jahren so richtig in Fahrt kam, "da ist die Zahl der Leihbeschäftigten explosionsartig angestiegen". Auf dem Höhepunkt lag die Quote bei rund 30 Prozent, was in etwa 5000 Stellen entsprach. Jene "Aushilfen auf Zeit", zum Teil Ingenieure und andere Fachkräfte, entwickelten an 3D-Rechnern beispielsweise Kabinen oder elektrische Systeme. Sie machten die gleiche Arbeit wie die Stammbelegschaft. "Man sieht nicht, wer ein Leihbeschäftigter ist und wer nicht", sagt Brodersen. Das spüren nur die Betroffenen.

Früher nutzten Betriebe Leiharbeit und Werkverträge, um Auftragsspitzen zu bewältigen. Das war einmal. Der Trend geht dahin, immer mehr Aufgaben der Stammbelegschaft auszulagern. Für die Arbeitgeber ist das komfortabel, denn sie sind die über Werkverträge eingesetzten Beschäftigten wieder los, sobald sie sie nicht mehr benötigen. Außerdem lässt sich mit solch atypischer Beschäftigung einiges an Kosten einsparen und Druck auf die Stammbeschäftigten ausüben.

Ständiger Begleiter: Das Gefühl, beruflich nie anzukommen

Für die betroffenen Leiharbeitnehmer oder sogenannte Werkvertragler hat die Ungerechtigkeit viele Facetten. Sie werden meist schlechter bezahlt und fühlen sich als Angestellte zweiter Klasse. Wer will schon mal ebenso vor die Tür gesetzt werden, sobald die Auftragslage einen kleinen Knick hat oder dem Vorgesetzten irgendetwas an der Person nicht passt. Dann heißt es schlicht "Abmeldung". In jedem neuen Unternehmen muss sich ein Leihbeschäftigter auch neu einarbeiten und mit neuen Kolleginnen und Kollegen vertraut machen. Das Gefühl, beruflich nie anzukommen, ist ein ständiger Begleiter.

"Die fühlen sich so mies, wie andere in prekären Beschäftigungen auch", weiß Brodersen. Das fange mit dem Problem bei der Urlaubsplanung an und reiche bis in die Familien hinein. "Wie will man so eine unsichere Situation als 25-Jähriger meistern, wenn ein Kind im Anmarsch ist?" Einige der Leihbeschäftigten müssen täglich für Hin- und Heimfahrt 200 Kilometer zurücklegen. Eine Wohnung zu mieten, wäre zu unsicher.

Zukunftstarifvertrag bringt die Wende

Die Wende für die 16 000 Beschäftigten der deutschen Airbus-Standorte kam vor etwa zwei Jahren mit dem Abschluss des sogenannten Zukunftstarifvertrags. Diesem gingen rund 18 Monate harte Tarifverhandlungen voraus, in deren Verlauf es auch zu Warnstreiks gekommen war. Mit ihnen erzeugten die Beschäftigten den nötigen Druck auf das Airbus-Management.

Der Vertrag regelt, dass jetzt in der Serienfertigung mindestens 80 Prozent fest angestellte Stammkräfte und höchstens 20 Prozent Zeitarbeiter und befristete Arbeitskräfte arbeiten. Ab 2016 setzt sich die Quote der flexiblen Kräfte aus 15 Prozent Leiharbeitnehmern und fünf Prozent befristeten Mitarbeitern zusammen. Für Leihbeschäftigte gelten ab dem vierten Monat die gleichen Arbeitsbedingungen und Bezahlung wie für die Stammbelegschaft. Ein großer Erfolg. "Auch wenn für mich eine Quote von fünf Prozent erstrebenswert wäre", sagt der 51-jährige Betriebsrat.

Betroffene werden Beteiligte

Wie haben es Belegschaft und Betriebsrat geschafft, den nötigen Druck aufzubauen? Für Brodersen, einst Wissensmanager bei Airbus Deutschland, ist die Sache klar: "Wir haben ein erfolgreiches Beteiligungsmodell aufgebaut". Das mag zunächst etwas trivial klingen, was aber wohl nur daran liegt, dass die Krux damit schlicht erfasst ist.

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei Airbus ist vergleichsweise durchschnittlich. Aber die Arbeitnehmervertreter und Vertrauensleute konnten die Beschäftigten motivieren mitzumachen, in dem sie sie aktiv eingebunden haben. "So haben die Leute gemerkt, dass hier etwas in Bewegung ist, das sie durch Mitarbeit stärken und im Verlauf beeinflussen können. Das motiviert." Das entschlossene Auftreten der Beschäftigten brachte bei den Verhandlungen letztendlich den Durchbruch.

Plattform dieses Beteiligungsmodells war und ist das Engineering-Forum mit dem Motto "Betroffene zu Beteiligten machen". Dort treffen sich Angestellte aus dem Forschungs- und Entwicklungsbereich einmal pro Monat, um über die Zukunft des Unternehmens und Probleme, die ihre Arbeit mit sich bringt, zu beraten. Der Airbus-Betriebsrat wurde für das Forum 2011 mit dem Betriebsrätepreis in Gold ausgezeichnet. "Seid frech und macht!", rät Brodersen zur Nachahmung. "Wir konnten damit die Vorstellung ad absurdum führen, dass Ingenieure beteiligungsfaul sind."

Trends bergen neue Herausforderungen

Viele Werkverträge sind vollkommen legitim, wie auch Brodersen weiß. "Wir sind ja nicht blind. Viele Projekte laufen halt nur über einen begrenzten Zeitraum". Jedoch sind in Deutschland einige von diesen Arbeitsverhältnissen nichts anderes als "Scheinwerkverträge" und damit illegale Arbeitnehmerüberlassungen. Im ITK-Sektor könnte sich die Situation noch zuspitzen. Dort stehen die Zeichen beispielsweise auf Cloud Computing.

Dabei bekommen Unternehmen IT-Ressourcen von Anbietern über das Internet je nach Bedarf bereitgestellt, anstatt diese selbst aufzuwenden. Abgerechnet wird nach dem tatsächlichen Verbrauch. Die Anbieter des Cloud-Konzepts versprechen mehr Flexibilität und niedrigere Kosten. Es handelt sich also weniger um neue Technik, als viel mehr um ein neues Geschäftsmodell. Und bei dem ist es nicht mehr nötig, eigene Experten an das Unternehmen zu binden.

Die Anbieter beziehen einen Teil ihrer Fachkräfte beispielsweise von Subunternehmen. Deren sogenannte Cloud Workers könnten in Zukunft zu einer neuen Generation von Werkvertraglern werden. Um solche Trends nicht völlig ausufern zu lassen, braucht es noch mehr jener schlauen und engagierten Köpfe, wie sie bei Airbus Deutschland zu finden sind.

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