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Podiumsdiskussion auf der 7. Engineering- und IT-Tagung. Foto: Annette Hornischer

Podiumsdiskussion auf der 7. Engineering- und IT-Tagung

"Wir brauchen gute Standards in der virtuellen Arbeitswelt"

23.11.2015 Ι Eine klare Frage, eine leidenschaftliche Diskussion: Wie viel Mitbestimmung braucht das digitale Unternehmen? Auf der "7. Engineering- und IT-Tagung" in München debattierte Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, gemeinsam mit Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Arbeitgeberverbände (BDA) sowie Katharina von Hebel, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Ford in Köln und Mitglied im Aufsichtsrat über diese Frage.

Einig in allen Punkten war man sich am Ende nicht, aber das wäre ja auch langweilig gewesen. Das aber war die abschließende Podiumsdiskussion auf der "7. Engineering- und IT-Tagung" in München kein bisschen, dafür: engagiert und leidenschaftlich, interessant und kontrovers. Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, wieviel Mitbestimmung in der digitalen Arbeitswelt verwirklicht sein muss, wie es gelingen kann, soziale Sicherungen und Standards in diese zu transformieren und wieviel Beteiligung dazu auf- und ausgebaut werden muss.


Die Zahlen, die Moderatorin Judith Schulte-Loh, zu Beginn präsentierte, sind an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen. Zwei Drittel aller Befragten, das zeigt eine aktuelle Umfrage der TU München, wünschen sich mehr Beteiligung im Unternehmen, sie können sich vorstellen, ihren Chef selbst zu wählen. Fortschreitende Digitalisierung verändere zwar die Partizipationsmöglichkeiten, sie mache es möglich, schnell, direkt und unkompliziert zu kommunizieren und das ermögliche auch "neue Strukturen der Beteiligung" - aber Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Arbeitgeberverbände (BDA), macht ein Fragezeichen, ob Beschäftigte deshalb ihren Chef selbst wählen sollten. Pfeilschnelle Antwort von Christiane Benner: "Die IG Metall tickt bereits so. Wir hatten gerade Gewerkschaftstag. Der hat die neue Führung gewählt. Beteiligung ist richtig und wichtig."


Wie sehr, davon berichtete anschaulich Katharina von Hebel. Seit dem 1. November gibt es bei Ford eine Betriebsvereinbarung zur Mobilarbeit, erarbeitet wurde sie beteiligungsorientiert. "Der Prozess hat ein halbes Jahr gedauert und wir haben von Anfang an die Beschäftigten mitgenommen, es gab Interviews und Fragebögen, wir wollten wissen, was die Kolleginnen und Kollegen denken, was sie sich wünschen, was sie wollen. Das war sehr gut."
 
Christiane Benner sieht das ebenso. Mehr Demokratie, mehr Beteiligung in den Unternehmen, egal, ob sie jetzt durchgängig digitalisiert sind oder nicht, das sei eine wichtige, eine nötige, eine sehr gute Sache. Allerdings, führte die Zweite Vorsitzende der IG Metall aus, gebe es eben auch Entwicklungen, die "absolut bedenklich" seien: "Wir erleben gerade eine sehr unterschiedliche Bewegung. Auf der einen Seite gibt es Unternehmen, in denen es mehr Partizipationsmöglichkeiten, mehr Demokratie gibt. Auf der anderen Seite gibt es aber den Tatbestand, dass Unternehmer Betriebsratsgründungen verhindern und versuchen, Mitbestimmung umgehen. Das können wir nicht zulassen." Wichtig sei deshalb, dass es gelänge, Mitbestimmung, Standards und soziale Sicherungen effektiv und wirkungsvoll auch in die digitale Arbeitswelt einzubauen.


Prinzipiell hat auch Reinhard Göhner nichts dagegen - wenn es aber um die konkrete Ausgestaltung geht, dann häufig genug eben schon. Digitalisierung, so seine Analyse, führe "tendenziell zu einer Individualisierung", und deshalb sollten auch Lösungen möglichst auf einer individuellen Ebene ausgehandelt und abgemacht werden. Etwa die Gestaltung der Arbeitszeit. Das sei doch eine Frage, die sehr "arbeitsplatz- und betriebsbezogen" sei. Warum könnten Regelungen hier nicht auf "kleiner Ebene", in einzelnen Abteilungen und unter Individuen, getroffen werden?

 

Kollektive Regelungen und Rechte notwendig

Weil sie eine "Transformation der Verantwortung über die Arbeitszeitgestaltung ausschließlich auf kleine Einheiten" nicht zulassen wolle, entgegnete da Katharina von Hebel. Und Christiane Benner wies darauf hin, dass in den Unternehmen eben immer ein "Machtgefälle" herrsche. "Es brauche kollektive Rechte und Regelungen - das gelte auch und gerade in digitalen Unternehmen und für die rund eine Millionen Menschen, die hierzulande als Clickworker arbeiten. "Wir wollen nicht, dass das Internet zum Wilden Westen wird", sagte Christiane Benner. "Wir wollen und wir brauchen gute Standards auch in der virtuellen Arbeitswelt."


Übrigens nicht nur in dieser. Alle Umfragen zeigen, dass die Beschäftigten mobiles Arbeiten wollen, dass sie sich eine bessere Vereinbarung von Arbeit mit ihrem Privatleben wünschen. "Wenn Beschäftigte vermehrt im Home Office arbeiten, dann brauchen wir auch eine neue Führungskultur", so Christiane Benner. Darum sollten sich die Arbeitgeber kümmern, statt, wie es der BDA getan habe, ein Papier zur Arbeit in der Digitalisierung zu veröffentlichen, das ganz auf Deregulierung setze und die Digitalisierung dazu nutzen wolle, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen anstatt Mitbestimmung für die digitale Arbeitswelt weiterzuentwickeln und ein nachhaltiges Konzept für eine digitale Arbeitswelt zu liefern. "Diese Vorschläge haben mich enttäuscht. Das ist mir angesichts der Umwälzungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, nicht ernst genug."


Ernst, und weitgehend einmütig, wurde es dann doch noch, mehr zum Ende der Diskussion hin. Katharina von Hebel merkte an, dass Qualifizierung und Weiterbildung, dass Bildung darüber entscheiden wird, ob und wie gut der digitale Wandel gestaltet werden wird. Sicher ist, dass Digitalisierung große Auswirkungen hat. Auf die Arbeitswelt, auf die Art und Weise, wie wir leben werden. Sicher ist zudem, dass die Chancen, die der Wandel, mit sich bringt, nur dann zur Entfaltung kommen können, wenn die Beschäftigten ihm gewachsen sind. Eine gute frühkindliche Erziehung sei nötig, natürlich ein starkes Schul- und Ausbildungs- und Universitätssystem - dazu aber auch gute Weiterbildungsmöglichkeiten für Beschäftigte. Und genau daran, betonte Christiane Benner, kranke es zu häufig. "Beschäftigte bekommen allzu häufig keine Weiterbildung", so die Zweite Vorsitzende der IG Metall, "oder sie bekommen keine Zeit für Weiterbildung eingeräumt."


Einen Punkt konnten alle drei unterschreiben: Eine starke Tarifbindung, eine starke Sozialpartnerschaft sei eminent wichtig. Der Tarifvertrag bei Atos etwa sei ein konkretes Beispiel, wie Tarifverträge und digitale Arbeitswelt zusammenpassen.

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