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Nohora Tovar von der kolumbianischen Metallgewerkschaft Fetramecol im Interview

Ein weiter Weg, aber wir arbeiten daran

20.10.2011 Ι Nohora Tovar, Generalsekretärin der Fetramecol, nahm als Vertreterin der kolumbianischen Metallgewerkschaft am 22. Ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall teil. Im Interview spricht sie über prekäre Beschäftigung in Kolumbien und die Situation der Gewerkschaftsbewegung in ihrer Heimat.

Nohora, du warst bereits öfter in Deutschland, um über die Situation von Gewerkschaftern in Kolumbien zu berichten. Vor etwa zwei Jahren haben wir dazu ein ausführliches Interview geführt. Ihr hattet damals die Befürchtung, nach eurer Heimkehr Repressionen ausgesetzt zu sein. War das der Fall?
Es gab damals Gerüchte, dass wir bei unserer Rückkehr von einer Art Regierungskommission erwartet würden, die uns zu unseren Aktivitäten im Ausland befragen sollte. Hintergrund war, dass der damalige Präsident Álvaro Uribe in einem Zeitungsartikel gesagt hatte, es gäbe im Ausland Kolumbianer, die schlecht über das Land sprächen, und die man befragen sollte, was das solle. Als wir in Bogota eingetroffen sind, wartete dort allerdings niemand auf uns. Trotzdem hat sich unsere Delegation sofort aufgeteilt und jeder ist seiner Wege gegangen. Letztlich hat sich das Gerücht also nicht bewahrheitet.

Im Mai 2010 fanden in Kolumbien Wahlen statt. Nachdem Uribe eine erneute Kandidatur gerichtlich untersagt wurde, beerbte ihn sein Weggefährte, der ehemalige Verteidigungsminister Juan Manuel Santos im Am des Präsidenten. Hat sich dadurch etwas an der Situation der Gewerkschafter in Kolumbien geändert?

Nicht wirklich. Die Politik ist dieselbe, nur ihr Erscheinungsbild hat sich gewandelt. Die Auseinandersetzung wird seitens der Regierung in einem freundlicheren Ton geführt. Man bezeichnet uns nicht mehr Guerilleros, aber an unserer Lage hat das im Grunde nichts geändert.  
Es gibt nach wie vor Repressionen auf mehreren Ebenen. Zum einen findet ein großer Angriff auf die tarifpolitischen Bedingungen und Abkommen statt. Tarifverträge werden unterwandert, das Arbeitsrecht missachtet und das bereits ratifizierte ILO-Kernübereinkommen 87 wird weiterhin nicht umgesetzt. Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind die anhaltende Verfolgung, die Bedrohung und die Morde. In diesem Jahr sind bereits 23 Gewerkschafter umgebracht worden.


Die Europäische Union und Kolumbien arbeiten seit einigen Jahren an einem Freihandelsabkommen. Daran gab es von Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften viel Kritik. In letzter Zeit ist es ruhig um das Abkommen geworden. Wie ist der Stand der Dinge?
Das Abkommen ist bisher noch nicht unterzeichnet worden. Gewerkschaften und progressive Parteien hatten eingewandt, dass es sich um ein so genanntes "gemischtes Abkommen" handele, da es auch für die Rüstungsindustrie nützliche Güter umfasse. In diesem Fall müsste jedes nationale Parlament einzeln über das Abkommen abstimmen, da Rüstungsfragen im Zuständigkeitsbereich der EU-Mitgliedsländer liegen. Das wurde bis vor kurzem geprüft. Laut letzten Berichten aus Brüssel ist nun aber festgestellt worden, dass es sich nicht um ein "gemischtes Abkommen" handelt. Das EU-Parlament ist also berechtigt, darüber abzustimmen. Wir gehen davon aus, dass es 2012 soweit sein wird.

An anderer Stelle wurden bereits Fakten geschaffen. Das Freihandelsabkommen zwischen Kolumbien und den USA ist nach mehrjährigen Verhandlungen Mitte Oktober unterzeichnet worden. Wie bewerten die kolumbianischen Gewerkschaften das?
Wir gehen davon aus, dass das Abkommen ab Januar 2012 umgesetzt wird und dass es vor allem die kleinen Bauern in ihrer Existenz bedroht. Die großen Agrarkonzerne aus den USA werden sie einfach vom Markt verdrängen. Wir und manche Nichtregierungsorganisationen warnen seit fünf Jahren, dass die geplanten Freihandelsabkommen nicht nur unter dem Aspekt der Menschenrechte problematisch sind, sondern auch verheerende Folgen für die kolumbianische Volkswirtschaft haben werden. Das wurde unter den Teppich gekehrt. Nun erscheinen in der kolumbianischen Presse erste Berichte über die mangelnde Infrastruktur des Landes und die Defizite bei der Wettbewerbsfähigkeit. Langsam wird deutlich, wie unverantwortlich es von der kolumbianischen Regierung war, dieses Abkommen abzuschließen.

Eine große Herausforderung für die Gewerkschaften in Deutschland ist die Ausbreitung von prekärer Beschäftigung in Form von Leiharbeit, Werkverträgen, Befristungen und Mini-Jobs. In unserem letzten Gespräch hatten du und deine Kollegen berichtet, dass ihr vor ähnlichen Problemen steht. Wie hat sich das entwickelt?
Die Prekarisierung der Arbeit schreitet auch in Kolumbien weiter voran. Die Bedingungen sind eher noch schlimmer geworden. Das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Kolumbien beinhaltet zwar eine Vereinbarung, die Arbeitskooperativen (Cooperativas de Trabajo Asociado, CTA) zu regulieren. Diese Pseudogenossenschaften, mit denen Arbeitnehmer in einer Scheinselbständigkeit gehalten werden, dürfen nun nicht mehr als Arbeitsvermittler tätig sein. Aber in Kolumbien ist man sehr kreativ - vor allem in der Regierung.  Also hat man mit den Sociedades Anónimas Simplificadas (SAS) eine neue Beschäftigungsform erfunden. Dabei handelt es sich im Grunde um eine Art Ich-AG, mit der Arbeitnehmerrechte ebenfalls umgangen werden können. 
Eine weitere besorgniserregende Neuerung ist, dass Gewerkschaften nun Arbeitsverträge für die Unternehmen abschließen und dadurch die Arbeitnehmer in einem Betrieb einstellen können. Das bringt die Gewerkschaften in eine schwierige Lage, weil sie einerseits die Arbeitnehmerrechte verteidigen sollen, andererseits aber im wortwörtlichen Sinne zu Arbeitgebern werden, wenn sie Arbeitsverträge abschließen. Der Gewerkschaftsdachverband CGT wendet dieses System an, obwohl die anderen beiden großen Dachverbände Central Unitaria de Trabajadores (CUT) und Confederacion De Trabajadores De Colombia (CTC) - zudem auch Fetramecol gehört - diese Praxis ablehnen.

Du hast die verschiedenen Gewerkschaftsverbände angesprochen. Als einen Weg, die Gewerkschaftsbewegung in Kolumbien zu stärken, haben deine Kollegen bei unserem letzten Gespräch den Zusammenschluss verschiedener Verbände genannt. Was ist aus dem Vereinigungsprozess der Metallgewerkschaft Utrammicol mit der Fetramecol geworden?
Wir befinden uns noch mitten drin. Unterstützt werden wir dabei unter anderem vom IMB. Wir haben bereits gemeinsam ein politisches Aktionsprogramm verabschiedet und erarbeiten derzeit unsere Statuten. In der Praxis gibt es bereits gemeinsame Projekte, damit wir eine Vertrauensbasis für eine starke Gewerkschaft aufbauen, die nicht gleich bei den ersten Problemen auseinander bricht. Kopfzerbrechen bereiten uns im Moment noch Fragen zur gemeinsamen Tarifpolitik, Freistellungsregelungen und dem Schutz von Gewerkschaftern an der Basis im Betrieb.

Du hast als Vertreterin der Fetramecol am 22. Gewerkschaftstag der IG Metall teilgenommen. Wie sind deine Eindrücke?
Ich nehme sehr viele Anregungen für meine gewerkschaftliche Arbeit mit. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt von der starken und aktiven Beteiligung der Delegierten an den Diskussionen, die manchmal hart, aber immer mit Blick auf die Zukunft der IG Metall geführt worden sind. Was mich aber regelrecht fasziniert hat, ist die Konzentration und Disziplin der Delegierten, mit der sie hier über Tage hinweg gearbeitet haben.
Positiv aufgefallen ist mir auch die Rolle, die Gewerkschaften in Deutschland spielen. Sie sind wirklich ein voll integrierter Teil der Gesellschaft. Das sieht man allein schon daran, dass politische Parteien, die Regierung und auch die Unternehmen hohe Vertreter auf den Gewerkschaftstag geschickt haben. Eine solche Verankerung in der Gesellschaft wünsche ich mir auch für die Gewerkschaften in Kolumbien. Das ist sicher noch ein weiter Weg, aber wir arbeiten daran.

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Kolumbien in Kürze

Das rohstoffreiche Kolumbien zählt rund 44,5 Millionen Einwohner und gilt als das Tor zu Südamerika. Seit 1986 hat das Land ein präsidentielles Regierungssystem und wurde von 2002 bis 2010 von einer mitte-rechts Koalition unter dem Präsidenten Álvaro Uribe Vélez regiert. Ihm folgte im Mai 2010 sein ehemaliger Verteidigungsminister Juan Manuel Santos im Amt.

Das Bruttoinlandsprodukt lag laut IWF 2008 pro Einwohner nominal bei 4985 Euro (Deutschland: 44660 Euro). Zu den Hauptexportgütern des Landes zählen neben Industriegütern, landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen - eher innoffiziell - Drogen. Einkommen und Vermögen sind in Kolumbien extrem ungleich verteilt. Der Gini-Koeffizient des Landes, lag 2006 bei 0,56. In Südamerika hat nur Brasilien einen höheren Wert.

Gewerkschaften in Kolumbien

In Kolumbien gibt es drei größere gewerkschaftliche Dachverbände: Central Unitaria de Trabajadores (CUT), Confederación de Trabajadores de Colombia (CTC) und die Confederación General del Trabajo (CGT). In der CUT sind laut Friedrich-Ebert-Stiftung etwa 55 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder organisiert, 15 Prozent in der CGT und rund 10 in der CTC.

Jeder dieser Verbände setzt sich aus Hunderten einzelner Gewerkschaften zusammen. Die übrigen 20 Prozent verteilen sich auf über 2800 Betriebsgewerkschaften.  Nach Angaben der Friedrich-Ebert-Stiftung  waren 2007 nur etwa vier Prozent der arbeitenden Bevölkerung gewerkschaftlich organisiert.

Bewaffneter Konflikt im Inneren

Kolumbien wird seit Jahrzehnten von einem bewaffneten Konflikt zwischen linksgerichteten Guerilla-Gruppierungen wie den Revolutionären Streitkräfte von Kolumbien (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, FARC) und der Nationalen Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional, ELN) einerseits und staatlichen Sicherheitskräften und rechtsgerichteten Paramilitärs andererseits erschüttert.

Zu den Opfern dieses Dauerkonfliktes zählen neben hundertausenden ermordeten oder "verschwundenen" Personen Millionen von Binnenvertriebenen.

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