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Niedriglöhne

Arbeitgeber-Studie bejubelt Minilöhne als Erfolgsmodell

01.09.2011 Ι Sind Frauen und Männer, die mit ihrer Arbeit nur sechs Euro verdienen, glückliche Menschen? Wer ein Gutachten des "Instituts der Deutschen Wirtschaft" liest, könnte das glauben. Darin wird ein Loblied auf Niedriglöhne angestimmt. Sie seien ein Einstieg zum Aufstieg. Mindestlöhne dagegen seien schlecht für die Menschen. Das Gutachten enthält viele Zahlen - und viele falsche Argumente.

In Auftrag gegeben hatte das Gutachten mit dem Titel "Der Niedriglohnsektor in Deutschland" die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM), eine von den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie finanzierte Einrichtung, die Arbeitgeberpositionen in Medien, Schulen und wo immer es sonst möglich ist verbreiten soll. Hubertus Pellengahr, der Geschäftsführer der INSM, stellte die Studie der Öffentlichkeit vor und präsentierte vor allem fünf Schlussfolgerungen aus der Studie. Die IG Metall hat sie überprüft und zeigt auf, was an den Argumenten nicht stimmt.


1. Niedriglöhner steigen selten auf
Die INSM-Studie behauptet: Niedriglöhne sind gut, weil sie Arbeitslosen einen Einstieg in Arbeit ermöglichen - und einen Aufstieg in bessere Beschäftigung. Nach einem Jahr seien 24,1 Prozent der Geringverdiener Normalverdiener.

Stimmt nicht: Das INSM-Gutachten selbst beschreibt, dass 53,8 Prozent nach einem Jahr immer noch Geringverdiener sind und 15,3 Prozent gar nicht mehr arbeiten. Warum es ein Erfolg sein soll, wenn noch nicht einmal jeder vierte Niedriglöhner den Sprung in eine normale Arbeit schafft, bleibt das Geheimnis der INSM. Zumal nur 18,2 Prozent der Niedriglöhner laut Gutachten vorher arbeitslos waren. 42,6 Prozent waren vorher Normalverdiener, sie sind also eindeutig abgestiegen.
In dem Gutachten wird außerdem erklärt, die Billigjobs hätten keine regulären Arbeitsplätze verdrängt. Denn deren Zahl sei seit 1994 etwa gleich geblieben. Bei den Niedriglohnjobs handele es sich um zusätzliche Tätigkeiten. Aber wurden diese zusätzlichen Stellen nur geschaffen, weil für sie wenig Lohn gezahlt werden muss? Gäbe es sie nicht, wenn sie normal bezahlt werden müssten? Das unterstellt die Studie. Sie liefert aber dafür keinen Beleg.
Ein anderes "Argument", mit dem die INSM-Studie die Vorzüge von Niedriglöhnen begründet, ist regelrecht zynisch. Es gebe zu viele bildungsferne Arbeitslose, deren Defizite so hoch seien, dass es zu teuer sei, sie zu qualifizieren. Der Aufwand stehe in keinem angemessenen Verhältnis zum Ertrag. Für sie müsse der Arbeitsmarkt einfache Tätigkeiten bieten - und die seien nun einmal schlecht bezahlt.
Fakt ist aber, dass 80 Prozent der Niedriglöhner qualifiziert sind, was in dem Gutachten auch erwähnt wird: Sie haben einen Beruf erlernt, zum Teil sogar ein Hochschulstudium abgeschlossen. Außerdem müssten, wenn das Argument stichhaltig wäre, junge Menschen besonders unqualifiiziert sein. Denn Niedriglöhne sind vor allem ein Generationenproblem: 36 Prozent der Niedriglöhner sind unter 30 Jahre alt.

2. Niedriglöhne zementieren schlecht bezahlte Frauenarbeit
Die INSM-Studie behauptet:
Niedriglöhne schützen vor Armut. Nur 16 Prozent der Menschen mit Niedriglöhnen sei "armutsgefährdet". Unter den Arbeitslosen seien es 60 Prozent.

Die Fakten: Das Gutachten zeigt selbst auf, dass zwei Millionen Niedriglöhner, die "armutsgefährdet" sind, das vorher nicht waren. Ein Grund könnte sein, dass eine Reihe von ihnen vorher normal bezahlte Vollzeitstellen hatte.
Ein anderer Grund dafür, dass viele Niedriglöhner nicht "armutsgefährdet" sind, sind in dem Gutachten genannt: Sie müssen nicht nur von ihrem Niedriglohn leben. Das liegt daran, dass die meisten Niedriglöhner Frauen sind. Viele von ihnen haben den Status von Zuverdienerinnen. Indem die INSM-Studie das als akzeptabel hinnimmt, rechtfertigt  sie Armutslöhne speziell für Frauen und zementiert traditionelle Rollenbilder, die den Frauen Chancengleichheit vorenthält und den Männern die Haupt- oder Alleinverdienerrolle zuweist. "Untersuchungen zeigen, dass sehr viele Frauen lieber länger arbeiten würden", sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktforscher beim DGB-nahen Institut WSI. "Aber viele haben keine Chance, weil ihnen nur Minijobs oder Teilzeitstellen angeboten werden."

3. Mindestlöhne schützen Beschäftigte
Die INSM-Studie behauptet: Mindestlöhne sind schlecht. Sie verhindern den Einstieg in den Arbeitsmarkt und den sozialen Aufstieg.

Die Fakten:
In vielen Ländern gibt es Mindestlöhne. In kaum einem Land wurde ihre Wirkung so gründlich untersucht wie in Großbritannien, wo sie 1999 eingeführt wurden. Die "befürchteten Beschäftigungsverluste blieben aus", fassen die Wissenschaftler Joachim Möller und Marion König vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit die Ergebnisse der Studien zusammen. Profitiert hätten "zu einem beträchtlichen Teil weibliche Beschäftigte". Die "geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede" seien "spürbar verringert" worden. Eine Studie der US-Elite-Universität Berkeley bestätigt auch am Beispiel der USA, dass höhere Mindestlöhne "keine negativen Beschäftigungseffekte" haben.
Von Mindestlöhnen würden nicht nur die betroffenen Beschäftigten profitieren, sondern auch die Steuerzahler. Denn jetzt erhalten in Deutschland mindestens 1,3 Millionen Erwerbstätige Hartz IV, wie Professor Gerhard Bosch, Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation, vor einiger Zeit in der IG Metall-Mitgliederzeitschrift "metallzeitung" vorgerechnet hat. Den Staat, so Bosch, "kostet das pro Jahr 9,3 Milliarden Euro". Er subventioniert und belohnt auf diese Weise Unternehmen, die keine regulären Löhne zahlen wollen. Dass Teile der Wirtschaft gegen Mindestlöhne sind, wenn ihnen der Staat jetzt einen Teil der Finanzierung abnimmt, muss niemand wundern.
Dass Niedriglöhne inhuman, ungerecht und unsozial sind, wird auch zunehmend in den Parteien erkannt. Nach SPD, Grünen und Linken fordert jetzt auch die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) in der CDU einen gesetzlichen Mindestlohn. Mehr als eine Million Menschen in Deutschland verdiene weniger als fünf Euro die Stunde. "Da darf die CDU nicht wegschauen", sagt der CDA-Vorsitzende Karl-Josef Laumann.

4. Auch Arbeitnehmer mit vermeintlich sicherer Arbeit rutschen ab
Die INSM-Studie behauptet:
Die "Mittelschicht" hat keine Angst, in den Niedrigsektor abzurutschen.

Die Fakten: Dass die Behauptung nicht stimmt, erleben Metaller täglich in den Betrieben. "Die INSM-Studie zeigt, dass pro Jahr im Durchschnitt knapp fünf Prozent der Normalverdiener in den Niedriglohnsektor wechseln", berichtet der Wissenschaftler Herzog-Stein. "Weitere drei Prozent werden arbeitslos." Außerdem, so Herzog-Stein, "sind sie in ihrem Arbeitsumfeld zunehmend mit schlecht bezahlten Leiharbeitnehmern konfrontiert. Zum Teil sind es sogar ehemalige Kollegen, die vorher im selben Betrieb fest angestellt waren."
"Heute kann jeder, auch wenn er ein passables Einkommen und eine scheinbar gesicherte Position hat, ganz schnell in Hartz IV abrutschen", bestätigt auch der Armutsforscher Professor Walter Hanesch. Und oft bleibt ihnen dann nur noch der Niedriglohnsektor. Immerhin stellt der Autor des INSM-Gutachtens Holger Schäfer selbst fest, dass 42,6 Prozent der Niedriglöhner vorher Normalverdiener waren.
Mit ihrer abenteuerlichen Behauptung, die Mittelschicht müsse sich nicht vor dem Absturz in Armutslöhne fürchten, versucht das INSM-Gutachten, einen Keil in die arbeitende Bevölkerung zu treiben und eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu zementieren. Es ist eine Beruhigungspille für die Mittelschicht, die sie in Sicherheit wiegen und verhindern soll, dass sie sich mit denen, die schon abgerutscht sind, solidarisch zeigen.

5. Ältere Menschen bleiben die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt
Die INSM-Studie behauptet:
Ältere Menschen haben genug Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sie sollen darum maximal zwölf Monate Arbeitslosengeld I erhalten.

Die Fakten:
Ältere Menschen, die arbeitslos werden, gelten als "schwer vermittelbar" und haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Daran hat auch der "Job-Boom" der jüngsten Zeit wenig geändert. Das zeigen die jüngsten Arbeitslosenstatistiken der Bundesagentur für Arbeit. Danach ist die Arbeitslosigkeit zwischen Juni 2010 und Juni 2011 in fast allen Altersgruppen zurückgegangen, bei den 20- bis 25-Jährigen zum Beispiel um 15 Prozent, den 25- bis 30-Jährigen um 13,1 Prozent. Doch in der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen ist sie - trotz steigender Nachfrage nach Arbeitskräften - sogar noch weiter gestiegen: um 2,2 Prozent.

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