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Andreas Boes. Foto: p

Mit neuer Cloud zum "Unternehmen der Zukunft"

Arbeitswelt steht historische Veränderung bevor

11.06.2013 Ι Die Industrien rund um den Erdball stehen womöglich vor einem Umbruch. Im Fokus: die Beschäftigten der ITK-Branche. Dass sie bei der Entwicklung mitreden, dürfte so wichtig werden wie lange nicht mehr.

Der Arbeitswelt steht eine historische Zäsur bevor. Zu diesem Schluss kommt Arbeits- und Industriesoziologe Andreas Boes nach zehnjähriger Forschung. Der Grund: ein global vernetzter "Informationsraum" entsteht. Am Ende dieser Entwicklung stehe das völlig neue Unternehmen 2.n. Für die Branche und die Beschäftigten biete das raffinierte Chancen. Es könnte aber auch einen Rückschritt in längst überwunden geglaubte Zeiten bedeuten.

Die möglichen Auswirkungen auf die Menschen diskutiert der Wissenschaftler vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) am 20. und 21. Juni mit zahlreichen anderen Experten in Frankfurt am Main auf dem Symposium "ITK-Industrie im Wandel" der IG Metall. Wie werden sich die Karrierechancen von Frauen verändern? Welche Rolle wird "Führung" spielen? Beschäftigt das Unternehmen der Zukunft womöglich ein Heer aus Tagelöhnern? Was bedeutet die "Industrialisierung der Kopfarbeit" für die Beschäftigten?


Geschichte mag für den ein oder anderen etwas Langweiliges an sich haben. In diesem Fall lässt sich von der Vergangenheit aber ein spannender Blick in die Zukunft ableiten: Das tayloristische Unternehmen, von Andreas Boes Unternehmen 1.n genannt, prägte die Produktionshallen mit Arbeitern an Pressen, Fräsen und Montagebändern über fast ein Jahrhundert. Es prägte sie mit einer funktionalen Aufteilung der Fertigungsschritte. Die Handarbeit wurde industrialisiert und durch Maschinen auf ein neues Produktivitätsniveau katapultiert.


Gigantische Cloud bildet das Rückgrat des Unternehmens der Zukunft

"Die Grundlage des Unternehmens der Zukunft ist ein global vernetzter Informationsraum", erklärt Boes. "Das könnte nach der Handarbeit einen enormen Produktivitätsschub für die Kopfarbeit bedeuten". Nach dieser neue Wolke aus Bits und Bytes (Cloud) werde sich künftig das gesamte, dann IT-gestützte Treiben in den Werkhallen richten. Das Unternehmen 2.n ist also ein Unternehmen, in dessen gigantischer Cloud alle Fäden aus Management, Entwicklung und Produktion zusammenlaufen. Neue Computer-Technik macht das allmählich möglich. Die Datenwolke wird über alle Teile eines Unternehmens herrschen. Und sie versetzt einen Konzern in die Lage, wie aus einem Guss zu handeln. "Dieser virtuelle Ort ist nicht nur die Basis des Unternehmens der Zukunft", erklärt Boes, "in ihm werden auch die unterschiedlichsten Formen sozialen Handelns möglich."


Die "Industrialisierung der Kopfarbeit" hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Die Cloud würde die Wissensarbeit voraussichtlich weiter unter Druck setzen. Man stelle sich vor, dass über die Daten-Wolke freiberufliche Cloud Worker zusammenarbeiten, Managementsysteme das Wissen organisieren, portionieren, takten und Arbeitsabläufe standardisieren. Das Unternehmen 2.n existiere zwar noch nicht vollständig. Die Konturen seien bei einigen Konzernen aber bereits erkennbar - die einer nun informatisierten Betriebsführung.


Wofür das Formelzeichen "n" steht? Als Platzhalter. In Fachzeitschriften oder TV-Debatten fallen oft Wörter wie Open Crowd, Crowdsourcing oder Industrie 4.0 (Smart Factory). Diese Trends sind die einzelnen Entwicklungsschritte auf dem Weg zum Unternehmen 2.n. Ähnlich war das schon beim tayloristischen Unternehmen 1.n, um auf die geschichtliche Parallele zurückzukommen. Das nämlich wuchs vom einfachen Unternehmen, über das bürokratische Großunternehmen, bis zum fordistischen Großunternehmen, erklärt Boes. Die Auswirkungen auf die Arbeiter jener Zeit sind eigentlich bekannt. Da ist es unverständlich, dass Moderatoren und Journalisten genannte Trends wie die Smart Factory selten mit den Menschen "zusammendenken".


Chancen nutzen - Zukunft positiv gestalten

Für treffende Lösungen sind neue Wege nötig, die es beispielsweise ermöglichen, Cloud Worker zu organisieren. Denn mit Festanstellungen könnte es das Unternehmen 2.n nicht so haben. Es könnte seine weltweit zugänglichen Informationsraum als Markt für Werkverträge nutzen und je nach Bedarf billigere Freelancer anheuern. Und diese Freiberufler müssen Gewerkschaften wie die IG Metall auch ohne die Kontaktmöglichkeit "fester Arbeitsplatz" mobilisieren. Betriebsräte in der ITK-Branche berichten, dass viele Arbeitnehmer die neue Bedeutung einer kollektiven Interessenvertretung bereits bemerken.


Das Unternehmen 2.n wird nicht nur Auswirkungen auf IT-Spezialisten oder Ingenieure haben. Es wird nahezu alle Arbeitnehmer betreffen. Dabei kann es viele pfiffige Chancen bieten, die man für nachhaltige Innovationen nutzen muss. Doch so spannend die Entwicklung in den kommenden Jahren sein wird - bloßes Zuschauen wäre falsch. "Vor allem muss es darum gehen, die Industrialisierung neuen Typs im Interesse der betroffenen Menschen zu gestalten", sagt Boes. Beteiligung wird also so wichtig wie schon lange nicht mehr.

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Foto: panthermedia / Mykola Velychko
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