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Migranten und Leiharbeit

Ganz unten 2011

29.11.2011 Ι Sie verstehen die deutsche Sprache nur schlecht und brauchen die Arbeit für ihre Aufenthaltsgenehmigung. Migranten sind Verleihfirmen oft ausgeliefert und beißen lieber die Zähne zusammen, als sich über schlechte Behandlung zu beschweren.

Putzen klingt harmlos. Ist es aber nicht. Von "putzen" spricht Ercan (Name geändert), wenn er Teile mit der Flex reinigen muss. Die Arbeit ist schwer. Und gefährlich. Vor ein paar Tagen ist wieder ein Kollege verunglückt. Er musste genäht werden. Gefährliche Arbeit überlassen die anderen gerne Ercan, dem Leiharbeitnehmer, dem Ausländer. In der Hierarchie steht er ganz unten. Er riskiert seine Gesundheit, erledigt die schmutzigen Jobs und murrt nicht, wenn er weniger Geld bekommt als der deutsche Kollege, der erst vor einer Woche an der Maschine angefangen hat. Ganz unten gibt es keinen Widerstand. Dort gibt es nur die Hoffnung, irgendwann nach oben zu kommen.

Was Ercan erzählt, erinnert an die Erlebnisse des Journalisten Günter Wallraff und seines Alter Egos, des Türken Ali. Vor 26 Jahren hatte sich Wallraff einen schwarzen Schnauzer angeklebt und dunkle Kontaktlinsen eingesetzt, um am eigenen Leib zu erfahren, unter welchen Bedingungen Migranten im Deutschland der 80er-Jahre arbeiteten. Sein Bericht erschütterte damals die Öffentlichkeit. Ein Vierteljahrhundert später hat sich Sandra Siebenhüter auf den Weg nach »ganz unten« gemacht. Die Soziologin der Universität Eichstätt befragte 116 Leiharbeitnehmer, Arbeitgeber und Betriebsräte für eine Studie der Otto Brenner Stiftung. Das Ergebnis: Auch im Jahr 2011 werden Menschen, die ganz unten sind, ausgebeutet und diskriminiert.

Manche Verleiher machen gar keinen Hehl daraus. So antwortete eine Personaldisponentin auf die Frage, ob es Unterschiede zwischen Leiharbeitnehmern gebe: "Die Aussiedler aus Russland kann ich überall hinschicken. Diemachen alles, egal, wie dreckig die Arbeit ist." Siebenhüters Arbeit zeigt: Migranten sind für viele Verleiher leichte Beute. Diese Arbeitnehmer kennen ihre Rechte nicht und beherrschen die deutsche Sprache zu schlecht, um komplizierte Verträge zu lesen. Sie unterschreiben Arbeitsverträge, nach denen ihr Lohn halbjährlich gekürzt wird. Oder ihre eigene Kündigung, in der das Datum offen gelassen ist. Werden sie krank, kann der Verleiher das Dokument einfach zurückdatieren. "Verleiher nutzen die Lage von Migranten aus und machen ein unheimliches Geschäft damit", sagt Siebenhüter.


Keine Rücksicht auf die Gesundheit

Denn bei vielen Migranten hängt an der Arbeit nicht nur das Familieneinkommen. Sie würden mit ihrem Job auch ihre Aufenthaltserlaubnis verlieren. Deshalb beißen sie lieber die Zähne zusammen, bevor sie sich über nicht bezahlte Krankentage beschweren.

Für Didem Gökdal (Name geändert) nicht immer leicht zu ertragen. Sie ist Betriebsrätin bei einem Verleiher. Bei ihr beklagen sich die Kollegen über unbezahlte Zeiten zwischen den Einsätzen, gefährliche Arbeit ohne Sicherheitseinweisung oder Schutzkleidung. Doch am Ende des Gesprächs folgt fast immer die Bitte: "Behalte es für dich. Ich brauch' den Job."

"Es ist zum Verzweifeln", sagt die Betriebsrätin. "Mit Leiharbeitern können sie alles machen. Das hat der Gesetzgeber gut hingekriegt.« Auch auf die Gesundheit der Menschen nimmt hier kaum einer Rücksicht, wie Didem am eigenen Leib erfuhr. Ihr erster Einsatz als Leiharbeitnehmerin endete nach zwei Wochen mit einer Vergiftung im Krankenhaus. "Wir mussten Teile mit einem aggressiven Putzmittel reinigen, ohne Mundschutz, ohne Handschuhe und ohne Schutzbrille." Geändert hat sich seither nichts. "Viele ausländische Leiharbeiter bekommen keine vernünftige Sicherheitseinweisung. Und Drecksarbeiten, die Stammbeschäftigte nicht machen wollen, gibt es in fast jedem Betrieb."

So auch in dem Stahlunternehmen, in dem Ercan arbeitet. "Ausländische Leiharbeitnehmer bekommen immer die schweren, stressigen Aufträge. Wenn man die Arbeit nicht schafft, heißt es, der Türke ist faul", erzählt Ercan, der in der Türkei ein Betriebswirtschaftsstudium angefangen hatte. Immer wieder versprach ihm der Meister, dass er übernommen wird, aber erst müsse er die Zeichnungen lesen lernen. Ercan lernte die Zeichnungen, aber nichts geschah. Deutsche Kollegen, die nach ihm kamen, zogen an ihm vorbei und wurden übernommen. Als er den Meister fragte, bekam er zur Antwort, sein Deutsch sei zu schlecht. "Zu schlecht für eine Festanstellung", lacht Ercan verbittert.

Seit drei Jahren arbeitet er als Leiharbeitnehmer bei dem Stahlunternehmen. Wenn er länger bleiben sollte, blieb er länger. Wenn er am Wochenende arbeiten sollte, kam er auch sonntags. "Ich habe zwölf Stunden am Tag, sechs bis sieben Tage die Woche gearbeitet. Wie soll ich da nebenbei noch Deutsch lernen?", fragt der junge Mann.

Doppelte Ausgrenzung

Leiharbeit bedeutet aus Sicht der Soziologin Siebenhüter für Migranten doppelte Ausgrenzung. Für frühere Einwandergenerationen war der Arbeitsplatz der erste Anker, über den sie auch Kontakte zu Deutschen knüpfen konnten. Das funktioniert bei Leiharbeit nicht. Ohne einen festen Arbeitsplatz fällt es schwer, Wurzeln zu schlagen. Selbst wer länger in einem Betrieb arbeitet, weiß nie, ob er am nächsten Tag wiederkommt. Hinzu komme die finanzielle Situation. "Viele arbeitenfür 'nen Appel und 'n Ei und sind dafür 13 oder 14 Stunden am Tag unterwegs", sagt Siebenhüter. Die Soziologin kann Politiker nicht verstehen, die Migranten vorwerfen, sich nicht zu integrieren. "Sie sollten erst einmal sicherstellen, dass diese Menschen überhaupt die Chance zur Integration bekommen."

Für Ercan und seine türkischen Leiharbeitskollegen haben sich die Bedingungen in den letzten Monaten verbessert. Seit gut einem Jahr haben sie im Stahlwerk einen Betriebsrat. Vor acht Monaten trat Ercan in die IG Metall ein. "Mit der Gewerkschaft haben wir in den letzten Monaten einiges erreicht, wovon wir vor einem Jahr nicht einmal geträumt hätten." Es gab mehr Geld, und der Arbeitgeber ordnet Überstunden nicht mehr einfach an. Die IG Metall gibt Ercan die Sicherheit, die er in Deutschland lange vermisst hat. "Bisher dachte ich: Wenn ich hier rausfliege, kräht kein Hahn danach. Jetzt interessiert es meine Gewerkschaft.

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