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Metallzeitung März 2015: Vereinbarkeit

Mehr Zeit und Chancen für Alle

Frauen sind häufiger berufstätig als noch vor 20 Jahren. Das klassische Ernährermodell, in dem der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau nicht berufstätig ist, wurde modernisiert: Mann Vollzeit und Frau Teilzeit. Doch die alten Muster leben weiter. Sobald Kinder ins Spiel kommen, endet für Frauen die Karriereleiter. Das Recht auf Teilzeit gibt ihnen mehr Luft, doch meistens bleiben die berufliche Entwicklung und die finanzielle Unabhängigkeit auf der Strecke.

Der Anruf kam vier Wochen vor Ende der Elternzeit. Ein Vorgesetzter teilte Barbara Seidel* mit: "Ich habe keine Verwendung mehr für Sie. In Teilzeit können Sie bei uns nicht arbeiten." Ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter wollte Seidel in Teilzeit zurück in ihren alten Job. Sicher, ihre Arbeit war anspruchsvoll. Vor der Geburt hatte sie eigene Projekte geleitet. Aber sie hatte einen Plan ausgeklügelt, der sie zeitlich flexibel machte. Ihr Vorgesetzter kannte dagegen nur eine Art der Flexibilität: Vollzeit oder gar nicht. Barbara Seidel schnappte kurz nach Luft und entgegnete: "Ich kenne meine Rechte." So einfach ließ sie sich nicht abservieren.

Sie suchte sich selbst eine halbe Stelle in einer anderen Abteilung. Zuerst war sie froh, überhaupt einen Job zu haben. Aber die Stelle war eine Sackgasse. Sie übernahm zwar genauso viele Projekte wie ihre Vollzeit-Kollegen, aber sie bekam nie die interessante Arbeit. "Ich war die fleißige Biene, deren Wissen alle gerne nutzten. Aber wenn die Ergebnisse präsentiert wurden, war ich nicht dabei." Barbara Seidel war bei Fortbildungen nicht dabei, und sie war auch bei Gehaltserhöhungen nicht dabei. "Ich bin seit 17 Jahren im Unternehmen, meine Leistungen wurden immer überdurchschnittlich bewertet, aber ich habe in der ganzen Zeit nur zwei Gratifikationen bekommen."  Vereinbarkeit heißt für Barbara Seidel: "Frau, krieg's irgendwie hin."
 

Ziemlich ernüchtert

Um das Recht auf Teilzeit haben Gewerkschaften jahrelang gekämpft. Seit 2001 steht es im Gesetz und die Zahl der Teilzeitbeschäftigten ist gestiegen. Während der Anteil der Paare mit einem männlichen Alleinverdiener in Westdeutschland seit Mitte der 1980er-Jahre von fast 50 Prozent auf ein gutes Fünftel zurückging, verdoppelte sich die Zahl der Paare mit modernisiertem Ernährermodell: Mann Vollzeit, Frau Teilzeit. Doch nach dem ersten Jubel, "Hurra, wir haben ein Recht auf Teilzeit", fühlen sich Gewerkschafterinnen, Wissenschaftlerinnen und vor allem berufstätige Frauen ziemlich ernüchtert. Teilzeit baut für die wenigsten die erhoffte Brücke zwischen Familienarbeit und einer beruflichen Tätigkeit, die ihnen eine eigenständige Existenz sichert. Oft fehlen Konzepte, Beschäftigte in Teilzeit entsprechend ihrer Qualifikation einzusetzen. Reagiert wird meist aus dem Bauch heraus: "Huch, da kommt jemand aus der Elternzeit. Oh, sie will Teilzeit arbeiten. Was machen wir jetzt mit ihm?" Vielen ergeht es dann wie Barbara Seidel: Sie landen in einer Sackgasse, ohne Chance, beruflich und finanziell voranzukommen. Oder ihr Wunsch nach Teilzeit wird von vornherein abgebügelt.

Was die Wirtschaft von diesem Wunsch hält, verriet Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, wohl eher versehentlich, als er vor zwei Jahren eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote mit der Begründung ablehnte, eine solche Zwangsmaßnahme verkenne die wahren Gründe, warum Frauen seltener aufstiegen als Männer.

Die wahren Gründe hatte nämlich eine Studie des Instituts zutage gefördert. Sie lauten: Frauen nehmen aus familiären Gründen häufiger eine Auszeit und arbeiten mehr Teilzeit als Männer. Übersetzt heißt das: Frauen machen keine Karriere, weil sie es sich erlauben, Kinder zu kriegen, und sich für ihre Kinder auch noch Zeit nehmen. Statt Quote, so Hüther, müsse der Staat die Kinderbetreuung ausbauen.

Doch eine Kinderbetreuung, die es Eltern ermöglicht, für ihren Chef jederzeit verfügbar zu sein, gibt es nicht. Und vor allem: Viele Menschen wollen so nicht arbeiten. Ginge es nach ihnen, wäre die bezahlte Arbeitszeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilt. Viele teilzeitbeschäftigte Frauen würden gerne länger, Männer gerne kürzer arbeiten.

Anwesenheitskultur

Mit ihren Wünschen von einem ausbalancierten Leben zwischen Familie, Freunden und Arbeitsplatz stoßen sie schnell an Grenzen in einer Arbeitswelt, in der immer noch die Anwesenheit bestimmt, wer aufsteigt. Wo die Einhaltung der regulären Wochenstunden schon als Teilzeit gilt und Karriere erst nach 17 Uhr gemacht wird. Die Folge: Viele Frauen schieben den Wunsch nach Kindern auf. Sie konzentrieren sich jahrelang auf ihre berufliche Entwicklung und hoffen dann, dass es nach der Elternzeit irgendwie weiterläuft. Eine Hoffnung, die immer wieder enttäuscht wird. Teilzeit und Karriere schließen sich in vielen Unternehmen immer noch aus. Das macht sich auch beim Lohn bemerkbar. Unabhängig von Beruf und Qualifikation verdienen teilzeitbeschäftigte Frauen in Westdeutschland durchschnittlich 2,50 Euro weniger pro Stunde. Und das, obwohl Teilzeitbeschäftigte oft mehr leisten.

 

Zu wenig geschätzt

Was das mit vielen Frauen macht, sieht Doris Vielsack, Betriebsrätin beim Softwarehersteller SAP in Walldorf: "Entweder sie übernehmen sich total oder sie stecken in beruflichen Nischen ohne Perspektive fest." Vor allem junge Frauen gingen ständig an ihre Grenzen. Sie arbeiten 70 Prozent, obwohl sie nur 40 Prozent der Zeit und des Gelds ihrer Kollegen haben. Viele Teilzeitbeschäftigte vermissen die Wertschätzung ihrer Arbeit. Das spüren sie besonders deutlich, wenn sie bei der Prämienvergabe mal wieder leer ausgegangen sind. "Leistung wird eben immer noch mit Anwesenheit am Arbeitsplatz gleichgesetzt", sagt Doris Vielsack. Sie kennt das, nicht nur als Betriebsrätin. Doris Vielsack ist Informatikerin. Als sie aus der Elternzeit in Teilzeit zurückkehrte, bekam sie eine Stelle unter ihrer Qualifikation. Sie musste sich selbst einarbeiten und erledigte immer die Arbeit, die übrigblieb. Oft war das von den Kollegen gut gemeint. Schließlich stand die Mutter nicht rund um die Uhr zur Verfügung. "In meinem Beruf hätte ich den Anschluss nicht wieder geschafft", sagt Doris Vielsack.

 

Zum Verzweifeln

Zwar gibt es inzwischen kaum ein Unternehmen, das nicht mit Vereinbarkeit wirbt. Doch vieles bleibt oberflächlich. Die Hochglanzbroschüren kennt Oliver Moll. Für den Betriebsratsvorsitzenden bei ZF Friedrichshafen in Schweinfurt gilt es nun, den Beweis anzutreten. "Wir haben im Tarifbereich viele tolle, individuelle Teilzeitmodelle", sagt er. Und eine Vereinbarung regelt, Arbeit auch von zu Hause aus erledigen zu können. Trotzdem gibt es für Moll noch viel zu tun. Es fehlen noch schlüssige Konzepte, wie Kolleginnen und Kollegen aus der Elternzeit in den Beruf zurückkehren, und mehr Teilzeitmodelle in der Produktion. "Wir wollen den Kolleginnen die Sicherheit geben, dass sie schwanger werden dürfen, ohne auf dem Abstellgleis zu landen", sagt Moll.

Auch das Thema "Führen in Teilzeit" liegt seiner Meinung nach noch völlig brach. "Darin liegt eine der größten Herausforderungen."  Wie groß sie ist, sieht Moll, wenn etwa die Führungsposition einer Kollegin, die in Elternzeit geht, unbefristet ausgeschrieben wird. Oder neulich, als ihm der alte Wertekonservativismus mal wieder richtig auf die Füße fiel. "Man kann nicht in Teilzeit führen", warf ihm ein älterer Vorgesetzter wie eine unumstößliche Wahrheit entgegen. "Ach so", sagte er. "Dann dürfen Sie aber nie krank werden oder Urlaub machen." Es folgte das Schweigen im Walde. Moll zuckt mit den Schultern. Einstellungen lassen sich schwer ändern, aber deshalb wirft er nicht die Flinte ins Korn. Fachkräfte werden in Zukunft seltener. Unternehmen müssen mehr um sie werben. "Wer an der alten Rollenverteilung festhält, empfiehlt sich nicht als attraktiver Arbeitgeber", sagt Moll.

Gegensätze aufbrechen

Doch traditionelle Rollenbilder halten sich hartnäckig. Vor allem in Deutschland lebt der Gegensatz zwischen leistungsfähigen Vollzeit- und weniger leistungsfähigen Teilzeitarbeitern und -arbeiterinnen. Die IG Metall will diesen Gegensatz aufbrechen. Es geht darum, Arbeitszeiten den Lebensphasen der Beschäftigten anzupassen. Weniger zu arbeiten muss nicht heißen, auf eine halbe Stelle zu gehen. Es geht um vollzeitnahe Teilzeit und um das Recht der Beschäftigten, auf eine Vollzeitstelle zurückzukehren, wenn es die Lebensumstände wieder zulassen.Denn dieses Recht fehlt bislang im Gesetz. Laut Koalitionsvertrag will die Regierung das ändern. Die IG Metall setzt sich dafür ein, zumindest Teilzeit vertraglich zu befristen. Auch Betriebsrätin Doris Vielsack und ihre Kollegen bei SAP arbeiten daran. Vor ein paar Monaten gründeten sie einen Ausschuss zu lebensphasengerechten Arbeitszeiten.

Beschäftigte sollen ihre Arbeitszeit nicht nur reduzieren, sondern auch wieder erhöhen können. Der Betriebsrat entwickelt flexiblere Teilzeitmodelle und verhandelt über Arbeit von zu Hause aus. "Im Moment kann der einzelne Vorgesetzte das genehmigen", sagt Doris Vielsack. "Er muss es aber nicht genehmigen." Damit Vereinbarkeit nicht zur beruflichen Sackgasse wird, müssen Fortbildungen in Teilzeit angeboten werden, fordert der Betriebsrat. Auch hoch qualifizierte Arbeitsplätze müssen sich auf bestimmte Zeiten begrenzen lassen, die nicht immer zwischen acht und zwölf liegen müssen. "Das kann ich als Mutter organisieren", sagt Doris Vielsack. "Nur kann ich als Mutter nicht den ganzen Tag am Telefon sitzen und auf den Anruf vom Chef warten."

Barbara Seidel würde ihre eigenen Erfahrungen gerne an Kolleginnen und Kollegen weitergeben, die ihre Arbeitszeit verringern wollen - aus welchen Gründen auch immer. Damit der ständige Spagat zwischen Familie und Beruf in Zukunft vielleicht weniger Frauen zerreißt.

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Im Westen arbeiten Männer in Vollzeit fas 45 Stunden pro Woche. Sie wünschen sich knapp 40 Stunden. Frauen in Teilzeit arbeiten knapp 21 und wünschen sich 24 Stunden pro Woche.

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Entgeltgleichheit
Die vier wichtigsten Gesetze

Grundgesetz, Artikel 3
"Der Staat fördert die Gleichberechti- gung von Frauen und Männern."

EU-Richtlinie 2006/54/EG
"Bei gleicher Arbeit wird mittelbare und unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bei allen Entgeltbestandteilen beseitigt."

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz
"Benachteiligungen bei Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen sind unzulässig."

Teilzeit- und Befristungsgesetz
"Ein Teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmer darf nicht schlechter behandelt werden als ein vergleichbarer Vollzeitbeschäftigter."

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