IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
metall_01_2013_120Pix

Leiharbeit: Ein Betroffener berichtet

Ganz unten und ins Abseits gestellt

10.01.2013 Ι Bernd K. ist seit mehr als fünf Jahren Leiharbeiter. "Ich will hier von meinem Leben erzählen. Ein Leben, das den Menschen immer mehr abverlangt und ihnen immer weniger zurückgibt." Bernd K. fühlt sich als moderner Sklave. Er weiß, ein paar Dinge haben das Leben von Leiharbeitern bereits verbessert - beispielsweise die Branchenzuschläge. Aber für ihn ist und bleibt die Beschäftigung auf Zeit unfair.
Mein Name ist Bernd K*. Ich bin 30 Jahre alt und wurde in der polnischen Stadt Zabrze geboren. Seit mehr als 24 Jahren lebe ich hier in Deutschland. Seit mehr als fünf Jahren arbeite ich als Leiharbeiter in der Stahlbranche, im Metallsektor, im Hallen-, Regal- sowie im Achsenbau.
Meine Erfahrungen von ganz unten sind: Leiharbeiter werden ausgebeutet. Darüber möchte ich hier berichten. Denn wenn einer zusammenbricht oder krank wird, passiert das Gleiche wie beim Fußballspieler: Er wird "ausgewechselt". Früher konnte man sich mit seinen Kollegen unterhalten. Wird man heute beim Gespräch erwischt, gibt's Ärger und man wird als sogenannter "Abstopper" zum Vorgesetzten gerufen, gerügt und bekommt seine Stunden gekürzt.

Im Laufe meines Lebens habe ich viele Arbeitsbereiche kennengelernt - vom Bürokaufmann bis zum Metallbauer, vom Berater bis zum Müllmann. Eins haben alle diese Berufe gemeinsam: Schnell, schneller und noch schneller zu arbeiten wird in allen Bereichen von den Menschen gefordert. Das Schlimmste und Entwürdigendste für mich ist die Leiharbeit. Ich habe über fünf Jahre meines Lebens weggeschmissen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Ich habe alles gemacht.

Egal welche Art von Arbeit, egal wie niedrig die Entlohnung war. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Bereits nach drei Jahren bekam ich Depressionen und musste wegen einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung zwei Wochen ins Krankenhaus. Lange war mir der Ernst der Lage nicht klar. Ich habe im Krankenhaus immer wieder überlegt, warum ich krank wurde. Ich fand nur eine Antwort: Die Arbeit und die schlechte Bezahlung haben mich fertiggemacht.

Leiharbeit - der Anfang
Bis heute kann ich mich genau an meinen ersten Tag als Leiharbeiter erinnern. Ich stand vor einer Maschine, wo Muttern mit Hilfe einer Punktschweißmaschine an bestimmte Karosserieteile von Autos geschweißt wurden. Als man mir sagte, ich sollte erst mal den Ablauf kennenlernen und mich nicht verrückt machen, war ich zunächst erleichtert. Aber nach ein paar Stunden kam der Vorarbeiter. Auf seinem Zettel stand, dass ich 300 Stück die Stunde schaffen muss. Ich wusste nicht, wo oben und wo unten war. Ich versuchte die nächsten Tage ohne Pausen wie ein Verrückter, diese Vorgabe zu erreichen. Ohne Erfolg. Deshalb fragte ich die anderen Mitarbeiter, ob der Fehler bei mir läge. Bin ich zu langsam? "Quatsch", antworteten sie, "Diese Vorgaben sind nicht realisierbar, unmöglich." Da fehlten mir die Worte. Warum gibt man mir eine Vorgabe, die so hoch ist, dass sie niemals zu bewältigen ist? Ganz einfach, erklärten mir die Kollegen: "Damit Du ohne Verschnaufpause stramm durcharbeitest." Für diese Ausbeuterei im Dreischichtsystem mit Wochenendarbeit erhielt ich knapp 1200 Euro netto. Die Kollegen zwei Maschinen weiter mit einem festen Arbeitsplatz bekamen für die gleiche Arbeit das doppelte Geld. Und ich? Ich fühlte mich wie ein billiger Betriebssklave.

Ein Jahr später
Als ein Jahr vorbei war, traute ich mich, meinen Meister anzusprechen. "Wie sieht es mit einem Arbeitsvertrag aus", fragte ich leise an. Die Auftragslage sei nicht gut genug, um Mitarbeiter einzustellen, war seine Antwort. Ich wurde einfach nur belogen und betrogen. Denn es lag auf der Hand: Wir machten Sonderschichten und arbeiteten auch am Wochenende. An mangelnder Auftragslage litt der Arbeitgeber also nicht.



Die folgenden Jahre
So ging es die nächsten Jahre weiter. Ich wechselte nach drei Jahren den Entleiher. Er hatte mich kreuz und quer durch die Branchen und die Republik gejagt. Dann nach mehr als fünf Jahren kam endlich der Segen, dachte ich. Ich bekam einen befristeten Vertrag. Diese Arbeit forderte von uns allen höchste physische und auch psychische Leistung. Ich arbeitete zwei Jahre alle Anforderungen ab, ich war nie krank oder zu spät. Alles sah gut aus. Ich fieberte der Festanstellung entgegen. Doch dann als ich kurz vor der Festeinstellung stand, kam die Wirtschaftskrise. Pech. Auf Wiedersehen. Mein Einsatz in den letzten zwei Jahren war vergebens.

Kurz vorm Absturz
Als ich dann in die Arbeitslosigkeit abrutschte, wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Ich hätte zwar einen Job kriegen können, doch das machte keinen Sinn. Ich bekam 1100 Euro Arbeitslosengeld. Die Verleiher boten mir viel weniger an. Ein Jahr war ich arbeitslos. Dann kam Hartz IV. Ich erhielt mit Wohngeld rund 700 Euro.

Neue Hoffnung
Dann endlich bot sich wieder eine Stelle als Schlosser im Metall- und Stahlbau an. Ich freute mich und hatte auch gleich wieder neue Hoffnung. Als ich am ersten Arbeitstag erfuhr, dass ich für acht Euro brutto arbeiten sollte, war die Freude dann schnell gedämpft. Am Ende des Monats ging ich mit knapp 1000 Euro nach Hause. Dafür, dass ich körperlich sehr hart arbeitete, um eine große Industriehalle aufzubauen. Das Geld reichte hinten und vorne nicht und so war ich wieder gezwungen, den Arbeitgeber zu wechseln.

Der Sprung zurück
Ich fing wieder bei meinem alten Verleiher an, wieder zurück zur Leiharbeit. Jetzt war Kontischicht angesagt. Das ist eindeutig die anstrengendste Art, Schicht zu arbeiten. Montag und Dienstag Frühschicht, Mittwoch und Donnerstag Spätschicht, dann Freitag, Samstag und Sonntag Nachtschicht. Dann gab es den Rest des Montags frei und dienstags fing das Gleiche wieder von vorne an. Kurz gesagt, einmal im Monat gab es ein normales Wochenende.Da ich Leiharbeiter war, sah es in meiner Lohntüte trotz der Schichtarbeit - ich arbeitete ja drei Samstage und drei Sonntage im Monat - bescheiden aus. Ich bekam 1500 Euro netto. Die Stammbelegschaft erhielt fast 1300 Euro netto mehr für die gleiche Arbeit. Was für ein Frust. Ich gönne der Stammbelegschaft jeden Cent. Aber das kann man mit uns Leiharbeitern doch nicht machen.
Ich wandte mich mit einem Brief an den Bundestag. Die Antwort war ein schlechter Witz: Ein Herr schrieb mir, wie ich denn nur so schlecht über die Leiharbeit reden könnte. Schließlich sei sie für viele Menschen doch der Einstieg in einen festen Job. Tja. Ich stecke ja mittendrin, dachte ich. Für mich jedenfalls hatte sich nichts verändert.

Wieder Pech
Seit Kurzem bin ich leider wieder unverschuldet arbeitslos. Ich hatte über Beziehungen als kaufmännischer Angestellter bei guten Freunden in der Buchhaltung angefangen. Die Firma ist nun insolvent und ich wieder arbeitslos. Mal sehen, wie esweitergeht. Ich gebe nicht auf, einen fairen Job zu finden.

Aufstehen und kämpfen
Es ist nicht leicht in dieser Welt. Und dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, wie schwierig es ist, als Leiharbeiter seine Freundin mal mit einem Kinobesuch zu verwöhnen. Und wie das gehen soll, wenn man eine Familie zu ernähren hat - keine Ahnung. Ich jedenfalls habe mir geschworen, keine Kinder in die Welt zu setzen. Ich kann doch nicht zulassen, dass meine Kinder das gleiche Schicksal trifft. Und wie sollte ich sie vor Leiharbeit oder Dauerbefristung bewahren?

Ich bin seit einigen Jahren Mitglied der IG Metall. In schwierigen Zeiten war die Gewerkschaft immer für mich da. Und sie hat mir auch gezeigt, dass es sich lohnt, dabei zu sein, aufzustehen und zu kämpfen. Allein kann ich nicht allzu viel verändern. Zusammen sind wir stark und können etwas erreichen.
Ich hoffe, dass meine Geschichte mehr Menschen bewegt, selbst die Initiative zu ergreifen, um etwas gegen prekäre Beschäftigung zu tun. Auch ich bleibe am Ball, um für die Rechte der Menschen zu kämpfen, die durch Leiharbeit, Werkverträge oder befristete Verträge ganz unten angekommen sind.

*Text: Bernd K. (Name von der Redaktion geändert) / Fotos: Reiner Voß

Themen

Alles rund um Ihren Arbeitsplatz.

Links und Zusatzinformationen
asf_box_kampagne_leiharbeit
Hotline für Mitglieder

Für alle Fragen rund um die Leiharbeit hat die IG Metall für Leiharbeitnehmer, die Mitglied sind, eine Hotline eingerichtet. Unter 0800 - 4463488 können sie sich kostenfrei beraten lassen.

box_newesletter_hellgrau
Servicebereich