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Kampf für soziale Mindeststandards. Foto: Römer

Kampf für soziale Mindeststandards

Woran es in vielen Fällen scheitert

12.12.2012 Ι Über hundert Menschen sterben, als in Bangladesch eine Textilfabrik niederbrennt. Das Drama führt der westlichen Öffentlichkeit abermals vor Augen, wer die offene Rechnung des globalen Wettrennens um den niedrigsten Preis zahlen muss: die Ärmsten der Armen. "Da wird man nie etwas dran ändern können", lautet eine weit verbreitete Meinung. Positive Gegenbeispiele gibt es nicht viele. Aber es gibt sie - und sie sind entlarvend.

Solche Dramen können sich immer und überall ereignen - "natürlich können sie das", sagt Bert Römer von der IG Metall. Etwas anderes zu behaupten sei vermessen. Aber gegen begünstigende - gegen Zustände, die mehr als fahrlässig sind -, gegen die lässt sich etwas unternehmen. Das weiß er. Seit zehn Jahren überprüft Römer die Arbeitsbedingungen an ausländischen Standorten deutscher Unternehmen. Auch die bei Zulieferern. Auf den Prüfzetteln des 60-Jährigen steht natürlich der Brandschutz, aber beispielsweise auch, ob Gefahrenstoffe richtig gelagert sind, Lärmschutz vorhanden ist, ob sich Beschäftigte gewerkschaftlich organisieren dürfen, und dass in den Fertigungshallen keine Kinder arbeiten. Mit dem bekannten Schreibwarenhersteller Faber-Castell verbindet er nur gute Erfahrungen. Weil der Inhaber Graf Anton Wolfgang von Faber-Castell von sich aus Wert auf soziale Verantwortung legt. Und das entlarvt, an welcher Stelle es in vielen anderen Fällen scheitert.

Mit Internationalen Rahmenvereinbarungen gegen Ausbeutung

Faber-Castell hat bereits vor mehr als zehn Jahren eine sogenannte Internationale Rahmenvereinbarung (IRV) unterzeichnet. Mit solchen Vereinbarungen versuchen Gewerkschaften, die Beschäftigten in multinationalen Unternehmen sowie in deren Zuliefererbetrieben vor Ausbeutung zu schützen. Dies soll erreicht werden, indem beispielsweise ein europäischer Arbeitgeber auch an seinen Standorten in Asien definierte soziale Standards einhält, beruhend auf den "ILO-Kernarbeitsnormen". Dazu gehören unter anderem die Anerkennung der Menschenrechte und gesunde Arbeitsbedingungen. Römer reist als sogenannter Auditor von Land zu Land und kontrolliert, dass die einzelnen Punkte der Rahmenvereinbarungen auch in abgelegenen Fertigungshallen eingehalten werden. Besonders interessiert ihn, ob Probleme gelöst wurden, die er bei seinem vorangegangenen Besuch bemängelt hat.


Auditoren überprüfen auf den Plantagen von Caber-Castell im Bundesstaat Minas Gerais die Arbeitsbedingungen der Holzfäller. Foto: Römer


Unterzeichnen Konzerne eine IRV - wozu in vielen Fällen zähe Verhandlungen nötig sind -, dann hat das auch Vorteile für die Beschäftigten in Deutschland. Denn wenn die Bosse großer Konzerne damit drohen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, lautet die Begründung oft, dass sie dort günstiger fertigen könnten. "Das ist aber meist mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen erkauft", sagt Römer. Und auch nach der Unterzeichnung kann es Auditoren wie Römer viel Energie kosten, damit auf die unterzeichneten Paragrafen auch wirklich Taten folgen.


Standort und Menschen nach Brand nicht aufgegeben

Vor zwei Jahren brach aufgrund eines technischen Defekts auch in einer indischen Fertigungshalle von Faber-Castell ein Feuer aus. Die Flammen holten sich Maschinen und Material und ließen in weiten Teilen nur die Betonfassade stehen. Die 200 Arbeiter blieben unverletzt. "Wegen verbesserten Brandschutz ist es dort wohl nicht zu einer Katastrophe gekommen", vermutet Römer. Brandschutz ist immer ein Punkt auf seiner Checkliste. Und auch anders, als es nach solchen Unfällen in manchen Entwicklungs- und Schwellenländern gang und gäbe ist, hat Faber-Castell den Standort in Goa und die Menschen, die dort arbeiten, nicht einfach aufgegeben. Nachdem der Mutterkonzern Druck auf das lokale Management ausgeübt hat, befindet sich die Fabrik nun im Wiederaufbau. "Außerdem erhalten die Beschäftigten weiterhin ihr Gehalt, obwohl sie momentan keine Stifte oder Radiergummis herstellen können." Das geht über die Verpflichtungen hinaus, zu denen sich Konzerne mit einer Internationale Rahmenvereinbarung bereit erklären.

Der größte der 15 Auslandsstandorte von Faber-Castell befindet sich in Brasilien. Rund 2500 Beschäftigte arbeiten im Bundesstaat São Paulo in einem der weltweit größten Produktionsbetriebe für Blei- und Buntstifte; sowie im Bundesstaat Minas Gerais in einem Sägewerk mit angeschlossenen 10.000 Hektar großen firmeneigenen Pinienwäldern - durchgängig nach FSC zertifiziert, dem Standard für nachhaltige Forstwirtschaft. Erst im September war Bert Römer dort, um die Fortschritte zu begutachten. Vor zwei Jahren hatte er in einer Werkshalle nahe tosender Kreissägen 94 Dezibel gemessen. "Das war eindeutig zu laut". Inzwischen hat die Firma kleine Kabinen um die Maschinen gebaut. Auch die Ergonomie an den Arbeitsplätzen wurde weiter verbessert und die Beschäftigten machen regelmäßig kurze Gymnastikübungen. Im Vergleich zu anderen Branchen sind solche Probleme Luxus. "Faber-Castell unterscheidet sich mit seiner sozialen Verantwortung gewaltig von solch maroden Buden, wie wir sie teilweise in der Textilindustrie vorfinden", sagt Römer.

"Der bringt seinem Vater nur das Frühstück"

Doch auch seine Arbeit hat traurige Höhepunkte, wie das Beispiel eines anderen Unternehmens zeigte: Eines Tages erreichte Bert Römer ein Foto, das einen kleinen Jungen zeigte, der eine mit Kreide beladene Schubkarre durch eine Werkhalle schob. Auf den Verdacht der Kinderarbeit angesprochen sagte der brasilianische Unternehmer: "Der bringt seinem Vater nur das Frühstück". Der europäische Mutterkonzern hat die Zusammenarbeit mit dem Zulieferer daraufhin beendet. Die Internationalen Rahmenvereinbarungen verbessern die Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern nur in kleinen Schritten. "Aber etwas müssen wir machen, nur jammern hilft nicht", sagt Bert Römer. Und wenn das bedeute, auf der kleinsten Ebene Druck zu machen und mit Unternehmen gemeinsam soziale Mindeststandards in internationalen Rahmenvereinbarungen festzulegen.

Im Organisationsbereich der IG Metall haben seit 1998 die Unternehmen Faber-Castell, ZF Friedrichshafen, Schwan-Stabilo, Staedtler, Wilkhahn, Pfleiderer AG, Hartmann, Triumph, Volkswagen, Daimler, GEA, Rheinmetall, Bosch, BMW, EADS, Gebrüder Röchling sowie General Motors Europe und Ford Europa eine Internationale Rahmenvereinbarung zum Schutz der Beschäftigten im eigenen Unternehmen und bei ihren Zulieferern abgeschlossen und sich zur Einhaltung von Mindeststandards für alle Arbeitnehmer verpflichtet.

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