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Vor Ort: Metall-Werkstatt für Hauptschüler

Von Machern und Kümmerern

25.01.2012 Ι Mit Hauptabschluss finden Schulabgänger oft keinen Ausbildungsplatz. Dabei leisten sie viel, wenn sie die Chance dazu bekommen. Josef Thomas ist ein solcher Chancengeber. In seiner Kölner Ausbildungswerkstatt bringt der Karosserie- und Fahrzeugbauer den Schülern und Schülerinnen bei, was er selbst einmal gelernt hat.
Josef Thomas gehört nicht zu den Menschen, die viel über Probleme reden. Er löst sie lieber. Viele Jahre saß der Metaller in Prüfungsausschüssen. Er sah, was die Auszubildenden konnten und auch was sie nicht konnten. Irgendwann schoss ihm dieser Gedanke durch den Kopf: "Wir müssen früher anfangen, den jungen Menschen etwas beizubringen."

Gedacht, gemacht. In der Kölner Kurt-Tucholsky-Schule richtete er vor fünf Jahren eine Metall-Werkstatt ein. Der gelernte Karosserie- und Fahrzeugbauer bringt Hauptschülerinnen und -schülern bei, was er selbst einmal gelernt hat. 17 Jungen und Mädchen stehen einmal pro Woche an den Werkbänken - freiwillig, nach Schulschluss. Thomas zeigt ihnen, wie man mit einer Feile umgeht oder wie viel Druck sie auf die Säge ausüben müssen, damit der Schnitt nicht schief wird. Probleme hatte er bislang nicht. "Ich erwarte zwei Dinge: Pünktlichkeit und Sauberkeit. Wer sich daran nicht hält, kann gehen." Obwohl er es allen nur einmal sagt, musste er in den letzten fünf Jahren nur zwei durch die Tür schicken.

Chefs rufen ihn an

In der Werkstatt liegen Metallteile, Werkzeuge und: aufgerissene Plätzchenpackungen. Die Jungen und Mädchen kommen direkt nach der Schule hierher - viele mit leerem Magen. Der Metaller lamentiert nicht über gedankenlose Eltern. Er bringt etwas zu essen mit. Thomas fühlt sich verantwortlich, über die Schule hinaus. Er vermittelt Praktika und Ausbildungsplätze. Jedes Jahr bringt er 30 bis 35 Jungen und Mädchen unter. Anfangs musste der Rentner noch Klinken putzen. Inzwischen rufen die Chefs ihn an und fragen: "Hast Du einen Auszubildenden für uns?"

Die Hauptschule hat bei vielen Chefs einen schlechten Ruf

Ein Hauptschulabschluss ist keine Eintrittskarte erster Klasse auf dem Ausbildungsmarkt. Mehr als die Hälfte der Hauptschülerinnen und -schüler, die im Jahr 2010 eine Ausbildung suchten, landete in Warteschleifen. Michael Friedrich vom Bundesinstitut für berufliche Bildung beobachtet, wo junge Menschen nach der Schule  verbleiben. Die Hauptschule hat bei vielen Chefs einen schlechten Ruf. "Auf Dauer können wir es uns aber nicht leisten, diese Menschen nicht auszubilden", sagt Friedrich. Das sieht Gesamtmetall-Chef Martin Kannegießer offenbar ähnlich. Angesichts sinkender Schülerzahlen müssten Betriebe auch lernschwachen Jugendlichen eine Chance geben, sagte er.

Die IG Metall möchte ihn nicht nur beim Wort nehmen. Sie hätte es gerne schriftlich. In Nordrhein-Westfalen gibt es dazu einen Tarifvertrag, den die Gewerkschaft in der anstehenden Tarifrunde auf alle Bezirke ausweiten will. Er funktioniert nach dem "Prinzip 1+3". Ein Jahr lang werden lernschwache Jugendliche im Betrieb gefördert und steigen dann in die dreijährige Ausbildung ein. Schließlich muss auf einen Schulmisserfolg nicht zwangsläufig das berufliche Scheitern folgen. Bei Metaller Thomas entdeckten viele ihre Rechenfähigkeiten. In der Metallwerkstatt wussten sie, warum sie etwas berechneten. "Ich hatte Schüler mit Vieren und Fünfen auf dem Zeugnis. Die machen jetzt ihren Meister", sagt der 66-Jährige nicht ohne Stolz.

Auch bei Porsche bekommen Hauptschüler eine Chance

Dabei könnte es sich der Autohersteller leisten, wählerisch zu sein. Auf 100 Ausbildungsplätze bewarben sich im vergangenen Jahr 6000 junge Menschen. Und tatsächlich suchte sich Porsche den Nachwuchs lange Zeit ähnlich handverlesen aus wie der Porschekunde seinen Wagen. Vor zehn Jahren schauten sich Werner Weresch, Leiter der Vertrauensleute, und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Uwe Hück die Schulabschlüsse ihrer Auszubildenden an. "Da gab es selbst unter Lackierern nur Leute mit Realschulabschluss." Diese Auslese ärgerte Hück. "Wer hier Geld verdient, hat auch eine soziale Verantwortung, in Menschen zu investieren", sagt Hück. Da sollte jeder eine Chance bekommen. Für den Betriebsratschef eine Selbstverständlichkeit. "Aber in diesem Land ist es leider nicht selbstverständlich." Auch nicht bei Porsche. Hück musste hart darum kämpfen, das zu ändern. 2002 gelang ihm der Durchbruch. Seither gibt es eine Betriebsvereinbarung, wonach Porsche 40 Prozent der Ausbildungsplätze mit Hauptschülern besetzt. In der Ausbildungswerkstatt wimmelt es zwischen den Sportwagen von "Graumännern". Wer von welcher Schule kommt, spielt keine Rolle. Alle lernen zusammen und einige rollen das Feld auch von hinten auf. Kevin Huber von der Jugend- und Auszubildendenvertretung hat es in seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker erlebt. "In unserer Gruppe hat ein Hauptschüler den besten Abschluss gemacht." Uwe Hück wundert das nicht: "Viele sind doch nicht auf der Hauptschule, weil sie dumm sind." Das sagt nicht nur der Betriebsratschef. Das zeigen auch internationale Studien: In kaum einem anderen Land hängt schulischer Erfolg so stark vom Elternhaus ab wie in Deutschland.

Der Schulabschluss sagt oft mehr über die soziale Herkunft als über die Fähigkeiten eines Menschen. Uwe Hück kennt das von sich selbst. Auch bei ihm lief in der Schule nicht immer alles glatt. Er hat daraus die Lehre gezogen: "Ich gebe keinen Menschen auf. Jeder braucht jemanden, der zu ihm steht."

Auch "Macher" brauchen Unterstützung

Für Patrick Detamble war das auch Metaller Josef Thomas. Der 17-Jährige macht seit September eine Ausbildung bei der Firma BCK in Köln-Vingst. Bei Thomas hat er nicht nur feilen und sägen gelernt. "Herr Thomas hat mich gelobt, da wollte ich das nächste Stück natürlich noch besser machen." Ohne seine Unterstützung, ist sich ­Patrick sicher, hätte er so schnell keine Ausbildung gefunden. Doch auch Macher wie Josef Thomas brauchen Unterstützer. Die Schule stellte ihm zwar den Raum zur Verfügung, um Werkzeug und Material muss er sich aber selbst kümmern. Seinen Besuch bei Patrick nutzt er dafür. Ein Stapel Metallplatten liegt bei der Firma BCK dort für den Metaller bereit. "Das Material für die Praxis-Station bekomme ich komplett von der BCK. Ohne sie könnte ich das nicht machen." Auch in der Ausbildung hat Josef Thomas ein Auge auf seine Mädchen und Jungs. "Wenn die Übernahme nicht klappt, setze ich mich mit dem Chef noch mal zusammen." Dann klopft er Patrick väterlich auf die Schulter und sagt: "Du machst das hier aber ordentlich." Josef Thomas ist auch ein Kümmerer.
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