IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     

Studium für Berufstätige

Schlechte Voraussetzungen fürs Studieren ohne Abi

14.07.2010 Ι Berufstätige die kein Abitur haben, sollen zukünftig studieren können. Darauf hatten sich die Kultusminister der Länder im März 2009 geeinigt. Doch nach Ansicht des geschäftsführenden Vorstandsmitglieds der IG Metall, Regina Görner, sind die Voraussetzungen dafür an den Universitäten noch nicht geschaffen.

Damit Berufstätige ohne Abitur studieren können, muss sich noch einiges ändern. Zur Zeit sind es lediglich ein Prozent aller Studierenden, die mit Berufserfahrung zur Uni kommen. Bei einer Kick-Off-Veranstaltung an der Ruhr-Universität in Bochum stellte Görner mehrere Ideen vor, wie dies geändert werden kann.

Mit dem Kick-Off gab die Kooperationsstelle der Ruhr-Universität Bochum und der IG Metall den Startschuss für ein Forschungsprojekt, das bis zum Juni 2011 laufen soll. Die Forscher wollen im Auftrag der Kooperationsstelle und der IG Metall am Beispiel der Ruhr-Uni in Bochum die Chancen des Hochschulzugangs für Berufstätige untersuchen.

Das Projekt wird auch der Frage auf den Grund gehen, wie hoch der Anteil der Studierenden ohne Abitur aktuell ist und wie er sich fortan entwickelt. Passend dazu untersuchen die Wissenschaftler, wie um diese Zielgruppe geworben wird und wie diese Studierenden gefördert werden. Auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Verbänden in der Region wird dabei unter die Lupe genommen.

Qualifizierte und berufserfahrene Arbeitnehmer sollen ohne Abitur an die Uni gehen können. So wollen es die Kultusminister der Bundesländer. Doch noch sind die Voraussetzungen dafür schlecht. Wir zeigen, was sich ändern muss.

Die Beratungs- und Informationsangebote an den Universitäten müssen deutlich besser werden. Vielen ist die Möglichkeiten an den Unis gar nicht bekannt. Das gilt für fortbildungswillige Arbeitnehmer ebenso, wie für Arbeitgeber, die das Potenzial ihrer Beschäftigten nutzen möchten. Ein Weg könnte sein, dass die Angebote der Hochschulen über die Industrie- und Handelskammern publik gemacht werden.

Die Studierenden mit Berufserfahrung aber ohne Abitur bringen vollkommen andere Voraussetzungen mit. Sie bräuchten daher andere Beratung und besondere Ansprechpartner an den Unis. Das Gleiche gilt für diejenigen, die an einem Studium interessierten sind und Unternehmen, die ihren Beschäftigten diese Form der Weiterbildung ermöglichen wollen. Solche Ansprechpartner müssten nach Außen gut erkennbar sein.

Viele Arbeitnehmer schrecken vor einem Studium zurück, weil unklar ist, wie sie in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Manch einer hat eine Familie mit Kindern zu ernähren, ein anderer besitzt ein Haus im Grünen. Überhaupt ist der Anspruch an den Lebensstandard gestiegen. Studierende Arbeitnehmer bräuchten deutlich mehr Geld, als es das BAföG leisten kann. Zudem gelten bei der staatlichen Studierendenförderung unrealistische Zuverdienstgrenzen. Viele verzichten deswegen entweder auf die Förderung oder gleich ganz auf das Studium.

Bislang gibt es keine passgenauen Stipendien, die dieser Studierendengruppe unter die Arme greifen könnten. Zwar gibt es Stipendienprogramme des Bundesbildungsministeriums, doch die sind zu mager dimensioniert, um den Lebensunterhalt berufserfahrener Menschen zu garantieren. Zudem kommt nur eine vergleichsweise niedrige Zahl von Studierenden in den Genuss dieser Förderung. Die IG Metall hat deswegen mit der Hans-Böckler-Stiftung eine Initiative gestartet, um zwei Dinge zu klären. Das erste Ding: Was kann unter den bestehenden Bedingungen verbessert werden. Das Zweite: Es bedarf einer vollkommen neuen Förderlinie für diese Gruppe Studierender - und zwar bei allen Förderwerken.

Hat sich ein Arbeitnehmer erstmal zum Studium entschlossen, steht er vor der nächsten Hürde. Die Lage der Lehrveranstaltungen ist nicht an den Bedürfnissen von Teilzeitstudierenden orientiert. "Die Lage von Lehrveranstaltungen müssten anders liegen und die Lehrveranstaltungen mehr an Teilzeitstudierenden ausgerichtet sein", fordert Regina Görner.

Die Hochschulen müssen ihre Studieninhalte überarbeiten, um den Qualifikationen Studierender mit Berufserfahrung gerecht zu werden. So sind für diese Gruppe schon die staubtrockenen und theorielastigen Einführungsveranstaltungen große Hürden. Besser wären anwendungsbezogene Inhalte, wo diese ihre Kompetenzen und Berufserfahrungen einbringen können.

Die IG Metall plädiert dafür die berufliche Ausbildung neu zu bewerten. Die Ausbildung in Deutschland findet auf einem sehr hohen Niveua statt und sollte grundsätzlich dazu qualifizieren, auch ohne Abitur zu studieren. Hat eine studienwilliger Arbeitnehmer einen Meisterbrief oder vergleichbare Qualifikationen in der Tasche, so sollte er diese Leistungen für sein Studium angerechnet bekommen.

Wo werden welche beruflichen Kompetenzen anerkannt? Derzeit wird der Einzelfall geprüft. Hier sind jedoch einheitliche Standards gefordert. Eine weitere Idee könnte sein, Studiengänge einzurichten, die auf die beruflichen Qualifikationen der Studierenden ausgerichtet sind. So könnten auch Fachleute mit Weiterbildungspotenzial an die Universitäten gelockt werden.

Links und Zusatzinformationen
IG Metall-Seminar
Studium und Beruf: Wie passt das zusammen?

Die IG Metall bietet im Januar, Mai und Oktober 2010 ein Seminar für studen- tische Mitglieder in Hochschulen und Berufsakademien an.

Zweiter Bildungsweg?

Wenn du weitere Informationen zum Zweiten Bildungsweg brauchst, sprich einfach deinen Betriebsrat, deinen Jugend- und Auszubildendenvertreter oder deine IG Metall vor Ort an. Dort erhälst du persönliche Beratung und detaillierte Infos.

Informationen vom DGB

Auf der Website der DGB Jugend gibt es viele nützliche Informationen rund ums Studium.