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Jugendseminarreihe mit Russland

Permanent voneinander lernen

04.07.2013 Ι Neue Wege gehen, Handlungsmöglichkeiten entwickeln und Jugendarbeit verbessern, ist das Ziel des Austauschs zwischen Deutschland und Russland. Das Projekt, an dem 34 ehrenamtliche Gewerkschafter teilnehmen, ist auf zwei Jahre angelegt und soll über Landes- und Kulturgrenzen hinweg Verständnis füreinander wecken. Projekte wie diese leben von der Begeisterung der Teilnehmer für internationalen Austausch und davon, dass man sich gegenseitig respektiert.

Das Gros der Seminarteilnehmer kommt aus Russland, vorwiegend aus Moskau und den Autostandorten Kaluga und Togliatti. In Kaluga betreibt VW ein Automobilwerk, in Togliatti produziert der russische Awtowaz-Konzern den Lada sowie Bauteile für westliche Automarken. IG Metall, Friedrich-Ebert-Stiftung und die Gewerkschaft für Automobil und Landmaschinenbau (ASM) organisieren den Jugendaustausch zwischen Russland und Deutschland. "Wir wollen neue Wege in der internationalen Jugendarbeit gehen", sagt Projektleiter Klaus Buchholz von der IG Metall. "Es ist ein Geben und Nehmen. Wir sind nicht diejenigen, die alles besser wissen, sondern jede Seite macht neue Erfahrungen."

Angesichts von Globalisierung geht es darum, Kontakte zu knüpfen und Strukturen aufzubauen. "Lohndumping und Standortkonkurrenz können wir nur Solidarität entgegensetzen", sagt Projektteilnehmer Sebastian Jacobi, der bei Daimler in Ludwigsfelde gelernt hat und stellvertretender JAV-Vorsitzender ist. "Wir müssen uns vernetzen und austauschen, um das zu unterbinden." Startschuss des Austauschs war im Herbst 2012.

Verschiedene Kulturen
Schon nach dem ersten Kennenlernen stellten die Teilnehmer große Unterschiede in der betrieblichen und überbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit fest. Die russischen Kollegen haben weder Jugendvertreter noch Betriebsräte. Sie sind gut organisiert in Komitees, deren Mitglieder die Möglichkeit haben, sich einige Stunden während der Arbeit für die Gewerkschaftsarbeit freistellen zu lassen. Auch wenn Streiks im Prinzip zulässig sind, finden sie in Russland praktisch nicht statt. Stattdessen sind Verhandlungen das Mittel des Arbeitskampfes. Wenn diese scheitern, wird vertagt, bis die Parteien ein gutes Ergebnis erreichen.



Impulse für die Jugendarbeit

Ein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland gibt es in Russland nicht, berichtet die Seminarteilnehmerin Ekaterina Platonowa. "Unsere Kollegen am Standort Togliatti vertreten die Interessen von etwa 19 000 Jugendlichen." Sie haben keine Kampagnen wie die Operation Übernahme oder Revolution Bildung, die Jugendthemen in der Gesellschaft und im Betrieb forcieren. Wie die IG Metall für unbefristete Arbeitsverträge nach der Ausbildung kämpft und auch zu Streiks aufruft, findet Ekaterina sehr beeindruckend. "Streiks sind sehr interessant, bei uns sind sie jedoch aus einer ganzen Reihe von Gründen unmöglich." 

So unterschiedlich die Strukturen sein mögen, ein Grundsatz gilt für die russische und die deutsche Seite: ohne Kollegen kann man im Betrieb nichts durchsetzen. In Russland werden die Kontakte zur Gewerkschaft schon in jungen Jahren gelegt. Gewerkschaften organisieren Kindercamps und gehen an die Grundschulen. Im ausbildungsfähigen Alter bieten die russischen Gewerkschaften Sportveranstaltungen und Jugendcamps an. Im Autowerk Togliatti ist die Gewerkschaft für Automobil und Landmaschinenbau (ACM) präsent. Auch in Sachen Weiterbildung tut sich viel bei russischen Gewerkschaften. Allerdings hält man sich aus gesellschaftspolitischen Debatten weitgehend fern.

Kontakt durch soziale Medien
Auch zwischen den Treffen reißt der Kontakt nicht ab. Die Seminarteilnehmer nutzen dafür die sozialen Medien der russischen Jugend. In Russland läuft das über den Anbieter VK.com(auf russisch w kontaktje/ in Kontakt). Der große Vorteil auf diesen Seiten ist der nahezu hierarchiefreie, kontinuierliche und sofortige Austausch. Jeder ist berechtigt sich mitzuteilen und durch die Begrenzung auf eine Gruppe (Youth union movement) in seiner Privatsphäre geschützt. "In unserer Plattform haben wir neben Bildern der Seminarteilnehmer, Kontaktlisten, Seminardokus, Fotoprotokolle auch Foren, in denen wir Mitgliederwerbung und Aktionen diskutieren", erklärt Sebastian Jacobi. "Wir können Dateien im Internet anbieten und jeder in der Gruppe kann permanent darauf zugreifen. Wir wollen nicht nur einmal im Jahr miteinander arbeiten, sondern permanent voneinander lernen. Das ist die Quintessenz für fortschrittliche Internationale Arbeit."

Noch zweimal werden sich die Seminarteilnehmer treffen, einmal in Togliatti und einmal in Berlin. An Themen, die weiter auf der Agenda stehen, herrscht kein Mangel: Wie kann man Motivation und Beteiligung stärken, wie lassen sich Information und Kommunikation ausbauen, wie lassen sich Aktionen planen und durchführen, sind nur einige Aspekte. Außerdem geht es darum, die Kinder- und Hochschularbeit zu organisieren. Es geht um gewerkschaftliche Qualifizierung, Jugendarbeit, und um die Stärkung der internationalen Solidarität. Seminarteilnehmer Sebastian Jacobi hat sich vorgenommen, weitere Kollegen für internationale Projekte zu begeistern. Von dem Austausch nehmen die Teilnehmer sehr viele Ideen und Impulse mit. "In den letzten Jahrzehnten hat das Kapital eine unglaubliche Flexibilität entwickelt. Standorte werden in Strategiespielen über Ländergrenzen hin- und hergeschoben. Deshalb ist es wichtig, dass egal wo sich Unternehmen niederlassen, Gewerkschafter vor Ort für Arbeitnehmerinteressen eintreten."

Links und Zusatzinformationen
Foto: Fotolia_Alex_Bramwell
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