IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     

Interview mit Eric Leiderer: Was die IG Metall Jugend als nächstes bewegt

"Vor allem geht es um Solidarität"

03.09.2012 Ι Die IG Metall Jugend hat die unbefristete Übernahme durchgesetzt. Was packt sie jetzt an? Da gibt es noch genug zu tun, sagt Bundesjugendsekretär Eric Leiderer im Interview. Denn immer mehr junge Menschen arbeiten in prekären Jobs, Leiharbeit, mit Befristungen und Werkverträgen.

Eric, die IG Metall hat die unbefristete Übernahme durchgesetzt. Können wir uns jetzt zufrieden zurücklehnen?
Klar sind wir zufrieden, denn das ist ein historischer Erfolg unserer "Operation Übernahme"  - nach drei Jahren Aktionen in den Betrieben und auf der Straße. Bisher bekamen Ausgebildete in der Regel nur befristete Verträge. Damit ist Schluss. Jetzt heißt die Regel "unbefristet". Aber zurücklehnen? Überhaupt nicht. Nun geht es darum, dass wir die unbefristete Übernahme gemeinsam in den Betrieben umsetzen - und weiter für Verbesserungen kämpfen. Denn es gibt noch massenweise andere Missstände, die wir anpacken müssen.

Stichwort "anpacken". Wir haben auf Facebook nachgefragt, was wir gemeinsam anpacken sollten. Die Top-Antwort ist: "Arbeit  sicher und fair".
Wundert mich nicht. Denn immer mehr junge Menschen arbeiten doch in prekären Jobs, Leiharbeit, mit Befristungen und Werkverträgen. Ein Skandal. Dabei ist die Joblage doch ganz gut. Die Wirtschaft sucht sogar Fachkräfte. Dazu kommt die Ungerechtigkeit bei den Bildungschancen. Bildung hängt immer noch zu stark vom Geldbeutel der Eltern ab. Das verbaut vielen die Zukunft. Dabei geht es uns in Deutschland noch vergleichsweise gut. In Südeuropa etwa sieht es schon viel schlimmer aus. In Spanien ist jeder zweite junge Mensch arbeitslos.

Aber sind die Schuldner-Länder in Südeuropa nicht selbst an ihrer miesen Lage schuld?
Es sind doch nicht die Menschen, die schuld sind an der Krise. Die Leute in Spanien, Griechenland oder wo auch immer wollen doch einfach nur ganz normal arbeiten, um anständig leben zu können - genauso wie wir. Diese Wirtschafts- und Staatskrisen haben doch ganz Andere verbockt.

Wer ist dann schuld?
Der Wurm steckt im System. In den Banken, Finanzmärkten und Konzernen, die die Krise ausgelöst haben. Und jetzt sollen die Menschen dafür bezahlen. Diese Umverteilung von unten nach oben muss endlich aufhören. Europas Millionäre sitzen auf Vermögen in zweistelliger Billionenhöhe. Damit könnten wir sämtliche Schulden doppelt und dreifach bezahlen - und es wäre immer noch genug übrig. Stattdessen werden ganze Länder kaputt gespart. Die Regierungen kürzen Sozialleistungen und Löhne - und treiben Hunderttausende in Armut. Weil der Mensch im System nur wenig zählt.

"Die Ungleichheit auf der Welt bekämpfen" liegt ja auch auf Platz zwei unserer Umfrage. Aber wie soll das gehen?
Zunächst müssen wir endlich die Finanzwirtschaft regulieren. Sie hat erst die Krise verursacht, musste dann mit viel Geld gerettet werden und spekuliert nun auf unsere Kosten weiter. Das müssen wir endlich stoppen. Auf der anderen Seite geht es vor allem um Solidarität - mit unseren Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern, die nichts für die Krise können.

Aber warum? Was geht das uns in Deutschland an? Viele finden, wir pumpen Geld in ein Fass ohne Boden.
Die Krise in Südeuropa schlägt doch auch auf uns zurück. Es gibt bereits erste Verlagerungen von Jobs nach Süden - weil dort die Löhne immer billiger werden. Vor allem aber ist Europa unser wichtigster Exportmarkt. Wenn die Menschen dort unsere Produkte nicht mehr kaufen können, bricht auch bei uns die Wirtschaft ein.

Solidarität - wie soll das gehen? Die Stimmung im Land ist doch gerade andersherum.
Zunächst einmal müssen wir aufklären und sensibilisieren. Das Bild von den "faulen Südländern", wie es etwa die Bild-Zeitung herausposaunt, stimmt einfach nicht. Das sind Menschen wie wir, die Opfer des Systems geworden sind. Wir brauchen keine Spaltung, wir brauchen Solidarität! Und wir brauchen einen Kurswechsel. Weg von der Politik für die Reichen -  hin zu einer Politik für die Menschen. Das ist der Weg, und darüber brauchen wir eine breite
demokratische Debatte.

Kurswechsel. Debatte. Was soll denn jetzt konkret passieren?
Die IG Metall wird mit der Kampagne "Arbeit - sicher und fair" die Menschen organisieren. Wenn wir in Deutschland endlich die prekären Jobs eindämmen - die Niedriglöhne, die Leiharbeit und die Werkverträge - dann hilft das auch den Menschen in anderen Ländern. Wir wollen sichere und faire Arbeit für alle - statt Profite für einige wenige. Dazu werden wir in den nächsten Wochen öffentlich Druck machen. Etwa mit Aktionen in den Betrieben am 5. Oktober zum "Tag der prekären Beschäftigung".

Es gibt noch weitere Vorschläge aus unserer Umfrage: "Weg mit dem Kapitalismus" oder "Liebe unter den Menschen". Wann packen wir das an?
Finde ich beides gut und würde wohl schlagartig die meisten Probleme lösen. Aber den roten Alles-gut-Mach-Knopf hat leider auch die IG Metall nicht. Wir müssen unsere Welt Schritt für Schritt menschlicher machen, realistische Ziele angehen und konkrete Erfolge erkämpfen. Das ist schon schwer genug. Doch wir wissen, worum es geht. Die IG Metall ist stark und gut organisiert. Gemeinsam können wir viel erreichen.

Links und Zusatzinformationen
Mach mit !

Was sollen wir als IG Metall gemeinsam
anpacken?


Findest Du, dass gerade alles super und gerecht läuft? Oder brauchen wir einen Kurswechsel? Was sollten wir als IG Metall anpacken? Bist Du auch für Arbeit - sicher und fair statt prekärer Jobs? Oder meinst Du, dass wir zuerst etwas gegen die Ungleichheit auf der Welt und die Finanzmarktzockerei tun sollten? Sind Dir gleiche Chancen, etwa auf Bildung am wichtigsten? Oder doch der ökologische und nachhaltige Umbau der Industrie? Diskutiere und stimme mit ab auf Facebook oder per E-Mail.