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Assistierte Berufsausbildung, Modell aus Baden-Württemberg

Eine neue Chance für betriebliches Lernen

13.08.2013 Ι Chancen auf eine betriebliche Ausbildung haben sie selten - die Bewerbungen von Jugendlichen, mit schlechteren schulischen Leistungen werden meist schon im Vorfeld aussortiert. Damit auch sie die betriebliche Ausbildung schaffen, gibt es in Baden Württemberg Carpo. Dieses Modell unterstützt die Azubis und die Unternehmen gleichermaßen.

Wie so viele Jugendliche mit einem nichtdeutschen Namen, hatte es auch Mustafa Sahin schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Eigentlich wäre er eher ein Kandidat für die vielen Warteschleifen im Übergangsbereich oder als Job-Hopper auf dem Arbeitsmarkt. In der vor Kraft strotzenden Wirtschaftsregion Stuttgart ist in konjunkturell guten Zeiten kein schlechter Weg. Denn hier gibt es immer noch reichlich Jobs für ungelernte Arbeiter. Doch eine Karriere hätte Sahin als Un- oder Angelernter allerdings wohl kaum machen können.


In Ausbildung investieren

Mustafa Sahin kommt jetzt ins zweite Ausbildungsjahr. Er lernt Konstruktionsmechaniker bei der Firma almepro Metalltechnik GmbH. Für den Chef Alain Meyer, gebürtiger Franzose aus dem Elsass, ist die Investition in Ausbildung eine klare Sache. "Wir bilden aus, weil wir gute Leute brauchen." Insgesamt arbeiten dort 38 Beschäftigte in zwei Schichten. Sie konstruieren und fertigen vor allem Einzelstücke. Hier werden auch hochwertige Maschinenverkleidungen gelasert, geschweißt und gekantet.


Sahin kam über die Arbeitsagentur mit dem Berufsbildungswerk in Waiblingen, eine Einrichtung der Diakonie Stetten, in Kontakt. Nach einem Kurzpraktikum bei almepro Metalltechnik GmbH entschied sich der junge Türke dafür, einen Metallberuf zu erlernen. Er unterschrieb den Ausbildungsvertrag zum Konstruktionsmechaniker. Zusätzlich wurde eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Ausbildungsbetrieb und dem Berufsbildungswerk Waiblingen abgeschlossen. Darin werden die Regeln während der Ausbildungszeit zwischen Betrieb und Bildungsträger festgelegt.

Um Jugendliche, die weniger Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben, zu fördern, gibt es in Baden-Württemberg die assistierte Ausbildung, das Carpo-Projekt. In 20 Regionen gibt es 18 Projektpartner, die sich um 1039 Jugendliche kümmern. Gedacht ist das Projekt für Menschen, die einen Berufsabschluss im Betrieb anstreben. Es werden gemeinsam Bewerbungen geschrieben, Praktika vermittelt und Schulkenntnisse in Deutsch und Mathe aufgefrischt. Carpo hilft nicht nur Jugendlichen, den passenden Ausbildungsplatz zu finden. Auch die Betriebe werden unterstützt. Bei der Auswahl der Azubis und durch organisierte Lernunterstützung. Der Nachhilfeunterricht wird von der Agentur für Arbeit bezahlt.

"Die Idee ist, chancenarmen jungen Menschen die Aufnahme und den Abschluss einer regulären Ausbildung sowohl in Vollzeit als auch in Teilzeit zu ermöglichen. Teilnehmen können junge Mütter und Väter, Jugendliche mit Migrationshintergrund, Jugendliche, die einen geschlechteruntypischen Beruf ergreifen wollen und junge Menschen, die seit über einem Jahr keine Ausbildungsstelle gefunden haben", erläutert Berufsbildungswerk-Mitarbeiter Daniel Bürzele das Konzept. Die Bildungsträger verzichten bei Carpo bewusst auf die Ausbildung in eigener Regie. Sie beschränken sich darauf, den Betrieben dabei zu assistieren, wenn diese Jugendliche ausbilden, die besondere Unterstützung brauchen.

 

Unterstützung für Jugendliche und Unternehmen

Kleinere Betriebe und Handwerker sind zunehmend bereit, Migranten, jungen Frauen mit Kindern und Jugendlichen, die schlechtere schulische Leistungen mitbringen, eine Chance zu geben. Rund 70 Prozent der Ausbildungsunternehmen sind dazu bereit. Ein großer Teil der Betriebe sieht sich in der Lage, durch Nachhilfeangebote Lerndefizite in der Ausbildung auszugleichen. Auch Mustafa Sahin bekommt Zusatzunterricht, jede Woche Donnerstags gibt es zwei Stunden Theorie obendrauf. Seit dem sind schlechte Noten in der Berufsschule seltener geworden. Daniel Bürzele glaubt an Mustafa: "Er ist motiviert, er ist immer da und zeigt Initiative. Das sind gute Voraussetzungen, um die Ausbildung erfolgreich zu packen".

 

Dass nun einige der Ausbildungsunternehmen die Anforderungen an Azubis senken, begrüßen Berufsbildungsexperten. Raimund Becker, Bundesagentur für Arbeit sagte: "Es ist wichtig, dass die Arbeitgeber schwächeren Jugendlichen eine Chance geben" und BIBB-Forscher Günter Walden konstatiert: "Unternehmen scheinen sich schwächeren Jugendlichen zu öffnen und schließen diese seltener als früher grundsätzlich von der Ausbildung aus". Mit Carpo kann noch individueller gefördert und damit eine nachhaltige Integration auf dem Arbeitsmarkt erreicht werden.

 

Das Ausbildungsengagement bei Mustafa Sahin wird sich doppelt auszahlen. Der junge Mann will unbedingt sein Ausbildungsziel erreichen. "Es ist ein bisschen hart hier, aber es geht schon. Schließlich bin ich doch nicht zum Spaß hier. Ja, ich will es schaffen." Seine Erwartungen sind klar: er will eine interessante Arbeit, ein festen Job und ein gutes Einkommen. Natürlich in Deutschland und nicht in der Türkei, am besten in Schorndorf.

 

(Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags, der auf http://www.wap.igmetall.de/  veröffentlicht wurde.)

Links und Zusatzinformationen
Carpo
Das Motto von Carpo: Jedem Auszubildenden eine individuelle Unterstützung bieten - so viel wie nötig und so speziell wie möglich.


An wen wendet sich Carpo?

  • Carpo ist gedacht für Menschen, die einen qualifizierten Berufsabschluss erreichen wollen und eine betriebliche Ausbildung im dualen System anstreben
  • seit 12 Monaten oder schon länger auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind,
  • die nicht älter als 25 Jahre sind
  • durch eine berufliche Qualifikation ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen wollen
  • bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz Unterstützung und Beratung wollen
  • Familie und Berufsausbildung gleichzeitig bewältigen wollen
  • bereit sind, sich aktiv auf eine neue Lebenssituation vorzubereiten.


Bei welchen Themen assistiert Carpo?

Unterstützung gibt es bei der Vorberei-tung auf die Ausbildung:

  • Erstellen eines Bewerberprofils, um die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten abzuklären
  • Ausbildungsplatzsuche auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
  • Klärung ob Ausbildung in Vollzeit oder Teilzeit möglich
  • Erstellen der Bewerbungsunterlagen
  • Vorbereiten der Bewerbungs-gespräche
  • Unterstützung bei der Organisation der Kinderbetreuung.