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Jörg Hofmann, Zweiter Vorsitzender der IG Metall

Jörg Hofmann im Interview zur Automobilindustrie

"Die Bildung der Mitarbeiter ist der Schlüssel"

18.06.2015 Ι Die deutsche Autoindustrie steht blendend da und doch vor großen Herausforderungen. Im Interview mit der Leipziger Volkszeitung erklärt IG Metall-Vize Jörg Hofmann, wie die Branche dauerhaft erfolgreich bleibt, was er von Werkverträgen hält - und warum die IG Metall derzeit so viel Zulauf hat.
Glückwunsch: Der scheidende IG Metall-Chef Detlef Wetzel hat Sie zu seinem Nachfolger vorgeschlagen. Sie gelten als ein harter Verhandler. Womit müssen die Arbeitgeber in den nächsten Jahren rechnen?
Jörg Hofmann:
Mit Kontinuität. Ich werde der bleiben, der ich bin. Im Übrigen muss man hart verhandeln können, will man für die Belegschaften etwas erreichen.

Was sagen Sie dazu, dass ihr Stellvertreter eine Stellvertreterin sein wird?
Eine Frau im Spitzengremium einer Gewerkschaft wie der IG Metall sollte Normalität sein. Christiane Benner ist die gemeinsame Wunschkandidatin von Detlef Wetzel und mir. Aber letztlich wird der Gewerkschaftstag über die Personalvorschläge entscheiden.

In Leipzig ist die IG Metall pro Jahr im Schnitt um 1000 neue Mitglieder gewachsen - ist dieser Trend auch bundesweit zu beobachten?
Es ist nicht überall ein so starker Anstieg zu verzeichnen. Aber seit Ende der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise haben wir kontinuierlich zulegen können. Im letzten Jahr gab es 110 000 Neueintritte. Wir haben heute 2,27 Millionen Mitglieder. So muss und wird es weitergehen.

Was macht Sie da so sicher?
Immer mehr Beschäftigte wünschen sich eine Interessenvertretung mit Durchsetzungskraft. In der letzten Tarifrunde haben wir für die Metall- und Elektroindustrie ein Lohnplus von 3,4 Prozent herausgeholt. Außerdem haben wir uns mit den Arbeitgebern auf erste Schritte in Richtung einer geförderten Bildungsteilzeit sowie auf eine verbesserte Altersteilzeit geeinigt. Das spricht für sich.

Heute findet in Leipzig eine Zulieferkonferenz statt, an der unter anderem Sie und der noch amtierende IG-Metall-Chef teilnehmen. Warum gerade Leipzig?
In gewisser Weise ist das auch eine Wertschätzung. Leipzig ist heute neben Wolfsburg, Stuttgart und München der viertgrößte Automobilstandort in Deutschland - und mit Sicherheit der dynamischste.

Die Branche steht momentan gut da?
Die letzten zwei Jahre ging es in der Automobilindustrie steil bergauf. In den inländischen Werken sind knapp 800 000 Arbeitnehmer beschäftigt - der höchste Stand seit 25 Jahren. Aber es wäre blauäugig zu glauben, dass dies ohne Zutun endlos so weiter geht. Die Branche beschäftigt sich noch zu wenig mit spritsparenden und alternativen Antrieben. In Zukunft muss und wird mehr neue Technik in die Produkte einfließen und die Automatisierung voranschreiten. Das wissen die Unternehmen, kümmern sich aber viel zu wenig um die, die das umsetzen müssen. Wir fordern deshalb die Arbeitgeber auf, mehr in die Ausbildung ihrer Belegschaften zu investieren, sie fit zu machen. Die Bildung der Mitarbeiter ist der Schlüssel dafür, dass "Made in Germany" wettbewerbsfähig bleibt.

Ihre Gewerkschaft hat jetzt bei Firmen auf dem BMW-Gelände in Leipzig einen einheitlichen IG-Metall-Tarif durchgesetzt. Vorher galt der niedrigere Logistik-Tarif. Sind Sie zufrieden?
Ja. Leipzig hat mit den Tarifverträgen für Werkvertragsunternehmen auf dem Werksgelände klar eine Vorreiterposition. Das ist ein hartes Stück Arbeit gewesen. Andere Standorte ziehen bereits nach. Es kann nicht sein, dass die Autokonzerne Werkverträge vergeben, die Teil der Wertschöpfung der Autoindustrie sind und deren Beschäftigte oft sogar im Werk mit den Kollegen der Autofirmen Hand in Hand arbeiten, diese Kollegen aber deutlich schlechter bezahlt werden. Dagegen gehen wir vor. Nicht nur bei BMW und Porsche in Leipzig sind wir auf einem guten Weg.

Führt das nicht unweigerlich zum Konflikt mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die mit vielen dieser Zulieferfirmen einen günstigeren Logistiktarif abgeschlossen hat?
Es geht um industrielle Kontraktlogistik. Das ist weit mehr als Spedition und Lagerung. Industrielle Kontraktlogistiker übernehmen heute die Arbeit, die früher von der Stammbelegschaft der Autohersteller geleistet wurde. Es ist ganz klar, wer sich ins "Wohnzimmer" der Automobilproduktion begibt, wird unweigerlich auf uns treffen. Das war schon immer unser Zuständigkeitsbereich. Die Belegschaften sehen das ganz genauso. Immer mehr Mitarbeiter von Firmen der industriellen Kontraktlogistik treten in die IG Metall ein. Sie akzeptieren nicht länger, dass zwischen ihnen und den Mitarbeitern bei Autofirmen eine Lohnlücke von bis zu 30 Prozent und mehr klafft.

Das ist nicht nur in Leipzig so?
Das ist mittlerweile bundesweit so. Aber im Osten ist es stärker ausgeprägt. Die Standorte in den neuen Bundesländern waren nach der Wiedervereinigung ein Experimentierfeld für die Autokonzerne. Aber einen Kostenwettbewerb um die niedrigsten Löhne wird Deutschland im globalen Vergleich nicht gewinnen können. Die Stärke der Branche sind die hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Und wenn ich von Branche rede, meine ich Autohersteller und Zulieferer. Die Vergabepraxis der Hersteller und knallharte Preissenkung behindern Innovationen bei den Zulieferern. Die Branche braucht für ihre Innovationskraft die Partnerschaft zwischen Herstellern und Zulieferern. Deshalb fordern wir faire Preisverhandlungen und Vertragstreue bei bestehenden Aufträgen. Das ist ein Kernthema der Konferenz in Leipzig.

Porsche und BMW investieren in ihre Leipziger Werke, weil diese so wettbewerbsfähig sind. Sind Sie in Sorge, dass das ein Ende haben könnte?
Nein, im Gegenteil. Die Standorte hier sind die produktivsten. Und wir als Gewerkschaft sind daran interessiert, dass das so bleibt. Wir wollen gute Arbeit an allen Standorten gestalten.

Leipziger Volkszeitung, 17. Juni 2015, Seite 5, Autor: Andreas Dunte.

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