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Elektromobilität. Interview mit Wolfgang Nieke. Foto: Thomas Bernhardt

Interview mit Wolfgang Nieke, Betriebsratsvorsitzender Mercedes-Benz Untertürkheim

Das Auto bleibt wichtig

15.06.2012 Ι Noch elektrisiert das E-Auto nur wenige. Um den Umstieg auf Elektromobilität zu schaffen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn etwa Städte entscheiden würden, dass innerhalb ihres Zentrums nur noch elektrisch gefahren werden darf, hätte das enorme Auswirkungen auf den Automarkt, sagt Wolfgang Nieke, Betriebsrat bei Mercedes-Benz.

Fahren wir in 20 Jahren noch mit dem Auto?
Wolfgang Nieke
: Als Fahrzeug wird das Auto auch in 20 Jahren noch das wichtigste Fortbewegungsmittel sein. Aber als Statussymbol wird es an Bedeutung verlieren. Für einen Teil der jungen Menschen ist es das heute schon nicht mehr. Sie werden Autos auch in 20 Jahren nutzen, aber anders. Mehr Menschen werden sich fragen: Muss ich ein eigenes Auto haben, oder hole ich mir nur eins, wenn ich es brauche? Sicher werden in 20 Jahren mehr Hybrid und Elektro-Autos fahren.

Nach der Euphorie im vergangenen Jahr ist es um Elektro-Autos stiller geworden. Warum läuft es so schleppend an?
Es gibt noch viele Hindernisse. Das fängt schon bei der Frage an, wo ich in Stuttgart mein Elektro-Auto auftanken kann. Da muss ich lange suchen. Natürlich muss nicht alles steuerlich subventioniert werden. Aber wenn man den Umstieg auf Elektromobilität gesellschaftlich will, muss man ihn auch fördern. Zum Beispiel, indem der Staat die Infrastruktur schafft.

Kann Politik den Umstieg auf Elektro-Autos beschleunigen? 
Die Politik schafft immer Rahmenbedingungen, die Veränderungen anstoßen und beschleunigen können. Wenn etwa Städte entscheiden würden, dass innerhalb ihres Zentrums nur noch elektrisch gefahren werden darf, hätte das enorme Auswirkungen auf den Automarkt.

Böse Zungen sagen, deutsche Ingenieure tüfteln gerne für sich und schauen wenig nach den Kunden. Ist da was dran?
Das ist Unsinn. Wie unsere Ingenieure es in den letzten Jahren geschafft haben, den Verbrauch bei Verbrennungsmotoren zu reduzieren, ist enorm. Elektro-Autos sind für viele Kunden aber auch eine Frage des Preises. Ich bin gespannt, ob wir bis 2020 eine Million E-Autos haben. Zurzeit ist die Nachfrage nach leistungsstarken Motoren immer noch größer als nach verbrauchsarmen. Ich denke, das Bewusstsein für ökologische Fragen ist bei vielen noch nicht so weit. Aber das kann sich schnell ändern, wie das Beispiel Atomkraft zeigt. Fukushima hat diese Diskussion brutal beendet. Vielleicht müssen wir etwas Ähnliches beim Thema Autofahren und Klimawandel erleben.

Welche Fehler haben die Hersteller gemacht? 
Sie haben die Diskussion um den Klimawandel sicher zu spät ernst genommen. Jetzt merken sie, dass die Vorgaben zur Reduzierung des CO2-Ausstoß konkret werden. Als Betriebsrat haben wir immer drauf gedrängt, den Verbrauch zu reduzieren.

Wie fühlt sich es an, wenn man es besser wusste?
Das ist zwar schön, aber es hilft uns nicht. Wir müssen als Beschäftigte mit den Folgen leben. Aber wie schon gesagt: Unsere Ingenieure haben da in den letzten Jahren sehr viel aufgeholt.

Welche Rolle können Autohersteller bei neuen Mobilitätskonzepten übernehmen?  Vielleicht kaufen unsere Kunden in 20, 30 oder 40 Jahren nicht nur Autos, sondern Mobilität. Für die Fahrt in der Stadt nehmen sie einen Smart und für die Reise an den Bodensee die E-Klasse. Ich weiß nicht, ob die Autohersteller das Geschäftsfeld von Mobilitätsanbietern übernehmen. Aber ich halte es für sinnvoll.

Was bedeutet der Wandel für die Beschäftigten?
Solange der Verbrennungsmotor dominiert,wird sich für sie nicht viel ändern. Und das wird er noch 20 Jahre lang tun. Angesichts des weiteren Aufbaus von Autofabriken weltweit und zunehmender Effektivität in den Werken werden wir vor der Herausforderung stehen, das Beschäftigungsniveau in Deutschland zu halten. Spannender ist die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern entwickelt. Da gehen die Hersteller zurzeit unterschiedliche Wege. VW produziert selbst Elektromotoren. Wir arbeiten mit Bosch zusammen. Als Betriebsrat versuchen wir, Produktion im Unternehmen zu halten. Damit wir mit der neuenTechnik in unseren Werken Beschäftigung sichern. Aber da waren wir oft nur zweiter Sieger.

Was können Betriebsräte tun? 
Wir warten nicht ab, bis die Zukunft uns einholt. Wir wollen wissen, wie sich Entscheidungen auswirken. Deshalb hat der Gesamtbetriebsrat mit Daimler, der Hans-Böckler-Stiftung und der IG Metall, ein Forschungsprojekt angestoßen zu den Auswirkungen neuer Mobilität auf die Zahl der Arbeitsplätze und die Anforderungen an die Qualifikation.

Und bei technischen Fragen?
In der Krise gab es bei Vertretern der Anteilseigner eine Diskussion, ob wir Techniken wie Brennstoffzellen oder Elektromotor brauchen. Da haben wir als Betriebsrat dagegen gehalten.

Was bereitet Dir mehr Sorge: eine Zukunft ohne Autos oder eine Zukunft ohne moderne Mobilitätskonzepte?
Ich würde das nicht gegeneinander stellen. Eine Zukunft ohne Autos wird es nicht geben. Die Frage ist: Schaffen wir es den Klimawandel zu stoppen, das Auto umweltfreundlicher zu machen und Mobilität neu zu denken? Elektro-Autos allein sind nicht umweltfreundlich. Der Strom dafür muss aus erneuerbaren Quellen kommen. Vielleicht ist das auch ein Feld für die Hersteller. Sie liefern zum E-Auto den Öko-Strom gleich mit.

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