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Foto: IG Metall

Interview zur Stahl-Branche

Stahl-Betriebsrat: "Es geht ums Überleben"

23.03.2016 Ι Die deutsche Stahlindustrie ächzt unter Dumping-Importen aus China. Zusätzlich drohen kostspielige EU-Auflagen. Klaus Hering ist Betriebsratsvorsitzender beim Stahlkocher ArcelorMittal in Bremen. Im Interview spricht er über die Zukunft der Branche - und die Stimmung in der Belegschaft.

Als Betriebsrat führst Du viele Gespräche im Unternehmen. Wie erlebst Du die Kollegen zurzeit?

 

Klaus Hering: Die Kollegen sind verunsichert und fühlen sich hilflos. Wenn wir im Unternehmen selbst eine Krise hätten, könnten wir sie anpacken. Aber wir sind abhängig von politischen Entscheidungen. Die Kollegen blicken nach Brüssel und Berlin und fragen sich: Wann wird dort entschieden? Sie leisten jeden Tag gute Arbeit. Trotzdem ist die Zukunft des Standorts unsicher.

 

Wie gehst Du damit um?

 

Hering: Wir informieren die Kollegen. Wir organisieren Aktionen. Wir mobilisieren für den Stahl-Aktionstag am 11. April. Und wir machen unseren Leuten klar, dass die IG Metall auf allen Ebenen Einfluss geltend macht, um die Branche zu retten. Dabei gibt es ja auch schon Erfolge vorzuweisen.

 

Wie wirkt sich die Krise der Stahlindustrie auf ArcelorMittal Bremen aus?

 

Hering: Die Situation ist paradox: Das Werk ist ausgelastet. Trotzdem sind wir derzeit nicht in der Lage, alle Kosten zu decken und gleichzeitig dringend notwendige Investitionen zu stemmen. ArcelorMittal Bremen ist Teil eines globalen Konzerns. Aufträge und Investitionen werden in Werke gelenkt, die mit Gewinn oder zumindest mit einer schwarzen Null produzieren. Der Konzern prüft, welche Standorte eine Perspektive haben - und welche verkleinert oder sogar geschlossen werden. Das Arcelor-Werk im spanischen Sestao hat die Konzernleitung bereits geschlossen. In den letzten Jahren wurden die Werke in Lüttich und Florange größtenteils geschlossen.

 

Investiert der Konzern überhaupt noch?

 

Hering: Ein Beispiel: Ein Hochofen muss alle 15 bis 20 Jahren komplett erneuert werden. Das nennen wir Stahlleute "Zustellung". Kostenpunkt: ein hoher zweistelliger Millionenbetrag. In unserem Werk steht die Zustellung jetzt an. Die Konzerngenehmigung steht aktuell in Frage. Alle warten darauf. Das ist eine Zukunftsfrage: Wenn der Hochofen nicht erneuert wird, bedeutet das mittelfristig das Aus für diesen Standort. Der Konzern sagt: Die Rahmenbedingungen geben eine solche Investition derzeit nicht her.

 

Was muss passieren, um die Rahmenbedingungen zu verbessern?

 

Hering: Das wichtigste sind faire Wettbewerbsbedingungen. Europa muss seine Stahlindustrie vor Dumping-Konkurrenz schützen. Und der EU-Emissionsrechtehandel muss so gestaltet sein, dass die europäische Stahlindustrie keinen Nachteil gegenüber Produzenten aus Russland oder China hat, wo der ökologische Anspruch viel geringer ist.

 

Stahl: Als Grundstoff für viele Produkte unverzichtbar - Foto: Panthermedia

 

Viele Umweltschützer fordern eine Verschärfung des Emissionsrechtehandels. Tut die Stahlindustrie in Europa zu wenig für den Klimaschutz?

 

Hering: Bei der Stahlproduktion entstehen brennbare Gase. Die wurden früher einfach abgefackelt, In China oder Russland ist das heute noch so. Unser Stahlwerk nutzt die Gase zu Stromerzeugung, dadurch verbrauchen wir viel weniger Erdgas. Diese Form der Energiewende betreibt die Stahlindustrie schon seit Jahren. Solche Technologien kommen dem Klima direkt zugute, erfordern aber immense Investitionen. Die Mittel dafür müssen wir erwirtschaften können.

 

Dass bei der Stahlproduktion CO2 frei wird, ist fast unvermeidlich. Wie lassen sich die Emissionen weiter senken?

 

Hering: Bei der eigentlichen Stahlproduktion ("Hochofen-Route"; Anm. d. Red.) sind die Möglichkeiten ausgereizt. Potential bietet die CO2-Umwandlung. Es gibt Algen, die CO2 zum Wachsen brauchen. Die Algen verwerten die Emissionen und liefern am Ende Biobrennstoff. Daran wird geforscht.

 

 

Welche Bedeutung hat die Stahlindustrie für die Gesamtwirtschaft?

 

Hering: Die Grundstoffindustrie Stahl wird oft unterschätzt, weil man ihre Produkte auf der Straße und im Haushalt nicht sieht. Man sieht nur Folgeprodukte: Waschmaschinen, Autos, Windräder. Die Rohstoffindustrie spielt eine zentrale Rolle. Wenn Autos zum Beispiel immer leichter und damit sparsamer werden sollen, müssen dafür die nötigen Hightech-Stähle produziert werden.

 

Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

 

Hering: Ein Fall aus unserem Werk: Wir haben ein neues Verzinkungssystem für die Autoindustrie entwickelt. Das geht bald an die ersten Kunden. Hier in Deutschland sind die Wege kurz, von unserem Stahlwerk zum Bremer Daimler-Werk sind es nur wenige Kilometer. Diese Cluster-Effekte entfallen, wenn es keine deutsche Stahlindustrie gibt. Wenn die Grundstoffindustrie Stahl geht, dann bekommen auch andere Industriezweige Probleme, sogar die Autoindustrie.

 

Wird es ArcelorMittal Bremen in zehn Jahren noch geben?

 

Hering: Diese Frage wird sich in diesem Jahr entscheiden. Wir stecken in einer schicksalhaften Situation. Es liegen jetzt mehrere entscheidende Fragen auf dem Tisch. Wenn die alle negativ entschieden werden - von Anti-Dumping-Maßnahmen über EEG-Umlage bis zum Emissionsrechtehandel - dann wird es uns in zehn Jahren nicht mehr geben. Es geht nicht darum, ob wir acht oder 15 Prozent Gewinn machen. Es geht um das Überleben der Stahlindustrie in Europa.

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Werner Bachmeier
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