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Interview mit Prof. Gerhard Bosch zu den Auswirkungen prekärer Arbeit.

Interview mit Prof. Gerhard Bosch zu den Auswirkungen prekärer Arbeit

"Niedriglohn ist für alle teuer"

05.10.2012 Ι Die Zahl der Geringverdiener hat in Deutschland nicht nur stärker zugenommen als in den meisten anderen OECD-Ländern. Sie ist auch tief in das Normalarbeitsverhältnis vorgedrungen. Zu diesem Ergebnis kommt Gerhard Bosch, Arbeitsmarktexperte an der Universität Duisburg-Essen. Eine Entwicklung, die auch die deutsche Wirtschaft auf Dauer gefährdet.

Herr Bosch, Sie haben sich angeschaut, wie sich unsichere und schlecht bezahlte Arbeit in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Gerhard Bosch: Seit Mitte der 90er Jahre hat diese Form der Beschäftigung deutlich zugenommen. In Deutschland ist die Zahl der Geringverdiener unter allen OECD-Ländern am stärksten gestiegen. Es gibt aber eine zweite bedrohliche Entwicklung: Unsichere und schlecht bezahlte Arbeit dringt inzwischen tief in das Normalarbeitsverhältnis vor. Sie wirkt wie ein Sog auf alle Löhne - bis in die mittleren Einkommen hinein. Zwar gingen die Reallöhne im unteren Drittel am stärksten zurück. Aber auch im mittleren Drittel sanken sie. Lediglich das oberste Drittel blieb von dieser Sogwirkung bislang verschont.

 

Wie funktioniert dieser Sog?
Der Niedriglohnbereich ist ja keine isolierte Insel auf dem Arbeitsmarkt. Je mehr er sich ausbreitet, desto mehr konkurrieren Unternehmen mit den geringsten Lohnkosten. Sie folgen dem Gefälle, das zwischen Branchen, Betrieben und Beschäftigungsformen besteht. Sie lagern Teile der Produktion in Branchen mit schlechteren oder gar keinen Tarifen aus. Vergeben Werkverträge an heimische, aber auch an ausländische Unternehmen, und sie ersetzen Stammbelegschaften durch Leihbeschäftigte.

 

Warum wuchs der Niedriglohnsektor in Deutschland stärker als in anderen Ländern?
Es gibt verschiedene Gründe. Zwei kann ich aber ausschließen. Es liegt nicht am globalen Wettbewerb oder am technischen Fortschritt. Andere Länder wie Dänemark oder Schweden treffen diese Entwicklungen genauso. Dort ist die Ungleichheit aber nicht so gewachsen wie bei uns. Im Unterschied zu diesen Arbeitsmärkten ist der deutsche viel anfälliger für Lohndumping. Wir haben keinen gesetzlichen Mindestlohn. Ein weiterer Grund ist die Agenda 2010. Sie hat unsicherer und schlecht bezahlter Arbeit einen enormen Schub gegeben. Und: Deutsche Eliten sind davon überzeugt, dass deregulierte Arbeitsmärkte besser funktionieren.

 

Aber funktionieren sie denn nicht besser? Einige Wirtschaftsexperten und Politiker sind doch davon überzeugt, dass Deutschland auch aufgrund der Arbeitsmarktreformen wirtschaftlich so gut dasteht.
Der deutsche Erfolg hat viele Schattenseiten. Die Hartz-Gesetze haben vor allem dazu geführt, dass mehr Menschen von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Das hat auch nichts damit zu tun, dass diese Menschen keine Ausbildung haben. Im Niedriglohnsektor arbeiten heute sogar mehr Menschen mit Qualifikation als noch vor 15 Jahren. Mehr als 80 Prozent der Geringverdiener haben heute eine berufliche oder akademische Ausbildung. Niedrige Löhne sind für Unternehmen offenbar kein Grund, Menschen ohne Ausbildung eine Chance zu geben.

 

Die Agenda 2010 hat nicht gehalten, was sie versprochen hat?
Es war ein großer Irrtum der Agenda-Väter, ein Bildungsproblem in ein Lohnproblem umzudeuten. Geringqualifizierte haben heute keine besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und: Niedriglohn und unsichere Jobs sind kein Sprungbrett in reguläre Beschäftigung. Die Wahrscheinlichkeit, aus einem solchen Job auf einen besser bezahlten Arbeitsplatz zu wechseln, ist heute sogar kleiner als vor 15 Jahren.

 

Welche Folgen hat diese Politik für die Gesellschaft?
Sie ist vor allem teuer - für uns alle. Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können, sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Sie brauchen zusätzlich zu ihrem Einkommen Hartz IV. Allein im Jahr 2010 kostete das den Steuerzahler 11,5 Milliarden Euro. Die langfristigen Kosten sind noch gar nicht absehbar.

 

Welche Kosten kommen denn langfristig auf die Steuerzahler zu?
Wenn der Verdienst nicht zum Leben reicht, wird die Rente erst recht nicht reichen. Wer heute einen Stundenlohn von acht Euro bekommt, wird im Alter keine Rente erhalten, die zum Leben reicht. Selbst dann nicht, wenn er 45 Jahre ununterbrochen arbeitet. Was die meisten Geringverdiener ohnehin nicht schaffen. Die Steuerzahler werden auch diese Renten aufstocken müssen. Jüngere Jahrgänge wird es stärker treffen als ältere. Es klingt schon fast wie ein schlechter Witz, wenn Politiker dies alles auch noch damit rechtfertigen, dass sie die jüngere Generation entlasten wollen.

 

Lässt sich diese Entwicklung noch verhindern?
Ja, aber nur, wenn wir den Arbeitsmarkt völlig neu gestalten. Ein Mindestlohn ist wichtig und gut, aber er allein wird nicht ausreichen. Wir brauchen darüber hinaus ein neues Leitbild von guter Arbeit. Wir müssen Leiharbeit und Minijobs so regeln, dass sie nicht länger reguläre Beschäftigung verdrängen. Dafür muss der Gesetzgeber die gleiche Bezahlung für Leihkräfte vom ersten Tag an festschreiben, ohne Wenn und Aber. Wir müssen das Tarifsystem stabilisieren und die Kontrolle in den Betrieben verbessern.

Was passiert, wenn wir das alles nicht tun?
Mit billiger Arbeit wird die deutsche Wirtschaft auf Dauer im internationalen Wettbewerb nicht bestehen. Die deutschen Unternehmen wurden nicht durch Niedriglöhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse so wettbewerbsfähig. Die Zahl der Arbeitsplätze nahm seit 2004 zu, weil sie innovativ waren und gut qualifizierte Beschäftigte hatten. Wir müssen nicht - wie es vielfach heißt - zwischen Arbeitslosigkeit oder Ungleichheit wählen.

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Links und Zusatzinformationen
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