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Interview mit Jörg Hofmann in der Saarbrücker Zeitung

Lernen als Chance begreifen

17.11.2016 Ι Die Digitalisierung in den Betrieben kann nur gelingen, wenn die Arbeitnehmer und Gewerkschaften einbezogen werden. Um die Arbeitswelt von morgen bewältigen zu können, müssen sich Hunderttausende beruflich neu orientieren. Da muss der Arbeitsplatz zum Lernort werden. Das betont Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, im Interview mit der "Saarbrücker Zeitung".

Werden die Arbeitnehmer zu Verlierern der Digitalisierung? Modernste Technologien wie der stärkere Einsatz von Robotern führen doch auch zum Abbau von Arbeitsplätzen.
Jörg Hofmann: Nicht automatisch. Ja, die Digitalisierung wirkt als Rationalisierungstechnologie. Auf der anderen Seite besteht die Chance, dass neue Beschäftigung entsteht. Fest steht, Hunderttausende müssen sich beruflich neu orientieren und dies schon morgen, weil der Veränderungsprozess in ihrem Arbeitsumfeld immer größeres Tempo entfaltet. Wir philosophieren jedoch seit Jahrzehnten über das lebenslange Lernen, aber in den Betrieben passiert nur wenig dazu. Die große Herausforderung ist, alle mit zu nehmen , den Kollegen am Band und die Kollegin im Einkauf, nicht nur die sogenannten "high potentials". Für Viele gilt, mit einer Erstausbildung kommt man nicht mehr bis zur Rente. Gelingt es nicht alle mitzunehmen, droht eine unerträgliche gesellschaftliche Spaltung. In den Unternehmen, in den Berufsschulen, Hochschulen und in der Bildungslandschaft wurden bisher nur wenig belastbare Angebote gemacht, die auf die Veränderung der Arbeitswelt ausreichend reagieren.
 
Wie sieht die Realität aus?
Viele arbeiten seit Jahrzehnten in einem Betrieb, machen stets dasselbe und leiden unter Eintönigkeit und Monotonie und sind vom Lernen entwöhnt. Da wirkt der Ruf nach Weiterbildung als Bedrohung. Und ich kann das verstehen. Um lernen als Chance zu begreifen, muss man als Arbeitnehmer im Unternehmen mehr Entscheidungs- und Handlungsspielräume und gleichzeitig mehr Weiterbildungsangebote bekommen. Kurzum: Der Arbeitsplatz muss zum Lernort werden.
 
Was muss sich sonst ändern?
Die Bundesagentur für Arbeit muss von dem Prinzip abkommen, Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Beschäftigte nur möglichst schnell zu vermitteln. Die Fähigkeiten und Talente der Arbeitslosen müssen intensiver hinterfragt und mit den Anforderungen von Morgen in Unternehmen in Einklang gebracht werden. Die Bundesagentur muss mehr zum Berater werden und mehr Entwicklungsmöglichkeiten in der jeweiligen Region aufzeigen, auch in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und Arbeitgebern vor Ort. Wir müssen darüber nachdenken, die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung auszubauen, die die Menschen unterstützt, sich auf die Herausforderungen der Arbeitswelt von morgen zu qualifizieren. Und dies nicht erst, wenn man arbeitslos ist. Sondern im Job. Wir brauchen verlässliche Sicherheit, dass in der digitalen Transformation keiner unter die Räder kommt.
 
Was verändert sich für junge Leute?
Sie müssen wegen der schnellen technologischen Entwicklungen damit rechnen, dass sie sich im Laufe ihres Berufslebens zusätzlich für einen zweiten Beruf qualifizieren.  Deshalb muss Lernen, Bildung und Weiterbildung während des gesamten Erwerbslebens mit einem individuellen Rechtsanspruch verbunden und der Anspruch auf berufliche Fortbildung als öffentliches Gut selbstverständlich werden.
 
Welche Rolle kommt in der Digitalisierung den Gewerkschaften zu?
Die Digitalisierung in den Unternehmen kann ohne Mitbestimmung nicht funktionieren. Ohne Mitbestimmung gilt zu oft das Prinzip: Wenn die Aufträge heute da sind, was kümmert mich da die Zukunft. Es sind ja nicht nur die Beschäftigten die noch orientierungslos sind, sondern die große Masse der kleinen und mittleren Unternehmen. Die Vorzeigebetriebe, die wir beim IT-Gipfel in Saarbrücken wieder präsentiert bekommen, das sind weitgehend die Gleichen, wie seit Jahren. Das ist zu wenig. Das wird ohne die Mitwirkung der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften am Ende kein Erfolg. Aber auch die Betriebsräte sind gefordert,  Druck auf die Unternehmensführungen auszuüben, damit das Thema rechtzeitig behandelt wird und Investitionen und Qualifikationen auf die Zukunft ausgerichtet werden.

Was muss jetzt als nächstes passieren?
Man muss den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen, nicht nur durch schöne Bilder der neuen hippen digitalen Arbeitswelt, sondern durch verlässliche Zusagen zur Sicherheit des Arbeitsplatzes und für jeden machbare Angebote, durch Bildung berufliche Entwicklung zu ermöglichen. Wenn die Beschäftigten mitgenommen werden, kann dies zum Erfolg führen und vielen Unternehmen helfen, sich im härter werdenden internationalen Wettbewerb besser zu behaupten. Das gilt nicht nur für große Unternehmen, sondern insbesondere auch für den Mittelstand.
 
Was brauchen wir konkret, um die Digitalisierung und Einführung neuer Technologien in den Unternehmen zum Erfolg zu führen?
Wir brauchen in Deutschland eine gesellschaftliche Übereinkunft zum Fahrplan der digitalen Transformation, an dem die Bundesregierung, die Länder, die Bundesagentur für Arbeit, die Verbände, Unternehmen und die Gewerkschaften gemeinsam mitwirken. Ein Fahrplan, der sich nicht darin erschöpft, Aussagen zu technologischen Entwicklungen zu treffen, sondern aufzeigt, wie man den Weg so gestaltet, dass dies sozial gerecht erfolgt und alle mitgenommen werden. Das ist kein konfliktfreier Weg. Da stoßen Interessen der Arbeitgeber gegen die der Beschäftigten. Dennoch: Ich bin heute optimistischer als noch vor zwei, drei Jahren, dass wir das auch erfolgreich hinbekommen werden. Natürlich nur mit einer starken IG Metall.

 

Das Interview erschien am 15.11.2016 in der Saarbrücker Zeitung.

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