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Interview mit Helga Schwitzer: berufliche Absicherung

Die Re-Regulierung des Arbeitsmarktes ist etwas Gutes

19.04.2010 Ι Sichere Arbeitsplätze bedeuten auch mehr Sicherheit im Alter. Helga Schwitzer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Expertin für Tarifpolitik, erklärt warum. Sie erklärt außerdem, warum Sicherheit im Berufsleben für die Menschen wieder so wichtig geworden ist.

Rund 80 Prozent der Befragten im Rahmen der Kampagne Gemeinsam für ein Gutes Leben haben es als "sehr wichtig" eingestuft, dass sie abgesichert sind, um ihre Zukunft planen zu können. Warum haben die Menschen so ein großes Bedürfnis nach beruflicher Absicherung?
Die Menschen wollen nach ihren Vorstellungen leben können. Sie wollen ihre Pläne umsetzen können. Sie brauchen Perspektiven in allen Lebensbereichen für sich und ihre Familien. Wie differenziert die individuellen Lebensentwürfe auch immer sind - sie benötigen eine gesicherte Basis. Und die wird für den weitaus größten Teil der Menschheit durch Arbeit geschaffen. Über 30 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig beschäftigt. Was sie sich leisten und nicht leisten können, hängt von ihren Einkommen und von deren Planbarkeit ab. Deshalb hat der sichere Arbeitsplatz eine so überragende Bedeutung. Das Institut Allensbach hat jüngst die Ergebnisse unserer Befragung bestätigt. Danach wollen 85 Prozent der Deutschen, dass die Sicherung von Jobs bei Tarifverhandlungen Vorrang sogar vor hohen Lohnsteigerungen hat. Auch wenn dieses Ergebnis unter dem Eindruck der Krise zustande gekommen ist: Dahinter steckt das Grundbedürfnis der Menschen, ein gutes Leben für sich und gegebenenfalls auch für die eigene Familie verwirklichen und möglichst auf Dauer einrichten zu können.

Tarifpolitik spielt bei der Absicherung von Arbeitsplätzen eine große Rolle. Wie hängen erfolgreiche Tarifpolitik und sichere Arbeitsplätze zusammen?
Beschäftigungssicherung ist neben Einkommenssicherung ein klassisches tarifpolitisches Ziel. Seit den ersten wirtschaftlichen Einbrüchen nach Ende des Wirtschaftswunders hat die IG  Metall mit Tarifverträgen Beschäftigung und Einkommen gesichert. 1968 mit dem Rationalisierungsschutzabkommen, 1984 mit dem Einstieg in die 35-Stunden-Woche, 1994 mit den Tarifverträgen zur Beschäftigungssicherung, 2004 mit dem Pforzheimer Abkommen und in diesem Jahr mit dem Jobpaket. Alle diese Verträge haben nachweislich dazu beigetragen, dass ansonsten gefährdete Arbeitsplätze gehalten werden konnten. Allein die 35-Stunden-Woche hat rund 300 000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie gesichert. Das sind Erfolge unserer Tarifpolitik, von der nicht nur die unmittelbar Betroffenen profitieren, sondern auch die Gesamtwirtschaft. Denn gesicherte Beschäftigung verhindert eine Abwärtsspirale aus sinkender Binnennachfrage und sinkender Beschäftigung.

Für über 80 Prozent der Befragten ist es "sehr wichtig", dass sie mit ihrer Rente im Alter gut auskommen. Die Menschen wollen also nicht nur Sicherheit in den nächsten zehn bis 20 Jahren, sondern auch darüber hinaus. Seit Januar 2010 gilt beispielsweise der Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente. Warum ist es wichtig, dass das Thema Rente auch in der Tarifpolitik berücksichtigt wird?
Tarifpolitische Erfolge bei den Einkommen, aber auch bei den Arbeitsbedingungen haben unmittelbaren Einfluss auf die spätere Rente. Wer gut verdient und - dank guter Arbeitsbedingungen - lange Beschäftigungszeiten erreicht, hat später auch eine ordentliche Rente. Die Qualität der Arbeit ist aber längst noch nicht so, dass die große Mehrheit der Beschäftigten das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht.

Allein schon deshalb ist die Rente mit 67 ein Irrweg. Aber auch beschäftigungspolitisch geht eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit in die völlig verkehrte Richtung. Weil das Arbeitsvolumen infolge des Produktivitätsfortschritts stetig abnimmt und damit junge Menschen bessere Beschäftigungschancen und mehr Perspektive erhalten, ist eher die andere Richtung angezeigt. Die Rente mit 67 war falsch, ist falsch und bleibt falsch. Sie ist ein Rentenkürzungsprogramm, mehr nicht.

Wir bekämpfen die Rente mit 67 deshalb politisch. Tarifpolitisch suchen wir nach Wegen, wie ältere Beschäftigte zu erträglichen finanziellen Bedingungen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden können. Der Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente ist ein solcher Weg. Er ist auch beschäftigungspolitisch wichtig, weil früheres Ausscheiden Älterer die Beschäftigungschancen für Jüngere verbessert.
Wir müssen aber auch ein Drittes tun: Wir müssen die Qualität der Arbeit wieder stärker ins Zentrum unserer Tarifpolitik rücken. Wir müssen tarifpolitische Instrumente suchen, mit denen wir etwa den gesundheitlichen Verschleiß von Beschäftigten stoppen können. Wir müssen für alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen streiten. Wir müssen die Arbeitsbedingungen so verbessern, dass Beschäftigte bis zur Rente arbeiten und dadurch Armut im Alter vermeiden können.

Welche Instrumente hat die IG Metall, um den Menschen eine sichere Zukunft - auch im Alter - zu ermöglichen?
Beschäftigung wird für immer mehr Menschen prekär. Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Mini- und Midijobs und andere Formen prekärer Beschäftigung nehmen zu. Alle diese Beschäftigungsformen ermöglichen den Menschen kaum eine sichere, in jedem Fall keine planbare Zukunft. Deshalb kämpfen wir politisch für eine Re-Regulierung des Arbeitsmarktes. Die Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes muss aufhören und wieder zurückgenommen werden. Für Leiharbeit zum Beispiel muss der Grundsatz "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" gelten. Sie darf nicht zulasten der Stammbeschäftigten gehen, sondern muss auf Sondersituationen wie vorübergehende Auftragsspitzen beschränkt bleiben.

Wir wollen, dass für möglichst viele Beschäftigte unsere Tarifverträge gelten. Denn alle Instrumente der Tarifpolitik, ob im Bereich der Beschäftigungssicherung und der Absicherung der Übernahme Ausgebildeter, ob Einkommenserhöhungen, Qualifizierungsregelungen, Verdienstsicherungen für Ältere, Altersteilzeit, Erholzeiten und, und, und - alle diese Instrumente und die dazu vereinbarten Tarifverträge dienen der Zukunftssicherung der Menschen.

Es ist eine Kernaufgabe der Tarifpolitik, Beschäftigung und Beschäftigte zu schützen und zu sichern und ihnen ein Leben lang ein gutes Leben zu ermöglichen. Und weil die Qualität unserer Tarifverträge von unserer Durchsetzungskraft abhängt, weil Tarifverträge Ergebnis demokratischer Meinungs-, Willensbildungs- und Verhandlungsprozesse sind, kann jede und jeder Beschäftigte in der Metallwirtschaft auch selbst etwas für ein gutes Leben tun: Eintreten in die IG Metall! Für die, die drin sind: dabei bleiben und mitmachen!

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Helga Schwitzer

ist geschäftsführendes Vorstands- mitglied der IG Metall. Sie ist Expertin für Tarifpolitik, Frauen- und Gleichstellungs- politik sowie für die IT- und Elektroindustrie.

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