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Interview mit Helga Schwitzer. Foto: Helga Schwitzer

Interview mit Helga Schwitzer

Für mehr Wahlfreiheit bei der Arbeitszeit

16.12.2011 Ι Beschäftigte müssen selbstbestimmt über ihre Zeit verfügen können. Das fordert Helga Schwitzer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. In den meisten Firmen richtet sich die Arbeitszeit fast ausschließlich nach den Interessen der Unternehmen. Dabei haben die Menschen oft andere Bedürfnisse. Gerade Jüngere wollen mehr Flexibilität. Beispielsweise um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen.

In den meisten Metall- und Elektrobetrieben gilt die 35-Stunden-Woche. Das ist eine klare Vorgabe. Trotzdem sieht die IG Metall Bedarf, das Thema Arbeitszeit nun wieder anzupacken. Warum?

Schwitzer: Die 35-Stunden-Woche ist und bleibt die Bezugsgröße für die Arbeitszeitpolitik der IG Metall. Die tatsächlichen Arbeitszeiten lagen schon vor der Krise darüber. Nach der Krise sind sie wieder angestiegen - auf durchschnittlich rund 41 Stunden. Dabei wissen wir: Unsere Kolleginnen und Kollegen arbeiten keineswegs freiwillig länger. Längere Arbeitszeiten sind Ergebnis einer Unternehmenspolitik, die aus Kostengründen und zulasten der Belegschaften auf Neueinstellungen verzichtet. Für unsere Kolleginnen und Kollegen wird es immer schwieriger, Arbeit und Leben miteinander zu vereinbaren. Ihre Gesundheit und ihr Privatleben leiden. Das wollen sie ändern. Wir nehmen dieses Anliegen unserer Mitglieder ernst. Deshalb packen wir das Thema Arbeitszeit an.


Ist es nicht erfreulich, dass nach der Krise wieder genug Arbeit da ist und die Beschäftigten deshalb länger arbeiten?

Es ist gut, dass die Konjunktur nach dem scharfen Einbruch wieder angesprungen ist. Und es hat sich als sehr richtig erwiesen, die Krise außer mit dem Abbau von Zeitguthaben auf Arbeitszeitkonten vor allem mit der erweiterten Kurzarbeit zu überbrücken. Damit haben wir Entlassungen verhindert. Deshalb treten wir dafür ein, das Instrument der erweiterten Kurzarbeit in unserem Werkzeugkasten zu behalten. Wir wollen auch künftig durch finanzierbare Arbeitszeitabsenkung Beschäftigung sichern. Abzulehnen ist die Strategie der Arbeitgeber, die verbesserte Auftragslage durch Ausweitung der Arbeitszeiten, durch Leistungsverdichtung oder mit prekärer Beschäftigung statt mit Neueinstellungen zu bewältigen.


In einigen Bereichen wird von den Arbeitnehmern immer mehr Leistung erwartet. Was bedeutet das für sie?

Wir können beobachten, dass durch höheren Leistungsdruck Arbeitnehmer verschlissen werden. Insbesondere die psychischen Belastungen steigen in den Betrieben stark an. Dies steht in einem Widerspruch zu der demografischen Herausforderungen in den Betrieben. Angesichts alternder Belegschaften brauchen wir zumutbare Arbeits- und Leistungsbedingungen. Wir brauchen Gute Arbeit. Die Menschen müssen gesund alt werden und in Rente gehen können. Kurzum: Wir müssen der Leistung wie auch der Arbeitszeit wieder ein gesundes Maß geben.


Wie kann die IG Metall die betroffenen Arbeitnehmer vor überhöhtem Leistungsdruck schützen?

Es geht darum, Arbeitnehmer vor ausufernden Arbeitszeiten und überhöhtem gesundheitsgefährdenden Leistungsdruck zu schützen. Es darf kein Arbeiten ohne Ende und keinen Verfall von Arbeitszeiten geben, Ausgleich muss in Freizeit erfolgen. Die Tarifverträge stellen hierzu Instrumente bereit. In den Manteltarifverträgen finden sich Vorschriften, dass Arbeit den arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend organisiert werden muss. Die Entgeltrahmentarifverträge bieten die Möglichkeit, Leistungsbedingungen zu regeln. Hierfür brauchen wir eine neue leistungspolitische Debatte und ein neues Leistungsverständnis, das vom langfristigen Erhalt der Leistungsfähigkeit der Menschen ausgeht.


Viele Beschäftigte wollen ihre Arbeitszeit flexibel gestalten. Sie wollen Job und Privatleben besser vereinbaren können. Unternehmen wollen ebenfalls flexibel sein, um auf betriebswirtschaftliche Anforderungen reagieren zu können. Wie lassen sich solche Gegensätze zusammenbringen?

Es ist nicht nur für die Arbeitswelt, sondern für die Gesellschaft insgesamt eine zentrale Herausforderung, den Gegensatz zwischen scheinbar objektiven betriebswirtschaftlichen Anforderungen und den Wünschen der Menschen zu überwinden. In der Arbeitswelt wird dieser Gegensatz aktuell jedoch noch verschärft, weil Zeitökonomie vornehmlich und einseitig zu Gunsten der Unternehmen läuft. Für uns kommt es drauf an, dass die Beschäftigten mehr Wahlmöglichkeiten bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit erhalten. Das heißt: Sie müssen selbstbestimmter als jetzt über ihre Zeit verfügen können.


In vielen Betrieben wird nachts und Schicht gearbeitet. Ältere Beschäftigte wünschen sich mehr alternsgerechte Arbeitszeiten. Jüngere möchten Sabbatical oder flexible Arbeitszeiten, um Kinder oder Angehörige versorgen zu können. Wie können diese verschiedenen Bedürfnisse angepackt werden?

Bei einer Arbeitszeitgestaltung mit erweiterten Wahlfreiheiten für die Beschäftigten kann unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Lebensphasen Rechnung getragen werden. So sollten Mütter und Väter ihre Arbeitszeit so einrichten können, dass sie die Betreuung ihrer Kinder sicherstellen können. Ältere Beschäftigte sollten die Möglichkeit haben, durch zusätzliche Freischichten ihre Belastung aus der Schichtarbeit zu verringern. Teilzeit muss nach den Wünschen der Beschäftigten gestaltet werden. Mit einem erweiterten Rechtsanspruch Teilzeitbeschäftigter auf einen Vollzeitarbeitsplatz wäre es den Beschäftigten möglich, in Teilzeit zu gehen, ohne damit den Abstieg in prekäre Arbeitsverhältnisse zu provozieren.


Wie könnte aus Deiner Sicht ein gutes und praktikables Arbeitszeitmodell der Zukunft aussehen?

Ein zentrales Werkzeug für mehr Wahlfreiheit sind Arbeitszeitkonten. Es kommt aber darauf an, die Frage, wer über die Zeit verfügt, verbindlich zu regeln. Wir schlagen vor, bei Arbeitszeitkontenregelungen einen Teil der Zeitguthaben in den alleinigen Verfügungsbereich der Beschäftigten zu stellen. Das heißt: Die Beschäftigten selbst können entscheiden, wann sie den Zeitausgleich nehmen, ohne dass dies durch Rücksichtnahme auf "betriebliche Bedürfnisse" eingeschränkt wird. Eine solche Zeitsouveränität ermöglicht zum Beispiel auch Sabbaticals, und sie erleichtert es den Beschäftigten, Arbeit und Leben besser auszubalancieren.

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