IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
benner_gruenebluse

Interview mit Christiane Benner in der Stuttgarter Zeitung

"Wir müssen die Arbeitgeber fordern"

10.10.2016 Ι Das erklärt Christiane Benner, Zweiter Vorsitzende der IG Metall im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung". Sie begrüßt die Einigung zum Lohngerechtigkeitsgesetz. Das Gesetz werde die Möglichkeiten verbessern, die Lohnlücke zu schließen.

Für die Traditionsgewerkschaft war es ein Novum: Vor einem Jahr wurde Christiane Benner (48) als erste Frau in die Führung der IG Metall gewählt. Schon länger beackert sie die digitale Arbeitswelt, wo bereits eine Million Freiberufler - sogenannte Clickworker - auf Internet-Plattformen ihre Dienste anbieten.

Frau Benner, eine Frau als Zweite Vorsitzende war für die IG Metall revolutionär. Kommt die Gewerkschaft damit klar?
Dass die IG Metall erstmals nach 125 Jahren eine Frau an die Spitze gewählt hat, ist sehr stark beachtet worden. Da habe ich gemerkt, wie sehr die IG Metall als Männerorganisation wahrgenommen wird. Wir haben ja schon einen Frauenanteil von 18,6 Prozent bei den Mitgliedern - bei 20 Prozent weiblichen Beschäftigten in der Industrie. In Führungspositionen hat die IG Metall einen Frauenanteil von 30 Prozent. Dennoch kam meine Wahl einigen wie ein Durchbruch vor.

Würde die IG Metall eine Frau als Erste Vorsitzende auch schon aushalten?

Die IG Metall hat sich in den vergangenen vier, fünf Jahren stark verändert. Der frühere Vorsitzende Detlef Wetzel hat einen großen Wandel bei der Mitgliederausrichtung eingeleitet. Berthold Huber hat unsere Kultur durch seine Dialogfähigkeit extrem verändert. Ob sich das irgendwann in der Position des Vorsitzenden niederschlagen wird, vermag ich nicht zu sagen.

Sehen Sie sich bereits voll etabliert?
Ich wachse mit der Aufgabe, und ich kann sagen: Jörg Hofmann und ich haben uns als Team eingeschwungen. Ich bin auch für die strategische Weiterentwicklung der IG Metall verantwortlich. Wir haben jetzt zusätzlich 140 Leute zur besseren Mitgliederbetreuung eingestellt. Und damit versuche ich auch kulturelle Veränderungen voranzubringen und nehme Zielgruppen wie Ingenieure, Studierende und junge Menschen besonders in den Fokus.

Vor der Wahl sind Sie eher unkonventionell aufgetreten - haben Sie sich angepasst?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich konventioneller geworden bin. Meine Spontaneität versuche ich beizubehalten. Selbstverständlich muss ich mich anpassen, aber ohne mich zu verbiegen. Wenn ich vor Ort agiere, sollen die Leute stolz sein auf ihre IG Metall und zufrieden mit ihrer Zweiten Vorsitzenden. Und ich erfahre, dass mir die Menschen Dinge, die sie bedrücken, ungefiltert mitteilen - auch weil ich in der Position bin, die Probleme anzugehen. Von daher fühle ich mich sehr geerdet.

Welchen Reiz haben Macht und Einfluss für Sie?
Ich empfand mich schon vorher als relativ durchsetzungsstark. Nun merke ich, dass ich andere Zugänge habe: in der Politik oder bei Unternehmen. So kann ich meine Funktion gut dazu nutzen, um die Positionen der IG Metall zu platzieren. Es liegt auch an mir, Dinge zu verändern.

Wie nehmen Sie die Alphatiere der Wirtschaft wahr?
Unterschiedlich. Vielen wird das Alphatier zugeschrieben - aber wenn man sich mit ihnen unterhält, sind sie total okay. Manchmal ist es anstrengend, wenn ich eine homogene Gruppe vor mir habe: Es passiert mir recht oft, dass ich allein unter Männern bin. Aus diesem Exotinnen- Status herauszukommen, fände ich schon gut. Es würde die Situation entspannen, wenn mehr Frauen da wären.

Ist es für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend, ob es von einem Mann oder einer Frau geführt wird?
Ich würde nicht sagen, dass eine Frau ein Unternehmen per se erfolgreicher leitet als ein Mann. Entscheidend ist der Mix. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Und auch die eigene Erfahrung zeigt: Wenn ein Team heterogen besetzt ist, hat man das Gefühl, schneller auf den Punkt zu kommen und andere Ideen zu haben. Daran müssten wir in den Vorstandsgremien der Unternehmen arbeiten. Es würde viele weiterbringen. Dies ist jedoch eine schwierige Diskussion, da empfinde ich die Männer tatsächlich als Alphatiere.

Bei den Aufsichtsräten wirkt die gesetzliche Frauenquote schon - ihr Anteil beträgt bei 18 der 30 Dax-Unternehmen mindestens 30 Prozent. Ein Etappenerfolg?
Auf jeden Fall. Nur, das allein wird nicht helfen. Wenn ich daran denke, was sich unternehmenskulturell verändern muss, ist der Aufsichtsrat nur ein Gremium. Entscheidend wäre, den Druck auf die Vorstände zu verschärfen, wo es bisher lediglich eine Zielquote gibt. Dort sinkt der Frauenanteil bei den Spitzenpositionen? Einige setzen sich sogar das Ziel null. Dennoch hilft das Gesetz, weil daraus im Aufsichtsrat verbindlichere Diskussionen folgen. Dort muss jetzt darüber berichtet werden. Und zu begründen, warum man bei null Prozent bleiben will, ist schon schwierig. Es zeigt, dass es in vielen Unternehmen keine nachhaltige Personalentwicklung gibt. Das ärgert mich extrem.

Braucht es mehr Zwang statt Freiwilligkeit?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Gesetz jetzt erneut angepackt wird. Wir müssen seitens der Arbeitnehmerbank in den Aufsichtsräten härter diskutieren und die andere Seite mehr fordern. Unter den 192 Dax-Vorständen sind gerade mal 16 Frauen. Das ist nicht gut, denn es braucht mehr Vorbilder. Es liegt auch an uns, da dranzubleiben. Es geht um Entwicklungschancen für Frauen auf allen Ebenen.

Gerade hat sich die Koalition auf ein Gesetz zur Lohngerechtigkeit verständigt. Wie zufrieden sind Sie damit?
Es gab im Vorfeld einen harten Widerstand der Arbeitgeber und der CDU/CSU-Fraktion zum Entwurf des Ministeriums. Viele Arbeitgeber sehen anscheinend überhaupt keine gesetzliche Handlungsnotwendigkeit. Sie machen es sich zu einfach, wenn sie sagen: Die Frauen sind selbst schuld, die wählen den falschen Beruf, kriegen Kinder und machen auch noch Teilzeit. Das mag teilweise so sein. Aber das kann doch wohl nicht heißen, dass wir uns nicht mit Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung auseinandersetzen. Die IG Metall begrüßt die Einigung. Mit dem Gesetz können wir besser an die Ursachen herangehen.

Welche Ursachen?
Wir wollten, dass Frauen ein Auskunftsrecht auch in Betrieben ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertragsstrukturen erhalten. Das haben wir erreicht. Das individuelle Auskunftsrecht soll für alle Arbeitnehmerinnen in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten gelten. Es ist ein wichtiger Schritt für einen Kulturwandel - weg von der Tabuisierung des Gehalts hin zu Transparenz und Vergleichbarkeit.

Keine Wünsche mehr offen?
Wo Betriebsräte mitbestimmen und wo Tarifverträge Anwendung finden, stellen wir deutlich weniger Diskriminierung fest. Deshalb kämpfen wir darum, mehr Unternehmen in die Tarifbindung zu bringen. Und wir wollen eine Bewertung der Entgeltstrukturen mit einem Prüfverfahren erreichen. Da will ich von den Arbeitgebern nicht mehr das Argument der bürokratischen Keule hören. Wir akzeptieren, dass es kein zertifiziertes Prüfverfahren oder ähnlich Kompliziertes sein muss. Aber an dieser Stelle hätten wir uns mehr Courage von der Koalition gewünscht. Laut der Vereinbarung gibt es nur eine Aufforderung an Unternehmen über 500 Beschäftigte, alle fünf Jahre ein betriebliches Prüfverfahren durchzuführen. Viele Beschäftigte arbeiten aber in kleinen und mittleren Betrieben. Deshalb muss die vorgesehene Evaluation zur Entgeltgleichheit schnellstmöglich auch in kleineren Betrieben erfolgen.
 
Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern beträgt insgesamt 21 Prozent. Steht die Metall- und Elektroindustrie besser da?
Mir geht es um den ehrlichen Vergleich gleichwertiger Tätigkeit. Da haben wir eine bereinigte Entgeltlücke von sieben bis acht Prozent. In den unteren und mittleren Leistungsgruppen ist die Kluft geringer als in den oberen. Die Ingenieurinnen liegen beim Einkommen mehr als zehn Prozent zurück. Da möchte ich mit den Arbeitgebern diskutieren, wie wir Wege entwickeln können, um nicht so viele Kolleginnen beim beruflichen Aufstieg zu verlieren. Wenn wir schon einen Ingenieurmangel haben - warum verdient die Ingenieurin dann im Schnitt gut zehn Prozent weniger als ein Ingenieur in gleicher Tätigkeit? Da verstehe ich die Arbeitgeber nicht. Das könnte doch ein Imagevorteil sein zu sagen: In unserem Unternehmen haben wir praktisch keine Unterschiede bei der Bezahlung von Frauen und Männern.

Die digitale Arbeitswelt ist eines Ihrer Kerngebiete. Twittern Sie fleißig - wie intensiv sind Sie auf Facebook aktiv?
Ich habe noch keine intelligente Social- Media-Strategie gefunden. Ich bin da zwar unterwegs, aber bisher nicht als aktive Twitterin . . . . . .

obwohl Sie sich seit Jahren um das Feld der Digitalisierung kümmern?
Ich kapiere das alles, schaffe es momentan aber zeitlich nicht, mich da in die Diskussionen einzuklinken. Und ich halte auch nichts von einem Exhibitionismus, zu allem Möglichen meine Meinung kundzutun. Ich trenne, ob ich da als IG-Metallerin meine Meinung sagen kann oder als Christiane Benner. Ich versuche einen verantwortungsbewussten Umgang als Zweite Vorsitzende zu finden.

Eine Million Clickworker gibt es in Deutschland. Werden schon feste Arbeitsverhältnisse in solch freiberufliche Jobs umgewandelt?
Manche waren vorher in einem herkömmlichen Beschäftigungsverhältnis - aber in Deutschland sind es großteils Hinzuverdiener. Eine Umwandlung von gesicherter Arbeit zum Crowdworking beobachten wir noch nicht. Beispielsweise in den USA ist das schon anders.

Was haben Sie erreicht gegen die sogenannte "Amazonisierung der Arbeitswelt"?
Wir haben inzwischen Gehör in der Politik und Öffentlichkeit gefunden. Und wir haben erste Schritte zur Selbsthilfe organisiert. Bei der Plattform-Ökonomie - der Vergabe einfacher Aufgaben oder komplexer Projekte auf Internet- Plattformen - akzeptieren wir es nicht, wenn der digitale Raum ohne Rechte für die Clickworker einseitig durch Auftraggeber bestimmt wird.

Sehen Sie mehr Risiken oder Chancen?
Ich wehre mich immer gegen den Begriff der digitalen Tagelöhner. Ich glaube vielmehr, dass da eine neue Arbeitsform entsteht. Was tendenziell am digitalen Himmel auftaucht, wird nicht mehr verschwinden. Es ist an uns, angemessene Spielregeln für die bisher ungeregelte Arbeitswelt zu entwickeln. In Deutschland sehe ich viele Chancen aufgrund unserer Kultur der Sozialpartnerschaft und des Aushandelns. Wir müssen ja nicht alle Fehler der Amerikaner noch mal machen, sondern können die digitale Arbeitswelt nachhaltiger gestalten als im Silicon Valley. Ich bin überzeugt: Deutschland kann es besser.

 
Das Interview erschien am 10. Oktober 2016 in der Stuttgarter Zeitung. Das Gespräch führte Matthias Schiermeyer.

IG Metall

Interessen erfolgreich durchsetzen.

Links und Zusatzinformationen
Wer die besten will. Foto: IG Metall
re_box_faires_entgelt_frauen
Servicebereich