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IG Metall fordert faire Ordnung auf dem Arbeitsmarkt

IG Metall fordert faire Ordnung auf dem Arbeitsmarkt

Ordnung am Arbeitsmarkt statt Arbeit zu jedem Preis

08.08.2011 Ι Die Wirtschaft boomt. Immer mehr Menschen finden Arbeit. Trotzdem besteht kein Grund zum Jubeln. Denn es entstehen vor allem prekäre Jobs. Und davon sind meist junge Menschen betroffen. Es ist an der Zeit, dass die Regierung für eine faire Ordnung am Arbeitsmarkt sorgt. In seinem in der "Frankfurter Rundschau" erschienenen Beitrag beschreibt der Erste Vorsitzende der IG Metall Berthold Huber, was sich ändern muss.

Die Erfolgsmeldungen der deutschen Wirtschaft reißen nicht ab. Insbesondere die deutsche Exportwirtschaft boomt. Auch der Arbeitsmarkt profitiert von der stabilen Konjunktur. Die Zahl der Arbeitslosen liegt unter drei Millionen - und die Beschäftigung nimmt zu. Ein Grund zu allzu viel Jubel besteht allerdings nicht. Zum einen sind die wirtschaftlichen Risiken keineswegs ausgeräumt. Die krisenverursachenden Finanzmärkte sind kaum reguliert, die Schuldenkrise noch immer nicht endgültig ausgestanden. Zudem wächst der Export immer noch entschieden schneller als die Binnennachfrage.

Sicher, es ist gut, dass mehr Menschen in Arbeit sind. Nur: Der Boom entpuppt sich zunehmend als Boom prekärer Beschäftigung. Und von ihr sind überproportional viele junge Menschen betroffen. 75 Prozent der neuen Arbeitsplätze entstehen in den Bereichen Leiharbeit oder Minijobs, sind meist befristet und oft nur Teilzeitarbeitsverhältnisse.

Für die Arbeitgeber sind Leiharbeit und Minijobs Wundermittel

Der erleichterte Einstieg in das Berufsleben über atypische Arbeitsverhältnisse, der vielbeschworene "Klebeeffekt", erweist sich als Mythos. Denn nur sieben Prozent der Leiharbeiter, die vorher arbeitslos waren, werden von einem ihrer Einsatzbetriebe übernommen. Sie arbeiten darüber hinaus oft nicht ihrem Ausbildungsberuf und haben kaum Zugang zu Weiterbildung. Auch Teilzeitarbeit ist kein Sprungbrett in reguläre Arbeit. Rund 50 Prozent der in Teilzeit arbeitenden Frauen würden lieber Vollzeit arbeiten, haben jedoch bisher keine Möglichkeit dazu. Prekäre Beschäftigung ist also kein arbeitsmarktpolitisches Zukunftsmodell. Dennoch preisen Arbeitgeber Leiharbeit und Minijobs gern als beschäftigungspolitische Wundermittel.

Der gesellschaftliche Preis dafür ist inakzeptabel: Immer mehr Menschen können von ihrer Arbeit nicht leben. Von rund 41 Millionen Erwerbstätigen sind sieben Millionen Menschen Minijobber. Eine Million sind Leiharbeitnehmer - das ist Rekord in Deutschland. Der Niedriglohnsektor weitet sich ständig aus, während die Einkommen sogar noch zurückgehen: Netto sanken sie preisbereinigt um bis zu 22 Prozent. Die ungleiche Bezahlung zwischen hohen und niedrigen Einkommensgruppen nimmt weiter zu.

In der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen erhält ein Leiharbeitnehmer, der über eine zweijährige Ausbildung verfügt, gemäß des Tarifvertrags zwischen dem Bundesverband Zeitarbeit und dem DGB einen Stundenlohn von 9,84 Euro. Ein Festangestellter mit vergleichbaren Aufgaben kommt auf 14,45 Euro. Der ausgebildete Leiharbeiter verdient 33 Prozent weniger als sein fest angestellter Kollege. Noch größer ist die Differenz bei den ungelernten Beschäftigten: Der Leiharbeitnehmer verdient 40 Prozent weniger als sein fest angestellter Kollege.

Weitreichende Folgen für Kaufkraft und Sozialkassen

Mit dem Missbrauch von Leiharbeit und prekären Jobs droht Arbeit zur Ramschware zu verkommen. Und das hat weitreichende Folgen für die Kaufkraft und die Sozialkassen. Schon heute werden über 700 Millionen Euro jährlich an Aufstocker-Beiträgen für Leiharbeitnehmer bezahlt, weil sie von ihrer Arbeit nicht leben können. Prekäre Beschäftigung gefährdet aber auch die Betriebe der redlichen Arbeitgeber. Wie sollen sie dauerhaft gegen die von der öffentlichen Hand geförderte Billig-Konkurrenz bestehen können?


Wenn wir nicht wollen, dass Arbeit, der wertvollste Rohstoff Deutschlands, zur Ramschware verkommt, muss das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" endlich umgesetzt werden. Wir brauchen eine faire Ordnung am Arbeitsmarkt. Das erreichen wir mit wirkungsvollen Gesetzen und Tarifregelungen. Bisher haben CDU, CSU und FDP bei ihren Aufgaben auf ganzer Linie versagt. Die Regierungskoalition nimmt in Kauf, dass Leiharbeit, unakzeptable Befristungen und Minijobs immer mehr die Ordnung am Arbeitsmarkt zerstören. Statt zu handeln, hat die Regierung die Niedriglohn-Politik unterstützt und das Zwei-Klassen-System am Arbeitsmarkt weiter zementiert.

Soziale Ordnung auf dem Arbeitsmarkt gesetzlich herstellen

Arbeit muss sicher und fair sein. Arbeitnehmer wollen mitbestimmen und Anerkennung für die von ihnen geleistete Arbeit erhalten. Würde, Gerechtigkeit und Respekt sind zentrale Werte. Die Menschen haben ein gutes Gespür dafür entwickelt, ob diese Werte eingehalten werden. Die Politik ist jetzt gefordert, eine soziale Ordnung für den Arbeitsmarkt gesetzlich herzustellen. Wesentliche Bausteine dafür sind: "Gleiche Arbeit für gleiches Geld" bei der Leiharbeit, flächendeckend allgemeinverbindliche Mindestlöhne und ein Verbot von "hire and fire". Dem Missbrauch von befristeten Arbeitsverhältnissen und Werkverträgen muss wirksam begegnet werden. Beschäftigte brauchen einen erleichterten Umstieg von Teilzeit auf Vollzeit. Mehr Regulierung auf dem Arbeitsmarkt führt nicht zu weniger Wirtschaftswachstum, sondern zu mehr Sicherheit für die Menschen. Es ist höchste Zeit für einen Kurswechsel für eine faire Ordnung am Arbeitsmarkt.

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