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Helga Schwitzer: Wir brauchen etwas Handfestes, das Arbeitsplätze sicherer macht

Helga Schwitzer: Wir brauchen etwas Handfestes, das Arbeitsplätze sicherer macht

Ein dichteres Netz für sichere Arbeit

21.01.2010 Ι Das wichtigste Thema der IG Metall im neuen Jahr heißt immer noch: Arbeitsplätze sichern. Wie das funktionieren kann, erklärt Helga Schwitzer vom IG Metall-Vorstand. Sie ist unter anderem für die Tarifpolitik zuständig.

Helga, die Metall-Tarifrunde steht erst im Frühjahr an. Aber es gibt schon in allen Tarifgebieten Gespräche mit den Arbeitgebern. Warum?
Viele Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben bestätigen uns, was auch Wirtschaftsexperten sagen: Die Krise ist längst nicht vorbei, 2010 wird ein schwieriges Jahr, vor allem in der Maschinenbau- und der Auto- und Zulieferindustrie. Darum reden wir jetzt schon mit den Arbeitgebern darüber, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

Bisher ist das mit Kurzarbeit ganz gut gelungen.
Das stimmt. Allein in der Metall- und Elektroindustrie wurden dadurch rund 300 000 Arbeitsplätze gesichert. Und Kurzarbeit bleibt auch das wichtigste Mittel. Es stößt aber hier und da an Grenzen. Aus unterschiedlichen Gründen. Bei einer Reihe von Unternehmen ist zum Beispiel die Höchstdauer der Kurzarbeit von bisher 24 Monaten bald erreicht. Wir brauchen darum weitere Instrumente. Eines sind die Tarifverträge zur Beschäftigungssicherung, die es ermöglichen, dieArbeitszeit zeitlich befristet zu senken.

Diese Tarifverträge gibt es ja schon seit 1995.
Aber bisher kann die Arbeitszeit höchstens um fünf oder sechs Stunden in der Woche gesenkt werden. Wir diskutieren jetzt darüber, dass sie um weitere Stunden verkürzt werden kann. Das geht aber nur, wenn den Kolleginnen und Kollegen, die weniger arbeiten, ein Teil des entgangenen Entgelts ausgeglichen wird. Es wäre ihnen nicht zuzumuten, bis zu 29 Prozent des Lohns zu verlieren.

Sind dieArbeitgeber denn bereit, das zu regeln?
Sie müssen den Teillohnausgleich bezahlen. Noch scheinen sie dazu nicht bereit. Von der Politik erwarten wir, dass auf das Teilentgelt wenigstens keine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden müssen. Mit diesem Vorschlag könnten wir gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband an die Politik herantreten. Aber es ist ein schwieriges Thema. Man muss jedoch bedenken: Arbeitslose zahlen gar keine Steuern.

In den regionalen Gesprächen ging es auch um die Perspektiven der Jugend.
Diesen Monat machen viele Auszubildende ihre Abschlussprüfungen. Eine Reihe von Arbeitgebern sagt, dass sie nicht alle übernehmen wollen, weil ihre Betriebe Beschäftigungsprobleme haben. Darum haben wir dieses Thema eingebracht. In den regionalen Gesprächen haben wir dazu verschiedene Modelle auf den Tisch gelegt. Zum Beispiel: die Übernahmepflicht härter zu machen oder sie von zwölf auf 24 Monate zu verlängern. In zwei Jahren sieht die konjunkturelle Lage - hoffentlich - wieder besser aus. Dann werden viele Arbeitgeber wieder über Fachkräftemangel klagen. Wir müssen jetzt alles tun, damit Jugendliche gar nicht erst in die Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit entlassen werden.

Aber wenn Arbeitgeber darauf verweisen können, dass sie keine Arbeit für die Ausgelernten haben ...
... gibt es trotzdem bessereLösungenalsdie, sie indieArbeitslosigkeit zu schicken. In den IG Metall-Bezirken sind interessante Modelle entwickelt worden. Zum Beispiel: Ausgelernte werden ein Jahr übernommen. Danach absolvieren sie eine zweijährige Ausbildung zum Meister oder eine Weiterbildung zum Techniker. Und anschließend können sie in ihren Betrieb zurückkehren.

Wie cool finden die Arbeitgeber denn solche Ideen?
Sie finden es immer uncool, wenn wir sie verpflichten wollen, Auszubildende zu übernehmen. Aber sie haben sich darauf eingelassen, unsere Themen mit uns zu diskutieren. Eines der Themen ist übrigens die Altersteilzeit. Wir wollen sie noch stärker als Beschäftigungsbrücke nutzen, damit Junge eine Chance auf eine Ausbildung und feste Stelle erhalten. Wichtig wäre, dass der Staat sie weiter fördert. Die bisherige Förderung ist ja Ende 2009 ausgelaufen.

In den Bezirken wird auch über Leiharbeit mit den Arbeitgebern geredet. Warum?
Wir hoffen, dass die Konjunktur wieder anspringt und dann mehr Arbeitskräfte gebraucht werden. Aber wir haben die große Sorge, dass die Unternehmen dann keine festen Stellen schaffen, sondern vor allem Leiharbeiter einstellen. Darum müssen wir jetzt Vorsorge dafür treffen, dass Leiharbeit die Ausnahme bleibt: und zwar durch klare Regelungen und mehr Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte. Bisher wollen die Arbeitgeber allerdings gerade darüber nicht mit sich reden lassen.

Wie geht es jetzt weiter?
Diesen Monat gibt es weitere Gespräche. Danach werden wir beraten, was dabei herausgekommen ist. Das muss schon etwas Handfestes sein, das Arbeitsplätze tatsächlich sicherer macht.

Heißt Vorrang für Beschäftigungssicherung Zurückhaltung bei der Lohnforderung in der nächsten Tarifrunde?
Nein. Gerade in der Krise ist die Kaufkraft wichtig, um die Nachfrage zu beleben. Aber auch Beschäftigungssicherung sichert Kaufkraft. Das - und eine angemessene Entgelterhöhung. Wir brauchen beides.

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