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Leiharbeit_Gleiches_Geld

Gespräch mit einer Diplom-Ingenieurin in Leiharbeit: Arbeiten fürs halbe Geld

"Leiharbeit ist Sklavenarbeit"

08.04.2011 Ι Trotz gleicher Arbeit kein gleicher Lohn. Trotz guter Leistung keine Anerkennung im Beruf. Und trotz Studiums keine berufliche Sicherheit, keine Perspektive. Eine Diplom-Ingenieurin in Leiharbeit erzählt.

Andrea M.* will ihren Namen nicht nennen. Die Diplom-Ingenieurin, Anfang 40, ist Leiharbeiterin. "Ich arbeite in einer Branche, da machst du >bitte-bitte<, arbeitest brav und hältst den Mund", erklärt sie ihre Weigerung, Persönliches preiszugeben. Obwohl sie lieber heute als morgen keine Leiharbeiterin mehr wäre: Solange sie auf diesen Job angewiesen ist, möchte sie auf keiner schwarzen Liste irgendeiner Zeitarbeitsfirma landen.

Wir treffen uns in einem Café. Andrea M. ist seit rund vier Jahren für einen Verleiher - ein Ingenieurbüro - im Rheinland tätig, seit mehreren Jahren schon wird sie an ein und denselben Automobilzulieferer verliehen. Oder "verkauft", wie Leiharbeiter untereinander sagen. Täglich ist sie 2,5 bis 3 Stunden unterwegs: hin zur Arbeit, zurück nach Hause. Mit Bus und Bahn. Ein Auto hat sie nicht. "Benzin ist teurer als eine Monatskarte." Die jahrelange Pendelei ist eine Qual für sie, vom Entleiher übernommen werden möchte Andrea M. deshalb nicht. Kollegen hätten ihr erzählt, berichtet sie, "dass manche Leihfirmen ihre Leute extra weit weg schicken, damit die kein Interesse an einer Übernahme haben".

Aus dem System gefallen
Mitglied der IG Metall ist Andrea M. seit ihrer Ausbildung; danach arbeitete sie als Stammbeschäftigte in einer Metallfirma - bis es dort zu einer Massenentlassung kam. Sie wurde arbeitslos, und blieb es längere Zeit. "Ich bin aus dem System gefallen", sagt sie. Notgedrungen heuerte sie bei einem Verleiher an. "Wenn du keinen perfekten Lebenslauf vorweisen kannst, hast du keine andere Wahl." Ein normaler Job wäre für sie "ein Sechser im Lotto" - und so schwer zu finden "wie eine Nadel im Heuhaufen".

Es macht Andrea M. zu schaffen, sich als Leiharbeiterin zu verdingen. "Ich bin Leiharbeiter - sagt niemand gern. Vor allem nicht, wenn er studiert hat." Aber werden Ingenieure nicht dringend gesucht? "Ja, von Firmen, die einen schlecht bezahlen." Andrea M. wird nach Verleiher-Tarif bezahlt, hat einen Stundenlohn von rund 16 Euro und ein Jahresgehalt von circa 30 000 Euro. Würde sie nach dem Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie NRW bezahlt, würde sie 60 000 Euro verdienen - das Doppelte.

Permanente Bedrohung
Anfangs sei ihr das gar nicht bewusst gewesen, dass sie - trotz gleicher Arbeit - nur die Hälfte dessen verdient, was Stammbeschäftigte bekommen. Doch je länger sie Leiharbeiterin ist, "umso bedrückender ist es". Sie stehe nicht nur in der betrieblichen Hackordnung "ganz unten", sondern müsse permanent aufs Geld schauen, könne sich nicht das leisten, was andere für Essen, Klamotten oder Urlaub ausgeben.

Andrea M. erlebt eine besondere Art der Diskriminierung: Die festangestellten Ingenieure seien deutsche Männer unter 40, hat sie beobachtet, die Leihkräfte seien "Frauen, Ossis und Ausländer". Ohne Vitamin B käme man aus diesem Ghetto nicht heraus. Andrea M. fühlt sich ausgegrenzt, beim Entleiher laute die heimliche Botschaft an die Leihkräfte: "Putzen dürft ihr hier, Mitglied im Club werden aber nicht." Gleichzeitig seien die Leihkräfte eine permanente Bedrohung für die Stammbeschäftigten. "Der Chef muss nur mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: >Das ist deine Zukunft<."

Leiharbeit abschaffen
Sie fühlt sich weder beim Verleiher noch beim Entleiher heimisch, sondern "heimatlos - ein sehr unangenehmes Gefühl". Obwohl sie in ihrem Beruf gut sein muss (sonstwäre sie vom Entleiher längst vor die Tür gesetzt worden), erlebt sie keine Anerkennung, wird ihre Arbeit nicht wertgeschätzt. Andrea M. wünscht sich nicht nur gleiche Bezahlung (»equal pay«), sondern auch mehr Rechte. "Ich möchte beispielsweise einen Entleiher ablehnen oder die Entleihdauer begrenzen können." Doch von Verbesserungen im System hält sie eigentlich nichts: "Leiharbeit ist Sklaverei und gehört abgeschafft!"

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Links und Zusatzinformationen
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Hotline für Mitglieder

Für alle Fragen rund um die Leiharbeit hat die IG Metall für Leiharbeitnehmer, die Mitglied sind, eine Hotline eingerichtet. Unter 0800 - 4463488 können sie sich kostenfrei beraten lassen.

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