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Berthold Huber: Leiharbeit ist eine Provokation

Gastbeitrag von Berthold Huber im Handelsblatt zur Lohnpolitik

Leiharbeit ist eine Provokation

02.09.2010 Ι In seinem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" kritisiert der Erste Vorsitzende der IG Metall Berthold Huber Unternehmen, die trotz schwarzer Zahlen bei Neueinstellungen vor allem auf billige Leihabeit setzen. Gesellschaftlich wie ökonomisch sei dies fatal, da Leiharbeit und der Billiglohnsektor die Binnennachfrage schwächen. Die Forderung der IG Metall von sechs Prozent mehr für die Stahlabeiter sei daher fair und angemessen, schreibt Huber. Lesen Sie hier den kompletten Beitrag.
Das Krisenmanagement ist gelungen, nun muss der Aufschwung richtig gesteuert werden. Sechs Prozent mehr Lohn sind angemessen.

Der Aufschwung ist da. Aber er ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist kein Wunderwerk, das eine "unsichtbare Hand" des Marktes vollbracht hätte. Der Aufschwung hat vielmehr mehrere Mütter und Väter. Wichtigster Geburtshelfer war die Tatsache, dass zumindest in der Krise die neoliberale Doktrin, wonach "Wirtschaft in der Wirtschaft stattfindet", überwunden werden konnte. Dieser Aberglaube war eine Beleidigung für jeden politischen und ökonomischen Intellekt.

Die anonymen, unregulierten Marktkräfte haben die Welt in die schwerste Krise seit der Großen Depression gestürzt. Immerhin: Die Politik war lernfähig. Regierungen intervenierten weltweit mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen. Sie verhinderten einen weiteren Absturz und haben die Grundlage für den Aufschwung gelegt. Dass dabei insbesondere der liberale Partner innerhalb der Bundesregierung zum Jagen getragen werden musste, sei nicht verschwiegen. Von internationalen Institutionen, aber auch von den deutschen Gewerkschaften kam Druck. Die Wirtschaftsliberalen in Berlin mussten ihre Laissez-faire-Haltung aufgeben.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das von der Auslandspresse so genannte "German Beschäftigungswunder". Es war ebenfalls kein Wunderwerk. Die IG Metall hatte von Beginn der Krise an ihr wichtigstes Ziel genannt: keine Entlassungen. Mit Abbau von Arbeitszeitguthaben, verlängerter Kurzarbeit, Umweltprämie für Altautos und dem Konjunkturprogramm konnten Hunderttausende Arbeitsplätze gerettet werden. Die damit verbundene Sicherung der Einkommen war ein wirksamer Beitrag, die Binnennachfrage zu stabilisieren.

Nicht Marktfetischismus, Deregulierung und Entrechtung der abhängig Beschäftigten, wie es neoliberale Apologeten forderten, haben die erfolgreiche Krisenintervention ermöglicht. Es waren Sozialstaat, Mitbestimmung und Tarifverträge, die Sicherheit mit Flexibilität verbanden. Jetzt im Aufschwung profitieren die Unternehmen davon, dass Arbeitskräfte gehalten wurden. Sie können die Produktion sofort hochfahren und Aufträge ausführen. Viele Unternehmen schreiben statt tiefroter wie im Vorjahr dicke schwarze Zahlen.

Umso unverständlicher ist es für die IG Metall, wenn die Unternehmen bei den Neueinstellungen vor allem auf billige Leiharbeit setzen. Für die Betriebsräte und die Beschäftigten eine Provokation, ist das gesellschaftlich wie auch ökonomisch fatal. Denn der Aufschwung wird bisher vor allem von der Exportnachfrage getragen. Sie ist fragil. Niemand vermag zu sagen, ob sie mittelfristig anhält. Zumal längst nicht alle Zeitbomben der Finanzkrise entschärft sind. Solange dies nicht geschieht, bleibt die Lage für die Weltökonomie brandgefährlich.

Es ist keine ideologische, sondern eine Frage der ökonomischen Vernunft, die Binnennachfrage zu stärken. Nur damit kann sich die deutsche Wirtschaft aus der einseitigen Exportabhängigkeit befreien. Leiharbeit und Ausweitung des Niedriglohnsektors würden dagegen die Nachfrage weiter schwächen. Hier sägen sich die Unternehmer den Ast ab, auf dem sie sitzen - und gefährden die Zukunft der Betriebe und Beschäftigten. Die IG Metall will Leiharbeit einschränken und fair gestalten. Dort, wo Leiharbeit zum Einsatz kommt, wollen wir "Equal Pay", gleiches Geld für gleiche Arbeit. Zwei Klassen von Beschäftigten werden wir nicht akzeptieren.

Die Forderung der IG Metall von sechs Prozent mehr für die Stahlarbeiter ist fair und angemessen. Ebenso die Forderung, die Leiharbeiter in der Stahlbranche endlich gleich zu bezahlen wie die fest angestellten Stahlarbeiter. Immer mehr Unternehmen missbrauchen die Leiharbeit zum Lohndumping und wollen Tarifverträge unterlaufen. Fairness ist das Gebot der Stunde für die Stahlbranche. Auf das gelungene Krisenmanagement der vergangenen 18 Monate muss nun ein erfolgreiches Aufschwungmanagement im Sinne der Beschäftigten folgen. Das gilt ebenso für die Metall- und Elektroindustrie. Der geltende Tarifvertrag hat Hunderttausende Arbeitsplätze gesichert. Zudem werden die Reallöhne durch die Erhöhung der Entgelte um 2,7 Prozent im kommenden Jahr steigen. Fairness für die Beschäftigten heißt hier, die Einkommenserhöhung um zwei Monate vorzuziehen. Dies muss in den Betrieben entschieden werden.

Abschließend: Die Schieflage bei der Einkommensverteilung, die Bevorzugung von Gewinneinkommen zulasten der Beschäftigten und Empfänger von Sozialtransfers, war eine, nicht die einzige Ursache der schweren Krise. Die Spekulation in Finanzanlagen wurde begünstigt, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen der sogenannten Realwirtschaft geschwächt. Hier hoffe ich, dass auch die Arbeitgeber aus der Krise gelernt haben. Aber: Vielleicht ist das nur die Hoffnung auf ein Wunder.

Der Text von Berthold Huber erschien ursprünglich im "Handelsblatt" vom 02.09.2010.

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Die IG Metall NRW hat einen eigenen YouTube-Kanal zur Stahl-Tarifrunde eingerichtet.

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