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Fachkräftesicherung: Qualifizieren statt Aussortieren. Foto: IG Metall

Fachkräftesicherung

Qualifizieren statt aussortieren

30.07.2012 Ι Den Unternehmen geht es gut. Doch schon zeigen sich erste Wolken am Konjunkturhimmel. Deutschland hat ein Fachkräfteproblem - sagt die Wirtschaft. Mit einer "Blue Card" können nun Fachkräfte aus Nicht EU-Staaten angeworben werden. Gleichzeitig hat die Regierung für diese Fachkräfte die Einkommensgrenzen drastisch gesenkt. Das fördert Lohndumping, kritisiert die IG Metall und bezweifelt, dass es tatsächlich bundesweit Engpässe gibt.

Von einem flächendeckenden Fachkräftemangel kann nicht die Rede sein. Das hat die Bundesagentur im Juni 2012 festgestellt. Doch es gibt Engpässe bei einzelnen Berufsgruppen und Qualifikationen, in bestimmten Regionen und in Klein- und Mittelbetrieben. Unbestritten ist, dass der Bedarf an qualifiziertem Personal steigt, die Zeiten, in denen sich die Arbeitgeber aus einer großen Masse gut qualifizierter Arbeitssuchender nach Belieben bedienen konnten, neigen sich dem Ende zu. Die Schulabgängerzahlen sinken und die Belegschaften werden älter. Um den Bedarf an Fachkräften zu sichern, ist deshalb ein kluger Mix aus verschiedenen Maßnahmen notwendig.

 

Grundsätzlich brauchen wir mehr Menschen in Arbeit. Es beginnt mit dem Zugang zu guter schulischer und beruflicher Bildung für Jugendliche und setzt sich bei der Weiterbildung von Beschäftigten fort. Zudem muss das Angebot an alters- und alternsgerechten Arbeitsplätzen ausgebaut werden. Nicht überall fehlen Fachkräfte. Aber in den technischen Berufen und im Dienstleistungsbereich gibt es viele freie Stellen. Um sie zu besetzen, sind unterschiedliche Wege notwendig. Einerseits müssen sicherlich spezieller Qualifikationen  vermittelt werden, doch oft ist auch eine Verbesserung die Arbeitsbedingungen notwendig. Denn nicht jede freie Stelle ist auf eine Mangelsituation zurückzuführen. Dass ein Arbeitsplatz nicht besetzt werden kann, kann auch an unattraktiven Arbeitsbedingungen liegen. Beispielsweise wenn die Stelle nur befristete oder in Leiharbeit angeboten wird. Auch die Lage der Arbeitszeit kann zu Hemmnissen führen - Schichtarbeit oder starre Arbeitszeiten machen es schwierig, Job und Familie miteinander zu vereinbaren. Das alles können Gründe dafür sein, dass sich Fachkräfte anders orientieren. 


Ordnung auf dem Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt ist gespalten. Die Zahl atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse ist seit der Krise dramatisch gestiegen. Ebenso hat der Niedriglohnsektor zugelegt. Gerade junge Menschen, die als Fachkräfte gebraucht werden, sind häufig nur prekär beschäftigt. Das wirkt nicht gerade motivierend. Wer nicht sicher ist, welchen Job er nächsten Monat erledigen muss und die Bedingungen nicht kennt, wird sich kaum engagieren. Die IG Metall fordert, die Leiharbeit schnellstmöglich zu reduzieren und Equal Pay einzuführen. Um den Niedriglohnsektor einzudämmen, sollten flächendeckend verbindliche Mindestlöhne eingeführt werden.


Von der Ausbildung in einen festen Job

Die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt hat sich gewandelt. Die Chancen auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz sind so gut wie nie. Doch unter den Bewerbern sind viele Hauptschüler. Deshalb müssen die Firmen jetzt umdenken. Schmalspurausbildungsgänge sind der falsche Weg. Wenn Jugendliche noch nicht so weit sind, müssen sie gefördert werden. Deshalb hat die IG Metall in der letzten Metalltarifrunde in Baden Württemberg ein betriebliches Förderjahr für nicht ausbildungsreife Schulabgänger vereinbart. Dieses Förderjahr ist kein erstes Ausbildungsjahr, sondern dient dem Einstieg in eine reguläre Ausbildung in einen Metall- und Elektroberuf. Auch in anderen Tarifbezirken gibt es ähnliche Modelle. Das Wichtigste beim Thema Ausbildung ist jedoch die Übernahme nach der Ausbildung in einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Es ist erschreckend leichtsinnig, dass es immer noch Firmen gibt, die Azubis nach der Prüfung nicht in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernehmen. Zumindest für die tarifgebundenen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie gehört das der Vergangenheit an. Dort gilt seit Mai 2012 eine Übernahmeregel.

Wer die Fachkräftebasis von morgen sichern will, muss bei den Jüngsten beginnen. Unabhängig von Status oder Herkunft müssen alle Kinder die Möglichkeit erhalten, sich zu entfalten und einen qualifizierten Schulabschluss zu erreichen. Deshalb ist eine vorausschauende Schul- und Hochschulpolitik notwendig. Studiengebühren und Eliteuniversitäten blockieren da nur.


Gute Arbeitsbedingungen

Attraktive Arbeits- und Entgeltbedingungen sind der Schlüssel zur Sicherung des Fachkräftebedarfs. Dazu gehören faire Löhne ebenso wie gute Arbeitsbedingungen. Den zunehmenden physischen und psychischen Belastungen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Zu viele Beschäftigte müssen weit vor dem eigentlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Um ältere Arbeitnehmer länger im Job zu halten, müssen die Arbeitsbedingungen alters- und alternsgerechter werden. Das spielt jedoch in den meisten Metallfirmen sträflicherweise keine Rolle. Das ist das Ergebnis einer Befragung durch TNS Infratest für das IAB. Danach bieten nur 21 Prozent der Metallfirmen älteren Mitarbeitern spezielle Maßnahmen, wie eine lernförderliche Arbeitsorganisation oder betriebliche Qualifizierungsmaßnahmen, damit die Beschäftigten ihre Kompetenzen erhalten und weiterentwickeln können.


Keine Billiglöhnen für ausländische Fachkräfte

In besonderen Fällen ist es sinnvoll, Fachleute aus dem Ausland anzuwerben. Beispielsweise bei Hochqualifizierten, für Mangelberufe und auf Arbeitsplätzen, die ansonsten nicht besetzt werden können. Doch zunächst sollte das Potenzial des heimischen Arbeitsmarktes ausgeschöpft werden. Mit Blick auf fehlende Fachleute hat die Regierung im April 2012 neue Zuwanderungsregeln verabschiedet. Hochqualifizierte erhalten eine sogenannte "Blue Card" und damit eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung, wenn sie mindestens 44 000 Euro im Jahr verdienen und einen Arbeitsvertrag haben. Bei den sogenannten Mangelberufen liegt die Verdienstgrenze sogar nur bei 33 000 Euro. Das kritisiert die IG Metall. Damit wird Lohndumping gefördert. Denn ein Jahreseinkommen von 33 000 Euro unterläuft die Tarifverträge für IT- und Engineering-Spezialisten. Fachkräftemangel kann nicht behoben werden, indem ausländische Spezialisten zu Billiglöhnen angeheuert werden.

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