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Evgeny Morozov. Foto Annette Hornischer

Autor Evgeny Morozov auf der "Engineering- und IT-Tagung"

"Wir müssen die Fairness zurückholen!"

12.09.2014 Ι Viele Menschen glauben, hinter der Digitalisierung stecke eine Logik. Technik bahne sich ihren Weg, weil sie rundum praktisch sei. Zwar könnten etwa Apps dem Einzelnen durchaus dienlich sein, sagt Publizist Evgeny Morozov. Doch der Nutzen für Dritte sei ungleich größer.

Bewegungsprofile lassen sich über Smartphones schon lange erstellen. Smartwatches können seit Neustem zusätzlich Vitalwerte ihrer Träger sammeln. Evgeny Morozov hinterfragt den Sinn solcher Technik. Für ihn ist der individuelle Nutzen zwar vorhanden, aber der Gewinn für Dritte viel größer. "Man wird als technikfeindlich gebrandmarkt", sagte Morozov, "aber ich sage: Das hat mit Technik nichts zu tun." Man müsse doch fragen, warum es für einige Wenige beispielsweise interessant ist, Menschen nachzuverfolgen. Dahinter stünden wirtschaftliche Interessen. Und politische, etwa um Probleme zu lösen, in dem man das Verhalten von Menschen durch sogenanntes Nudging beeinflusst. Dabei werden Menschen "angeschubst", bestimmte Entscheidungen zu treffen. Auch die Bundesregierung soll sich laut Medienberichten mit der Methode beschäftigen.

Evgeny Morozov ist weißrussischer Publizist und setzt kritisch mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Kultur auseinander und hinterfragt den vermeintlichen Nutzen einer vernetzten Welt. Große Bekanntheit erlangte er unter anderem durch sein Buch "Smarte neue Welt". In Rüsselsheim hat er auf der "Engineering- und IT-Tagung" der Hans Böckler Stiftung in Zusammenarbeit mit der IG Metall seine Thesen über die "Digitale Technik und die Freiheit des Menschen" zur Diskussion gestellt.


Interview mit Evgeny Morozov auf der Engineering- und IT-Tagung:


Und stieß auf großes Interesse. Denn analog hinterfragt die IG Metall in Bezug auf die Arbeitswelt, ob alles, was technisch möglich ist, auch im Sinne der Beschäftigten ist. Beziehungsweise, wie neue Chancen genutzt und die Digitalisierung positiv gestaltet werden kann. Das fängt bei der Diskussion um die Industrie 4.0 an, geht über Themen wie Crowdsourcing, mobiles Arbeiten, bis hin zu neuer Arbeitsplatzsoftware nach dem Konzept der sogenannten Gamification. Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, hatte die Relevanz dieser Fragen verdeutlicht: "Als Privatmenschen können wir selbst entscheiden, ob wir digitale Spielereien nutzen. Aber in unseren Büros und Werkshallen haben wir keine Wahl."

 

Evgeny Morozov unterschied vor den rund 400 technischen Expertinnen und Experten aus über 150 Unternehmen drei große Trends: die Verbreitung von Sensoren, Filtern (Algorithmen) und Datenspuren. Letztere hinterlasse jeder mit jedem Klick im Netz. Auch Sensoren seien überall zu finden, in Kaffeemaschinen, Smartphones, Rauchmeldern oder Thermostaten. So gelange etwa der Google-Konzern an mehr Informationen über jeden Einzelnen, als sie Banken oder Versicherungen hätten. Was bei letzteren natürlich Begehrlichkeiten weckt.


Genannte Beeinflussung "Nudging" lässt sich mittels Datenfiltern beziehungsweise Algorithmen umsetzen. Ein Beispiel für einen Datenfilter ist der Newsfeed von Facebook. Das soziale Netzwerk selektiert, welche Posts und Nachrichten seine User angezeigt bekommen. Unlängst war bekannt geworden, dass das Unternehmen für eine Psychologie-Studie die Newsfeed hunderttausender Nutzer manipulierte. Einer Gruppe wurden gefiltert mehr positive Nachrichten gezeigt, der anderen mehr negative. Dadurch ließ sich die Stimmung der User beeinflussen. "Das hat extreme Folgen und ist nicht trivial", sagte Morozov. All das passiere außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Kontrolle.


Über die Datenspuren würden im Netz zunehmend Lebensläufe jedes Einzelnen entstehen, die mit jedem Klick in Echtzeit upgedatet werden. In den USA kreierten etwa Reputationssysteme, mit dem beispielsweise Hotels ihre Gäste bewerten, ein persönliches Image. "Das führt zu einem sehr prekären Lebensstil", sagte Morozov. "Sie müssen sich bei allem, was sie tun, über ihren Ruf Gedanken machen." Denn der ist natürlich wichtig, wenn es um Kredite oder den Arbeitsplatz geht. Auch direkt an den Arbeitsplätzen sammeln Arbeitgeber immer mehr Daten über die Beschäftigten: Wie schnell jemand tippt oder den Mauszeiger über den Bildschirm bewegt - das kann vermeintlich Aufschluss darüber geben, wie viel Leistung jemand erbringt.


"Wir müssen nicht Nein zu Daten sagen. Wir müssen die Fairness zurückholen", sagte Evgeny Morozov. "Das sollten wir nicht der Wirtschaft überlassen." Die Thesen des Weißrussen stießen auf große Zustimmung, polarisierten aber auch. Kurz nach Morozovs Vortrag, und vor der Podiumsdiskussion mit dem bekannten Blogger Christoph Kappes twitterte dieser: "Gleich Podium zu @evgenymorozov bei der IG Metall. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll." Das ließ sich dann auch an Kappes verfinsterter Miene ablesen. "Es war schwer, sich das eine Stunde lang anzuhören", entschuldigte Kappes seine schroffen Antworten.


Insgesamt schienen dem Autor die Ansichten Morozovs zu schwarz-weiß zu sein. Zwar müssten Datenökonomie und Technologie reguliert werden. Doch bildeten Menschen und Technik eine soziotechnische Einheit. Menschen würden Technik hervorbringen, weil sie eine Vision davon hätten, wo sie hin wollen. Was die Gestaltung der digitalen Welt angeht, ergaben sich nüchtern betrachtet wohl viele Übereinstimmungen, die in der hitzigen Diskussion der Teilnehmer aber teilweise untergingen.

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Foto: panthermedia / Mykola Velychko
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