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© Uli Eberhardt

Dürr in Ludwigsburg

Innovatives Arbeitszeitkontenmodell

Im Jahr 2002 hat Dürr eine Vereinbarung zu Gleit- und Langzeitkonten abgeschlossen, mit dem der Anlagenbauer aus Baden-Württemberg zu einem Vorreiter bei der Gestaltung von Arbeitskontenmodellen wurde. Für die fast 4000 Beschäftigten an den deutschen Standorten gibt es seit 2013 zudem ein Sozialbudget - über deren Verteilung entscheidet der Betriebsrat.

Das Sozialbudget ist eine Erfolgsbeteiligung, die nicht direkt ausgezahlt wird, sondern den Beschäftigten über betriebliche Projekte zugute kommt. "Die Idee war, in der Firma einen Mehrwert für alle Beschäftigten zu schaffen", sagt Hayo Raich, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats. Die Betriebsvereinbarung sieht eine jährliche Erfolgsprämie von maximal 2750 Euro vor. Zusätzlich werden abhängig vom operativen Ergebnis bis zu 500 000 Euro im Jahr für das Sozialbudget zur Verfügung gestellt. Der Betriebsrat entscheidet über deren Verteilung. Vor allem Projekte in den Bereichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Gesundheitsmanagement werden beim Lackieranlagenbauer unterstützt - etwa der Gesundheitstag am Stammsitz Bietigheim-Bissingen. Die Beschäftigten erhalten zwei Stunden von ihrer Arbeitszeit, können sich informieren, an Trainings teilnehmen und sich auf Herz und Nieren durchchecken lassen. Sportgruppen von Fuß- bis Volleyball und der Fitnessraum werden ebenso gesponsert wie die Teilnahme am Drachenbootrennen für die Wolfsburger Belegschaft. Auch der Grillplatz für die Beschäftigten im münsterländischen Ochtrup wurde finanziert. "Ein solches Projekte ist identitätsstiftend, schweißt die Mannschaft zusammen", so Raich. "Deshalb unterstützen wir das."

 

Der Arbeitgeber zeigt sich immer interessierter und wirbt selbst mit dem Sozialbudget, etwa bei der Personalsuche. "Die Personalabteilung kann Ideen vorschlagen, hat aber kein Mitspracherecht", stellt Hayo Raich klar. "Das Geld gehört den Kolleginnen und Kollegen." Längst wirkt das Modell   über Dürr hinaus, berichtet Susanne Thomas von der IG Metall Ludwigsburg. "Oft sind die Leute in anderen Betrieben erst skeptisch, setzen sich dann damit auseinander, weil Gesundheit einen Wert darstellt." Für Dürr zahlt sich das mit sehr niedrigen Krankenständen und einer geringen Fluktuationsrate in der Belegschaft aus. Bei der kürzlich übernommenen Homag-Gruppe, die Holzbearbeitungsmaschinen herstellt, wird das Sozialbudget ebenfalls eingeführt. Die 4000 Homag-Beschäftigten werden einen eigenen Etat bekommen, der vom dortigen Betriebsrat verwaltet wird.

 

Vorreiter für andere Betriebe

Das Arbeitszeitkontenmodell, mit dem Dürr Vorreiter für andere Betriebe wurde, entstand aus der Erfahrung einer Krise im Jahr 1994. Am damaligen Stammsitz Stuttgart mussten Beschäftigte gekündigt werden, weil Aufträge weggebrochen waren. "Ein Jahr später war die Krise vorbei und die mit Abfindung entlassenen Mitarbeiter mussten zurückgeholt werden", sagt Raich. Diese konnten ihre Abfindungen behalten und wurden zu alten Konditionen weiterbeschäftigt, was in der Belegschaft für heftige Diskussionen sorgte. "So etwas wollten wir nicht mehr erleben." Deshalb wurde 2002 ein Modell zu Gleit- und Langzeitarbeitskonten abgeschlossen. Ab da konnte jeder Beschäftigte seine tariflichen sieben Stunden beliebig zwischen 6 und 19 Uhr leisten. Überzeiten flossen auf das insolvenzgesicherte, in Stunden geführte Langzeitkonto. "Seither verfällt keine Stunde mehr, kein tariflicher Mitarbeiter arbeitet umsonst", so Raich.

 

Die gesammelten Stunden sind nicht nur für den Krisenfall gedacht, sondern können auch für Sabbaticals, Pflege, Hausbau oder den früheren Ruhestand verwendet werden. Mit dem Modell wurde Dürr ein Vorreiter. 2004 schloss die IG Metall den Tarifvertrag Arbeitszeitkonten ab und schuf den tariflichen Rahmen. 2009 schob das Finanzamt dem schönen Modell jedoch einen Riegel vor. Das Lebensarbeitszeitkonten mussten nun in Geld geführt, Auszahlungen voll versteuert werden. Der Betriebsrat verhandelte deshalb eine neue Vereinbarung, die nach Prüfung der Finanzverwaltung bald in Kraft treten soll. "Diese Änderung kann unsere Leute Geld kosten, das werden wir nicht ganz ausgleichen können." Dafür ist nun die Auswahl von Rentenbausteinen möglich, erstmals auch für AT-Beschäftigte. Den Krisenfall, für den das Ganze eigentlich vorgesehen ist, gab's bisher nur einmal: 2009 mussten etwa 20 Prozent der Beschäftigten zwischen 50 und 200 Stunden aus ihren Guthaben abfeiern.

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