IG Metall
IGMetall.de - Springe direkt:
Inhalt
     
Diskussion über Europa

Diskussion über Europa

Was Franzosen und Deutsche voneinander lernen können

31.10.2014 Ι Auf der Suche nach Wegen aus der Krise schauen viele in Europa nach Deutschland. Doch was zeichnet das Modell Deutschland aus? Der französische Journalist Guillaume Duval hat sich auf die Suche nach dem richtigen Weg gemacht und ein Buch geschrieben. Anlässlich seines Erscheinens diskutierte er mit Detlef Wetzel und Jörg Hofmann über Stärken und Schwächen des deutschen Modells.

Schauen Franzosen zu ihrem rechtsrheinischen Nachbarn reibt sich mancher verwundert die Augen und fragt: "Wie machen die das nur, die Deutschen?" Während viele europäische Länder noch immer mit den Folgen der Finanzkrise kämpfen, ihre Wirtschaft nicht in Schwung kommt und die Arbeitslosigkeit vor allem unter jungen Menschen einfach nicht schwindet, boomt die deutsche Wirtschaft. Der Gedanke liegt nahe: "Wenn wir es machen wie die Deutschen, geht es uns wieder besser."

In seinem Buch "Modell Deutschland? Nein danke!" sucht Guillaume Duval, Chefredakteur der Monatszeitschrift Alternatives Èconomique, nach den Quellen des deutschen Wirtschaftserfolges. Viele Seiten des deutschen Modells wünscht er sich für Frankreich: die Berufsausbildung, das ökologische Bewusstsein, die Mitbestimmung. "Arbeitnehmer haben hier wirklich etwas zu sagen." Nein, sagt Duval dagegen zu den Schröder-Reformen, die überall in Europa für das deutsche Modell stehen. Auch die Regierung in Frankreich sei überzeugt, dass das Land Schröder-Reformen braucht. Diese einfache Antwort lehnt er ab. "Wenn alle europäischen Länder eine Schröderpolitik machen, wird die Wirtschaft in Europa nicht mehr auf die Beine kommen", warnte Duval in Frankfurt am Main, wo er am Donnerstagabend mit Detlef Wetzel und Jörg Hofmann, dem Ersten und Zweiten Vorsitzenden der IG Metall, die auch Herausgeber des Buches sind, diskutierte.

Detlef Wetzel nannte es eine wichtige Feststellung, dass nicht die Agenda 2010 die deutsche Wirtschaft so erfolgreich gemacht hat. "Sie hat Lösungen gesehen für Probleme, die wir nicht hatten, und Probleme geschaffen, die wir nicht kannten", sagte der Erste Vorsitzende der IG Metall. Die Gründe, warum Deutschland die Krise besser als andere überstanden hat, sind flexible Tarifverträge und die Mitbestimmung der Arbeitnehmer. "Wir haben in der Krise bewiesen, wie wirksam sie sind. Wir waren in der Lage, die veränderten globalen Bedingungen aufzunehmen und haben es geschafft, dass Arbeitnehmer davon profitiert haben, leider nicht immer genug."

 

Wettbewerbsvorteil Mitbestimmung

Auch Duval sieht in der Mitbestimmung einen wichtigen Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft. Deutsche Arbeitgeber müssen im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen Beschäftigte viel stärker an Entscheidungen beteiligen. Flexible Betriebs- und Tarifpolitik verhinderte gemeinsam mit staatlicher Unterstützung, dass Arbeitnehmer in der Krise massenhaft ihren Arbeitsplatz verloren. Mit dem Abbau von Stundenkonten und Kurzarbeit hielten Betriebe ihre Belegschaften über Monate der Auftragsflauten an Bord. Damit blieb nicht nur Kaufkraft erhalten. Nach der Krise konnten deutsche Unternehmen ihre Produktion nahtlos wieder aufnehmen und mussten nicht erst neue Leute suchen.

Jörg Hofmann, betonte auch die gute Substanz. "Die Vorteile des rheinischen Kapitalismus haben sich beständiger gezeigt gegen neoliberale Attacken, als viele es erwartet haben. Der deutsche Erfolg zeigt, wie wichtig eine breite industrielle Basis ist." Einen wichtigen Teil des wirtschaftlichen Erfolges trägt heute der Boom in den sogenannten Bric-Staaten, Brasilien, Russland, Indien, China. "Dass die deutsche Industrie dort so erfolgreich ist, hat nichts mit niedrigen Lohnkosten zu tun, sondern mit Innovationen", sagte Hofmann.

 

Erfolg durch Innovationen

In seinem Buch beschreibt Duval noch eine Reihe weiterer Gründe. Sie gehen teilweise auf Entscheidungen zurück, die Jahrhunderte zurückliegen. Ein Vorteil der deutschen Wirtschaft: Sie konzentriert sich nicht auf wenige Zentren. In Deutschland begegnet man alle 50 Kilometer einer hochmodernen Fabrik. Eine Folge des Förderalismus, den Duval auf die späte Einigung Deutschlands 1871 zurückführt.

Zu den Stärken zählt Duval den Maschinenbau - eine Branche, in der Hersteller schnell zum Weltmarktführer werden -  und die geographische Lage. Mit dem Fall der Mauer vergrößerte das einst geteilte Deutschland nicht nur seinen Inlandsmarkt, es bekam auch Zugang zu den Märkten in Mittel- und Osteuropa. Teilweise verlagerten Unternehmen zwar Produktion in diese Länder. Dass diese Verlagerungen aber die Industrieproduktion in Deutschland nicht grundsätzlich infrage stellten, liege an der Mitbestimmung der Arbeitnehmer.

Auch wenn sich Duval eine Mitbestimmung wie in Deutschland für Frankreich wünscht, einfach übertragen lässt sie sich nicht, sagte Hofmann." Mitbestimmung lässt sich nicht  einfach implantieren. Sie ist verbunden mit Traditionen, die kulturell verankert sind. Der Weg kann ein anderer sein, aber das Ziel ist dasselbe: Mitbestimmungsrechte und vernünftige Tarifverträge."

Themen

Alles rund um Ihren Arbeitsplatz.

Links und Zusatzinformationen
Mit Tarifvertrag geht's gerechter zu:

beim Entgelt, beim Urlaub, bei der Arbeitszeit - und es gibt Rechtsschutz. Aber: Nur Mitglieder haben einen Anspruch darauf.

Servicebereich