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Dioxinskandal: Interview mit Diplomchemiker Michael Rocker. Foto: IG Metall

Dioxinskandal: Interview mit Diplomchemiker Michael Rocker

Gift im Ei o weh, im Kühlschmierstoff okay?

18.01.2011 Ι Mit dem Argument, die dioxinhaltigen Abfälle seien doch ursprünglich für die Industrie gedacht, versuchte die Futtermittelfirma im Dioxinskandal die Öffentlichkeit zu beruhigen. Nicht beruhigen dürfte es Beschäftigte in Metallbetrieben, die dioxinhaltigen Kühlschmierstoffen ausgesetzt sind. Was es auf sich hat, tagtäglich mit solchen Stoffen und Schmierfetten arbeiten zu müssen, erklärt Michael Rocker, Diplomchemiker bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM).

Was haben Dieselöl, Eier und industrielle Schmierfette miteinander zu tun?
Wenn Bio-Diesel hergestellt wird, etwa aus Palmsoja oder Rapsöl, entstehen als Abfallprodukte sogenannte technische Fettsäuren. Sie dürfen aber nicht inTierfutter gemischt werden und in Lebensmittel, wie Eier, gelangen, sondern sollen nur in der Industrie verwendet werden. Dort kommen sie aber auch nicht häufig vor. Denn Erdölprodukte, die seit Jahren dioxinfrei sind, eignen sich besser zum Schmieren, weil sie stabiler sind und sich nicht wie pflanzliche Fette zersetzen.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil an pflanzlichen Fetten in der Industrie?
Auf vielleicht 15 bis 20 Prozent.

Und die dürfen Dioxin enthalten?
Wie das Dioxin im Fall der Futtermittelfirma Harles und Jentzsch in die Fettsäuren gelangt ist, ist ja noch ungeklärt. Aber bei den Dioxin-Konzentrationen, die gemessen wurden, hätten die Fettsäuren in der Industrie gerade noch verwendet werden dürfen.
Für Arbeitsstoffe gelten in der Regel höhere Grenzwerte als für Lebensmittel. Bei Dioxin liegt der Wert für Gefahrstoffe in der Industrie schon 1000fach höher als der für Futtermittel und sogar 2000fach höher als für Lebensmittel.

Warum werden denn eigentlich solche Unterschiede gemacht?
Als Grund führen Experten an, bei der Arbeit nähmen Menschen weniger Gift auf als beim Essen. Schutzkleidung und Absauganlagen sollen außerdem dafür sorgen, dass Beschäftigte nicht direkt damit in Berührung kommen. Wo das nicht ausreichend der Fall ist, können Arbeiter das Gift, wenn es zum Beispiel in Kühlschmierstoffen ist, über die Haut oder durch Einatmen von Aerosolen aufnehmen. Aber selbst dann besteht kein Grund zur Panik. Die Gefahr, dass sie ihre Gesundheit schädigen, ist gering. Mir ist bisher kein Fall bekannt, dass in der Metallindustrie jemand wegen Dioxin in Schmierstoffen erkrankt ist. Aber es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis auch solche Fälle an die Öffentlichkeit dringen.

Und bis dahin muss nichts getan werden?
Doch. Natürlich. Ich habe zum Beispiel bei Herstellern und beim Verband der Schmierstoffindustrie eine Anfrage gestartet, ob ihre Mitglieder eine Eingangskontrolle auf Dioxin machen.

Und wie ist die Reaktion?
Es gibt erst eine. Eine Firma hat mir geantwortet, dass sie keine Reste aus der Diesel-Produktion oder Recyclingfette für industrielle Fette verarbeitet. Dioxin-Untersuchungen macht wahrscheinlich keine, weil sie sehr teuer sind. Jede wird daruf verweisen, dass ihr Zulieferer über Zertifikate verfügt und sie das darum nicht überprüfen muss.
Es gibt einen gemeinsamen Arbeitskreis aus Vertretern der Berufsgenossenschaften, Hersteller, Anwender und der IG Metall. Vielleicht muss sich der Arbeitskreis künftig bestätigen lassen, dass die Produkte dioxinfrei sind oder zumindest, dass keine Recyclingprodukte, wie Reststoffe aus Frittieranlagen, verwendet werden, die im Verdacht stehen, dioxinhaltig zu sein.

Vertrauen ist nicht gut, Kontrollen wären besser. Sollten die Firmen nicht verpflichtet werden, regelmäßige Messungen zu machen?
Ja, die wären auch technisch machbar, aber - wie gesagt - teuer. Die Berufsgenossenschaft wird Produkte in Zukunft in Einzelfällen analysieren lassen, wenn nicht klar ist, wer das Recyclingprodukt geliefert hat, aus dem das Schmierfett hergestellt worden ist.

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