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Chinesische Investoren

Arbeitnehmer müssen "chinesisch" lernen

27.10.2017 Ι Deutsche Unternehmen sind bei chinesischen Investoren beliebt - und bisher waren auch deutsche Arbeitnehmer meistens sehr zufrieden, wenn der neue Chef aus China kommt. Doch inzwischen bekommt das schöne Bild Kratzer.

"Mianzi" ist ein Wort, das deutsche Betriebsräte schnell lernen, wenn ihr neuer Eigentümer ein Chinese ist. Nichts ist schlimmer für einen Menschen aus dem Reich der Mitte, als diu mianzi: sein Gesicht zu verlieren. Wer einen Chinesen überzeugen will, muss das wissen und vermeidet es, ihn mit direkter Kritik vor den Kopf zu stoßen. Andernfalls hat er schlechte Chancen, mit seinen Argumenten durchzudringen. Immer mehr Betriebsräte machen sich mit den Besonderheiten der fernöstlichen Kultur vertraut - um bei der Übernahme mitzureden.

 

Erfahrungen gut

Schon seit einigen Jahren sind private, halbstaatliche oder staatliche Investoren  aus China in Deutschland auf Einkaufstour. Vor allem Hightechfirmen aus der Chemie-, Pharma-, Metall-und Elektroindustrie stehen auf ihren Wunschzetteln. Oft übernehmen sie insolvente Firmen und machen sie wieder gesund. Zum Beispiel Krauss-Maffei, das nach einer Hängepartie mit drei verschiedenen westlichen Finanzinvestoren und einer jahrelangen Leidensgeschichte für die Beschäftigten von einem chinesischen Großkonzern übernommen wurde. Seitdem geht es dem Unternehmen wieder gut, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind zufrieden. Denn der Investor achtet die Mitbestimmungsrechte weitgehend, hält Tarifverträge ein, bekennt sich zu den deutschen Standorten und investiert. Lange Zeit war das die typische Erfahrung deutscher Belegschaften mit chinesischen Konzernen.

 

Erste Kratzer

Inzwischen fällt das Urteil differenzierter aus. Am Standort der Solarfirma Astronergy in Frankfurt an der Oder weigert sich die Geschäftsführung aus der ostchinesischen Stadt Hangzhou, für die Beschäftigten einen Haustarifvertrag mit der IG Metall abzuschließen. Auch die Belegschaft eines hessischen Metall verarbeitenden Betriebs sind ernüchtert. Den großen Versprechungen des chinesischen Privatmanns, der 2009 in das Unternehmen einstieg, folgte eine große Enttäuschung. So wurden Maschinen und Produktion nach China verfrachtet, obwohl dort nicht das nötige Know-how vorhanden ist. Zudem hat der Käufer nicht das nötige finanzielle Polster, um zugesagte Investitionen auch zu tätigen. Die Folge: Jetzt bangen die Beschäftigten in Deutschland um ihre Arbeitsplätze.

 

Das fremde Gesicht

Das sind nur zwei Beispiele, aber nicht die einzigen. "Die Investoren machen Fehler bei dem Versuch, das Unternehmen wieder in die Spur zu bringen." Das ist für Christian Weis, China-Experte im Bereich Transnationale Gewerkschaftspolitik beim IG Metall-Vorstand, ein Grund dafür, dass sich negative Erfahrungen häufen. Ein anderer ist, dass Beschäftigungssicherungsverträge, die beim Kauf der Firma abgeschlossen wurden, allmählich auslaufen. Oft spielt aber noch ein weiterer Grund eine Rolle: So fremd, wie den Deutschen das  Mianzi ist, die Kultur des Gesichtwahrens, so fremd ist den Chinesen die deutsche Kultur im Arbeitsleben. Sie kennen das Arbeitsrecht und die Mitbestimmungskultur nicht. Und sie verstehen die Rolle der Gewerkschaften nicht. So erklärte ein Investor: "Es tut mir leid, aber ich werde der IG Metall nicht beitreten." Solche Aussagen sind für deutsche Beschäftigte so irritierend wie die Tatsache, dass chinesische Kapitalisten oft in der Kommunistischen Partei sind. "Wenn wir schlechte Erfahrungen mit Gesellschaftern aus China machen, wissen wir nicht immer, ob mangelndes Wissen oder bewusste Missachtung dahinter steckt", sagt Christian Weis.

 

Auf Augenhöhe

"Hätten wir das bloß alles vorher gewusst", sagte ein frustrierter Betriebsrat auf einer Veranstaltung der IG Metall für Betriebsräte in Firmen mit chinesischen Anteilseignern. Dann nämlich hätten sie versucht, sich vorher genauer über den Käufer zu informieren - und versucht, die Mitbestimmungsrechte, die sie haben, zu nutzen, um mitzureden. Doch das ist oft schwierig. An den neuen global Player China müssen sich auch die deutschen Arbeitnehmervertreter und -vertreterinnen erst gewöhnen. Sie müssen lernen, wie sie Informationen über den Investor erhalten, um ihn einschätzen zu können. Christian Weis beim IG Metall-Vorstand berät und unterstützt sie dabei. "Wir wollen die Betriebsräte auf Augenhöhe mit den chinesischen Geschäftsleitungen bringen. Sie sollen sich von Anfang an an den Entscheidungsprozessen beteiligen können. Wir wollen den chinesischen Eigentümern vermitteln, dass unsere Betriebsräte gute Gesprächspartner und Experten in ihrem Unternehmen sind."  - Und dabei kann  es eben ganz hilfreich sein, etwas über Mianzi zu lernen.

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Werner Bachmeier
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